Archive for the ‘Venezuela’ Category

Güigüe

8. November 2009


Seit Donnerstag sind Br.Martin, Br.Cyrille und ich in El Rosal bei Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens. Also ein letzter Blick zurück nach Güigüe, der Abtei in Venezuela, wo wir uns zwei Wochen lang sehr wohl gefühlt haben. Sie liegt malerisch auf einem Hügel oberhalb der Kleinstadt Güigüe und des Sees von Valencia.

Martin und Cyrille haben neulich ein Foto gezeigt, auf dem sie gemeinsam mit dem Abt von Güigüe zu sehen sind. Das war vor zwei Jahren, im Oktober 2007 bei seinem Besuch in Togo. Abt Otto hatte sich dort mit Malaria angesteckt. Die Krankheit brach aber erst aus, als er schon wieder nach Güigüe zurückgekehrt war. Hier gibt es keine Malaria, niemand kannte die Symptome, auch die Ärzte haben die Krankheit erst erkannt, als es schon zu spät war. Zehn Tage nach der Rückkehr aus Togo ist Abt Otto gestorben.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich die Nachricht von dem traurigen Ereignis erhielt, denn ich war damals gerade in Peramiho angekommen, wo die Malaria zum Alltag gehört. Deshalb wird sie dort fast immer rechtzeitig erkannt und lässt sich dann auch gut behandeln (ich war trotzdem froh, dass sie mich verschont hat).

Das Kloster wurde in den 1920er Jahren von St.Ottilien aus gegründet. Eine besondere Verbindung mit Peramiho ergab sich während des Zweiten Weltkriegs: Als Peramiho ausgerechnet mitten im Krieg die heute noch bestehende riesige Kirche baute, kam fast nur aus Venezuela finanzielle Unterstützung.

Kirche und Kloster sind in den 1980er Jahren neu gebaut worden; wie uns Br.Hugo mit berechtigtem Stolz erzählte, wurde der Bau mit einem nationalen Architekturpreis ausgezeichnet und zum „Nationalen kulturellen Monument“ erklärt – das ist wohl so etwas Ähnliches wie der Denkmalschutz bei uns.

Zur Gemeinschaft gehören zwei ältere deutsche Mönche, zwei Spanier (die Aussprache des C verrät sie), vier ältere und vier jüngere Venezolaner.

Übrigens: Güigüe wird „gwigwe“ ausgesprochen. Das liegt daran, dass die Spanier ein ziemliches Problem mit ihrem G haben. Es wird nämlich vor I und vor E meistens wie ein deutsches CH in „Bach“ gesprochen. Wenn es doch wie ein ordentliches G gesprochen werden soll, müssen die Spanier ein U hinter das G setzen, wie in „Guitarre“. Das U wird dann nicht ausgesprochen. Wenn es doch ausgesprochen werden soll, dann müssen die Spanier zwei Punkte darüber setzen. Da haben die Italiener eine klügere Lösung gefunden, die schreiben nämlich „ghi“, wenn sie ein ordentliches G meinen („Spaghetti“, hier schreibt man dafür „Espagueti“).


Und bevor ich mich auch in Gedanken von Venezuela verabschiede, muss ich noch dieses Bild loswerden. Der Schaffner signalisiert: „Diese Lücke im Verkehr gehört mir.“

Und noch zwei Fotos vom Paradies

7. November 2009

Oben das versprochene Foto von dem Bus, der uns auf der schmalen Passstraße entgegen kam. Unten die Brüder Enrique, Cyrille und Postulant Fidias, dahinter der Bootsführer. Im Hintergrund die Badebucht und die Berge, die so steil zum Meer hin abfallen, dass es keine Straße entlang der Küste gibt.

Ausflug ins Paradies

6. November 2009

Am Dienstag hat die Gemeinschaft von Güigüe uns zu einem „kleinen Ausflug“ mitgenommen. Es ging zunächst durch den Stau der Millionenstadt Maracay hindurch, dann auf einen Bergpass in 1600 m Hoehe, auf der Art von Bergstraße, wo einem besser keiner entgegenkommt (das Foto mit dem Bus, der dann doch entgegenkam, reiche ich morgen nach), dann hinunter bis zum Meer. Weil die Berge direkt ins Meer stürzen, konnten wir dann nicht weiter die Küste entlang fahren, sondern stiegen in ein Boot (siehe Foto), um dann in der übernächsten Bucht den Strand zu genießen. Kaum waren wir da, fing der Regen an, aber dem konnte man entkommen, indem man ins Wasser stieg. Das war so warm, dass der Regen wirklich nicht störte. Und außerdem hörte er nach einiger Zeit wieder auf. Die fünf Stunden am Strand waren viel zu kurz, dann ging es wieder zurück – dreieinhalb Stunden lang. Die Venezolaner scheinen ein etwas anderes Verhältnis zu langen Autofahrten zu haben als wir.
Dazu trägt wohl auch der spottbillige Benzinpreis bei. P.Marco hat an der Tankstelle 3 Bolivares bezahlt, nach offiziellem Kurs etwas mehr als ein Euro, nach Schwarzmarktkurs etwas weniger als ein halber Euro. Er hat mir vorher den 10-Bolivares-Schein gezeigt, mit dem er bezahlt hat, und anschließend die 7 Bolivares Wechselgeld. Also: Ungefähr ein Euro für die gesamte Tankfüllung. Und der Tank war fast leer gewesen.

