Archive for Juni 2008

Sooo korrupt sind wir gar nicht

30. Juni 2008

Gerade liegt „Die Zeit“ vom 19.6. vor mir. Da gibt es eine schöne Weltkarte, wo jedes Land eine von 8 Farben hat. Je dunkler die Farbe, desto heftiger wütet die Korruption in diesem Land. Die Schweiz ist – genau wie das Vorurteil sagt – eines der saubersten Länder der Erde, Farbe 1, kaum Korruption. Deutschland hat Farbe 3, das ist immer noch besser als die meisten Länder der Welt, aber schlechter als die meisten Nachbarländer. Tansania hat Farbe 6, das ist relativ gut (besser als alle Nachbarländer, nicht schlechter als Polen oder Rumänien), aber absolut schlecht.

Die folgende Geschichte hat etwas damit zu tun: Br.Andreas baut unter der Woche die neue Bäckerei in Chipole auf. Das Wochenende verbringt er normalerweise hier und fährt dann am Montag wieder die 40 km bis Chipole. Ein älterer Mann hier hat ihm einen Briefumschlag mit 50.000 Shilling mitgegeben, für seine Enkelin, die in Chipole auf die Internats-Schule geht (das sind 30 Euro, für hiesige Verhältnisse unglaublich viel; eine Schulkameradin von ihr hat von ihrem Vater weniger als ein Zehntel bekommen). Br.Andreas hat diesen Umschlag einer Lehrerin dort übergeben und erfuhr dann später, dass das Geld nicht angekommen war. Doch Br.Andreas ist Schweizer, hat also gar kein Verständnis für Korruption (siehe oben) und sich deshalb bei der Direktorin beschwert. Die Lehrerin hat die Sache gar nicht bestritten, sondern gesagt, sie könnte den Umschlag nicht mehr finden. In den nächsten Wochen hat Br.Andreas auf die freundlichen Grüße seitens der Direktorin immer sehr zurückhaltend reagiert. Vorgestern dann konnte er berichten: Das Geld ist „wiedergefunden“ worden – nach ungefähr zwei Monaten.

Wie kann ich das jetzt erklären, ohne dass der deutsche (oder gar schweizerische) Leser (oder Leserin) die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und ruft: „Jetzt will er auch noch Lehrerinnen verteidigen, die ihre Schülerinnen ausrauben !“ Nein, verteidigen will ich das nicht, aber verstehen. Denn es ist nicht das erste Mal, dass ich von so einer Geschichte erfahre, bzw. selbst betroffen bin. Die ersten beiden Male habe ich mich noch geärgert, beim dritten Mal habe ich nur ganz freundlich dafür gesorgt, dass das Geld zurückkommt. Alle Geschichten laufen nach demselben Muster ab: Jemand, der mehr Geld hat, vertraut jemandem, der weniger hat, dieses Geld an. Der Empfänger bestreitet gar nicht, dass er das Geld zurückgeben muss, gibt es aber erst nach hartnäckigem Drängen zurück. Ein Europäer, der zwanzig Jahr als Pfarrer in einem abgelegenen Dorf war, sagte mir mal, dass man grundsätzlich erst dann die Dinge zurückgibt, wenn der Verleiher sie braucht. Die Leute wissen hier, dass diese Art des Umgangs mit Dingen oder Geld heute ein Hindernis für eine moderne Wirtschaftsweise ist (z.B. muss hier fast alles sofort bar bezahlt werden, weil der Verkäufer weiß, dass er sonst nur schwer an sein Geld kommen würde), aber alte Traditionen sind halt hartnäckig.

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Welches Adjektiv soll man da nehmen ? Staubig ?

29. Juni 2008

Gestern war ich bei Sr.Giselinde, der Verwaltungschefin der Schwestern und der Schule. Sie: „Der Ruaha-Park ist einfach wunderbar. Aber das kann man gar nicht beschreiben. Welches Adjektiv sollte man da nehmen ? Staubig ?“ Besser könnte ich den Park auch nicht beschreiben. Am Tag vorher die anstrengende Busfahrt, dann recht spät ins Bett gekommen, am nächsten Morgen früh raus und bis zum späten Nachmittag durch den Park gefahren. Trotzdem war ich danach völlig erholt und einfach nur zufrieden. Warum ist es am Ruaha-Fluss so schön ? Irgendwie ist da mehr als Staub. Das Foto passt vielleicht besser als das Wort „staubig“.