Gott vergibt, aber der Ehrwürdige nicht

6. November 2009

Die Busse sind hier recht bunt, oft mit religiösen Bildern und großmäuligen Sprüchen geschmückt. Viele zeigen das Bild des ehrwürdigen Doktor Hernández, den anscheinend jeder Venezolaner kennt. Ein volkstümlicher Arzt, der 1919 in Caracas von einem Auto überfahren wurde (damals gab es noch kaum Autos, er hatte also ziemlich viel Pech). Wie in Kuba gibt es auch hier die Religion der Santeria mit ihren afrikanischen Wurzeln, in den katholische Heilige mit afrikanischen Gottheiten identifiziert werden. Aus irgendeinem Grunde hat es Dr.Hernandez vom „Halbgott in Weiß“ zu einem Ganz-Gott der Santeria gebracht. Meine katholischen Gesprächspartner sprachen von brujeria, „Hexerei“, bei der der vergöttlichte Doktor eingesetzt wird. So richtig freuen wird ihn das nicht, war er doch zu Lebzeiten ein frommer Katholik, so fromm, dass sein Seligsprechungsprozess vor 60 Jahren eingeleitet wurde. Im Rahmen dieses Prozesses hat der Papst ihm den Titel „Ehrwürdiger“ verliehen. Dass es immer noch zu keiner Seligsprechung gekommen ist, legt den Verdacht nahe, dass man in Rom seine Verbindung mit der Santeria scheut, für die er aber gar nichts kann.

Auf dem rechten Bus ist in der Mitte sein Bild zu sehen, rechts daneben steht, „Dios perdona, pero el Venerable no.“ Übersetzung siehe Überschrift.

El presidente

4. November 2009

Zur Begrüßung gibt man sich hier die Hand, man stellt sich vor oder wird vorgestellt, dann sagt man „Mucho gusto“ (ungefähr: Sehr erfreut) und zwei Sätze später gibt man zu erkennen, dass man nichts, aber auch gar nichts vom Staatspräsidenten Hugo Chavez hält. Er ist schuld an den Ausfällen der Strom- und Wasserversorgung, er hat die Wirtschaft und das Bildungswesen des Landes ruiniert, er ist ein egozentrisches Großmaul und macht die allerdümmsten Sachen und so weiter und so fort.
„Der Staatspräsident gehört zur Santeria (der Religion, die ich schon öfter hier erwähnt habe).“ Ich frage nach: „Sagt er das öffentlich ?“ – „Nein, aber die Parlamentspräsidentin hat bei ihrer Wahl nicht Gott gedankt, sondern Obbatalá.“ Aha, eine Parteifreundin des Präsidenten hat in der Öffentlichkeit eine Santeria-Gottheit erwähnt, und deshalb gehört natürlich auch der Präsident im Geheimen zu dieser Religionsgemeinschaft. Ich schweige angesichts von so viel Logik.

Es gibt aber auch Venezolaner, die – nicht im dritten Satz, sondern erst wenn sich eine gewisse Vertrautheit eingestellt hat – die nicht über den Präsidenten schimpfen, sondern über den Zustand Venezuelas vor 1998, dem Jahr, in dem Chavez gewählt wurde. Damals gab es Bildung nur für die Reichen, das Volk konnte weder lesen noch schreiben lernen, der Reichtum des Landes floss an die multinationalen Konzerne aus den USA und so weiter.

Natürlich sind beide Versionen stark vereinfacht, und die beiden Parteien scheinen nicht miteinander zu sprechen. Zum Glück hat mir P.Marco Antonio vor einigen Tagen ein deutlich klügeres, differenzierteres Bild von der Politik Venezuelas vermittelt.