Kann man die als Diebe bezeichnen ?

29. Juni 2008

Zur Abwechslung mal viel Foto und wenig Text: Sind das nun Diebe (siehe voriger Artikel) oder eher Leichenfledderer ? Und: Wo sind die Köpfe ? Ruaha-Park, vor zwei Wochen.

Schon wieder was über Diebe

29. Juni 2008

Das Thema des letzten Artikels, „Nachts in einer unbekannten Stadt ankommen“, legt natürlich den Gedanken an Diebe und Trickbetrüger nahe. Zum Glück habe ich selbst seit 1994 keine Erfahrungen mit dieser Art von Menschen machen müssen. Ein afrikanischer Mönch sagte mir in Dar es-Salaam, dass man sich wegen der Diebe lieber ein Taxi nehmen sollte, als nachts mit dem Dala-Dala (Minibus) zu fahren. Auf der Fahrt Richtung Ruaha-Park hatte ich meinen Sitzplatz mit einer jungen Lehrerin aus den USA teilen müssen, deren Handy in Dar es-Salaam im Dala-Dala gestohlen worden war. Rebeca, eine Schülerin aus Imiliwaha, die mit uns nach Australien fliegt, hat mich fast zur Verzweiflung gebracht, weil alle meine Versuche, mit ihr Kontakt aufzunehmen, scheiterten (es ging um das Visum, war also nicht unwichtig). Vor ein paar Tagen kam dann endlich doch eine SMS von ihr: „Entschuldigung, dass ich mich nicht gemeldet habe, mein Handy ist gestohlen worden.“

Auch Afrikaner werden also oft Opfer von Dieben, wobei aus den Opfern schnell Täter werden können: P.John zeigte mir in Dar das große Foto auf der Titelseite der Zeitung: Ein Mann hockt blutend auf dem Boden, ein anderer steht über ihm und hebt gerade einen riesigen Stein in die Höhe, um ihn zu zerschmettern. Im Hintergrund viele Zuschauer. Die Bildunterschrift erklärt nüchtern, dass es sich um Lynchjustiz gegen einen Dieb handelt.

Um nicht mit diesem grausigen Bild schließen zu müssen, verweise ich hier auf das Blog von Felix, der die unglaubliche Geschichte erzählt, wie er in Dar auf Trickbetrüger reingefallen ist und den Spieß dann sogar noch umdrehen konnte (Artikel vom 29.5. und 13.6.).

Die dunkle Seite der Gastfreundschaft

29. Juni 2008

Nach der späten Rückkehr kam ich am Dienstag erst um 9 Uhr zum Frühstück und erwartete, der einzige zu sein. Aber Br.Augustin, unser afrikanischer Schreiner, war auch noch da. Er war nämlich geschäftlich in Njombe gewesen. Dort hatte mein Bus am Abend zuvor gegen halb Acht gehalten, viele Fahrgäste wollten einsteigen, aber nur für wenige war noch Platz im Bus. Auch Augustin hatte vergeblich versucht, in unseren Bus zu kommen (ich hatte ihn nicht gesehen, es war ja schon dunkel). Nach uns fuhr noch ein Bus, und mit dem war er dann um halb Eins in Songea angekommen, wo er sich das einzige noch offene Hotel gesucht hatte. „Die Einheimischen kennen sich mit den Bussen aus, aber als Fremder sollte man besser nicht bei Nacht irgendwo ankommen, denn man weiß nicht, welche Gegenden man meiden muss.“

In Njombe ist Br.Augustin auch Fremder, deshalb ist ihm das mit dem Bus passiert, in Songea kennt er sich aus, da konnte er auch nachts eine Unterkunft finden. Mir wäre bei dem Gedanken nicht so wohl gewesen, um Mitternacht in Songea anzukommen. Außer einem schwer durchschaubaren Verkehrssystem machen nämlich auch Diebe den Leuten das Leben schwer, die sich nicht genau auskennen.

Dass sich die Gastgeber hier sehr engagiert darum kümmern, dass der Gast gut ankommt und gut weiterkommt, ist also nicht nur nett, sondern leider auch nötig. Das Wort „Gast“ (mgeni) bedeutet übrigens auch „Fremder“ oder „Ausländer“.

Das Foto zeigt den Busbahnhof von Mbinga, zwischen Peramiho und Mbamba Bay. Da bin ich noch nie bei Nacht angekommen und möchte es eigentlich auch nicht.

Eigentlich müsste ich es langsam begriffen haben

27. Juni 2008

Nämlich, dass die Menschen hier in Tansania ein anderes Verständnis von Gastfreundschaft haben als wir. Alles begann 2005 mit Sr.Mkombolewa. Die kam zum TIBYC (Benediktinischen Jugendkongress) mit vier Schülerinnen nach Meschede, kam eine Woche zu früh und erwartete ganz selbstverständlich, dass ich sie in Frankfurt am Flughafen abholen würde. Ich kann mich noch gut an ihre E-Mail erinnern: „We know nothing about Germany. Please come and take us at the airport.“

Letzte Woche war es dann an mir, in eine unbekannte Stadt zu reisen, wie gesagt, nach Nairobi. Ich hatte Sr.Placida per E-Mail gebeten, eine Unterkunft für mich zu besorgen. Ihre Antwort lautete: „Du kannst bei den Benediktinern schlafen.“ Keine Adresse dabei, ich erkundige mich in Dar es-Salaam: Die Benediktiner haben anscheinend mehrere Niederlassungen in Nairobi. Was soll ich also einem Taxifahrer sagen ? Auf meine Frage nach der Adresse antwortet Sr.Placida: „Wir holen dich ab.“ Sie muss dann zusammen mit dem Pfarrer, der gleichzeitig ihr Fahrer ist, bis 22:40 Uhr auf mich warten. Ist das ein Problem ? Wir sind in Afrika.

Nach einem Ruhetag in Dar es-Salaam fahre ich diese Woche Montag nach Peramiho zurück. Der Abt hat Br.Alfons gebeten, mich am Busbahnhof in Songea abzuholen. Als ich merke, dass wir wegen des Achsbruchs wohl erst spät in der Nacht ankommen werden (siehe „Wie zur Postkutschenzeit“) schicke ich ihm eine SMS: „Was meinst du, soll ich in Uwemba übernachten ?“. In unserem Haus in Uwemba habe ich schon oft übernachtet, und es liegt so praktisch an der Strecke, dass ich um Acht dort sein könnte. Kaum ist die SMS abgegangen, da schellt schon mein Telefon: „Komm auf jeden Fall nach Songea, ich warte auf dich !“ Ich meine, ich höre in seiner Stimme einen Unterton von „Wie kann man bloß so dumm sein.“

Wie sagte der Fahrer des Tandala Camp: „Es ist nicht gut, die Gäste allein zu lassen, wenn sie ein Problem haben.“ So bin ich also nach gut zwei Wochen wieder in Peramiho angekommen, und jetzt ist auch das Blog wieder in Peramiho angekommen.

Das Foto habe ich durch das offene Heckfenster auf der Fahrt nach Dar es-Salaam vor zwei Wochen gemacht.

Tigoni – wie der Name schon sagt

27. Juni 2008

Mittwoch Abend in Nairobi angekommen, Donnerstag Mittag schon fertig mit allen Formalitäten. Da trifft es sich gut, dass P.Florian mir über den Weg läuft. Der nimmt mich im Auto mit nach Tigoni. Tigoni liegt 30 km von Nairobi entfernt, und dort befindet sich ein Benediktinerkloster, das vor 30 Jahren von Peramiho aus gegründet wurde. Bevor wir abfahren, fragt er noch, ob ich genug zum Anziehen habe. Klar doch, in Nairobi habe ich ja auch nicht gefroren, und Tigoni liegt doch in der Nähe. Ich hätte es mir denken können, wenn ich über den Namen „Tigoni“ nachgedacht hätte. Die örtliche Bevölkerung hat nämlich Schwierigkeiten mit dem Z, eigentlich müsste der Name Tizoni heißen, und das ist nicht irgendeine Stammessprache, sondern Englisch: „Tea zone“ (Tee-Gebiet). Und wo diese leckere Pflanze wächst, da ist es kalt und neblig. Tigoni liegt um 2000 m über dem Meer, Litembo übrigens 1600 m. Da wächst Kaffee, der es gerne etwas wärmer hat als Tee.

Der Abend und die Nacht (mit dicken Decken) sind noch erträglich, am nächsten Morgen leiht P.Florian mir noch eine warme Jacke, trotzdem werde ich nicht warm. Schließlich entdecke ich dann doch einen Raum, den ich sonst nur aus Geschichtsbüchern kenne. In mittelalterlichen Klöstern hieß er „Calefactorium“ („Warm-Mach-Raum“). Da brennt ein Feuer im Kamin und von Zeit zu Zeit kommt ein Mönch herein, um sich aufzuwärmen – so muss es im Mittelalter auch gewesen sein.