Das Foto zeigt den Präsidenten rechts mit einem lokalen Kandidaten. Dazu der Text: „Wir arbeiten mit Verantwortung und revolutionärer Mystik. Wir werden es erreichen, effizient zu sein. Sozialismus ist Effizienz.“ Bei dem Wort „Sozialismus“ fällt mir natürlich ein gewisser Staat in Ostdeutschland ein.

Bewacht

2. November 2009

Vorgestern hatte eine mit P.Beda befreundete Familie in Valencia uns zum Kaffee eingeladen. Schon die Einfahrt zum ganzen Wohnviertel war durch ein Gittertor verschlossen. Wir mussten anhalten, das Fenster herunterlassen und dem Wächter, der müde auf seinem Stuhl im Schatten saß, zurufen: „Familie Suarez.“ Er drückte auf die Fernsteuerung in seiner Hand, das Tor ging auf und wir konnten weiterfahren. Die Häuser selbst waren nochmals gut befestigt (das Foto zeigt ein Nachbarhaus, das mich besonders beeindruckt hat). Nachdem das Schimpfen über den Präsidenten erledigt war, und bevor sich das Gespräch religiösen Fragen zuwendete, sprach man über die Sicherheitslage. „Im Nachbarhaus dort sind Leute entführt worden (Herr Suarez zeigt nach vorne), dort auch (zeigt nach hinten), und dort auch (zeigt schräg zur Seite). Der Wächter nutzt gar nichts.“
Die meisten Entführten kommen nach Zahlung eines Lösegeldes wieder frei, aber das ist angesichts der hohen Mordrate in Venezuela auch nicht so richtig beruhigend.

Venezuela ist nicht das einzige Land auf diesem Kontinent, das ein massives Gewaltproblem hat. Genau vier Jahre vorher war ich zu einem Kongress von benediktinischen Lehrern (nein, wir sind kein Reiseveranstalter !) in Newark, New Jersey (Nachbarstadt von New York). Dort sagte mir ein Schüler: „Heute ist Halloween. Da lässt uns der Direktor schon am Mittag statt am Abend nach Hause gehen.“ – „Aha, damit ihr feiern könnt,“ vermutete ich. „Nein. Viele Gangs haben heute Nacht ihre Aufnahmeriten. Und da müssen die Kandidaten etwas wirklich Schlimmes machen (something really bad), damit sie aufgenommen werden. Der Direktor will, dass wir sicher nach Hause kommen.“

Schlimmer als Nairobi

28. Oktober 2009

So viel wie in diesem Jahr bin ich noch nie gereist. Da stumpft man etwas ab, oder zumindest lässt die Faszination des Neuen etwas nach. Wahrscheinlich hat es deshalb bis heute gedauert, bis mein Interesse am Land so richtig erwacht ist.

P.Marco Antonio hat uns heute mit nach Valencia genommen, der nächsten Großstadt, eine gute Autostunde von der Abtei Güigüe entfernt. Nach dem Besuch im etwas heruntergekommenen Zoo wollte ich gerne noch die Kathedrale sehen. Beim Aussteigen sah Marco, wie ich die Kamera in die Tasche steckte, und meinte: „Gut, dass du eine Tasche hast. Lass die Kamera besser darin, man muss die Diebe ja nicht unbedingt anlocken.“ Als wir dann aus der Kathedrale wieder herausgingen, fragte er noch die freundliche Pfarrsekretärin: „Hier auf dem Platz kann er doch wohl die Kamera benutzen, oder ?“. Ihre Antwort: „Besser vorsichtig sein.“ Und dabei waren wir zu viert, mitten in einer belebten Innenstadt mit vielen Geschäften und Polizisten an fast jeder Ecke. In Nairobi, der Hauptstadt Kenias, hatte ich die Kamera nicht mitgenommen, wenn ich alleine unterwegs war, aber wenn wir zu zweit waren, hatte niemand ein Problem dabei gesehen.

Vor ein paar Tagen hatte uns Br.Hugo das Klostergelände gezeigt: „Hier sind wir vor einiger Zeit ausgeraubt worden.“ Ich frage: „Nachts ?“ – „Nein, Sonntag nach der Messe. Wir waren zu dritt.“ Gegenüber vom Eingangstor befindet sich ein Hügel mit einem schönen Ausblick. Auch dort hat es schon Raubüberfälle gegeben. Das Kloster liegt nicht etwa mitten in einem Slum, sondern auf einem sonst unbewohnten Hügel oberhalb der Kleinstadt Güigüe, die Art von Gegend, wo man in Deutschland sein Fahrrad unabgeschlossen abstellen kann (ich schließe es allerdings trotzdem lieber ab).

Das Foto ist im Zoo entstanden, passt aber zum Thema.