Außer der Kälte werde ich aber sicher auch die guten Gespräche mit P.Florian in Erinnerung behalten. Am Freitag Nachmittag geht es in Begleitung von Br.George, einem afrikanischen Mönch, mit dem Matatu (siehe „Diebstahl, Unfälle und Betrug“) wieder zurück nach Nairobi, am Samstag zurück nach Dar es-Salaam mit dem Bus.

Auf dem Foto der Innenhof des Klosters, links ist eine Mauer der Kirche zu erkennen.

Afrikanische und australische Pünktlichkeit

27. Juni 2008

Warum ich letzte Woche plötzlich nach Nairobi musste, habe ich bereits geschrieben („Weltjugendtagschaos“). Zunächst aber habe ich von Samstag Abend bis Mittwoch Morgen drei ganze Tage und vier Nächte in Dar es-Salaam verbracht – so lange war ich diesen Monat selten an einem Ort, wie der Leser (die Leserin) vielleicht gemerkt hat.

In Nairobi wohnt Sr.Placida, die für die Netzwerkarbeit unter allen Benediktinerschulen in Afrika zuständig ist. Sie holt mich nicht nur vom Bus ab, sondern hat mir auch eine Unterkunft besorgt und einen Termin am nächsten Morgen (Donnerstag) um 9:30 Uhr bei der australischen Botschaft (in Tansania gibt es keine australische Botschaft). Bevor wir aber losfahren, ist noch Verschiedenes zu erledigen, unter anderem muss ein Brief des Bischofs bestätigen, dass wir wirklich zum Weltjugendtag wollen. Den Brief haben wir dann um 11 Uhr. Genau zu dieser Zeit schließt die Visumsabteilung der Botschaft. Ich denke, dann werden wir uns wohl um einen neuen Termin morgen bemühen müssen. Doch wir fahren trotzdem zur Botschaft. Sr.Placida hat schon die Visa für die Schulen in Kenia und Uganda dort beantragt, die Wachleute kennen sie und scherzen mit ihr: „Du bist aber spät dran.“ Wir kommen in die Schalterhalle, der Vorhang bei den Visa ist geschlossen. Aber der öffnet sich gleich darauf, und wir werden freundlich bedient.

Auf der Rückfahrt erklärt Sr.Placida mir: Vor ihrem ersten Termin in der Botschaft hatte sie Platz 76 auf der Warteliste. Damit wäre sie viel zu spät an die Reihe gekommen. Dann hat sie einen Freund angerufen. Der ist kenianischer Politiker und hat gute Kontakte zur Botschaft …

Das Foto ist in der Grundschule „St.Scholastica’s Academy“ entstanden, wo Sr.Placida Rektorin ist. Diese Schule umfasst 3 Jahre Kindergarten und anschließend 8 Schuljahre.

„Sollen wir trotzdem weiterfahren ?“

27. Juni 2008

Der Bus, in dem wir die drei Plätze erwischt hatten, machte einen guten Eindruck. Nach einer knappen Stunde Halt in einem Dorf namens Ilula, dort gibt es einen Supermarkt und einen Imbiss – Mittagspause. Es gibt auch eine Werkstatt dort, genau die Werkstatt, in der dann eine Woche später mein Bus repariert wurde (siehe „Wie zur Postkutschenzeit“). Als es weitergehen sollte, stellte der Schaffner fest, dass die Heckscheibe locker saß. Schnell die Mechaniker aus der Werkstatt geholt, nach einiger Zeit wendet er sich dann an die Passagiere in den vorderen Reihen: „Die Reparatur wird länger dauern, sollen wir ohne Scheibe weiterfahren ?“ Von hinten ruft ein Passagier: „Vielleicht solltest du mit allen sprechen, das geht uns auch an.“ Von den Passagieren kommen ein paar Fragen, aber sonst kein Protest, also wird die Heckscheibe hinter der Rückbank verstaut, und weiter geht’s. Da wir in der letzten Reihe sitzen, sind wir nicht so ganz glücklich darüber. Aber es hat auch Vorteile: Ich nutze die frei Sicht, um das zu tun, was ich immer schon mal machen wollte: Fotos von der Straße schießen (etwas über 100). Die finde ich nämlich absolut spannend, wegen der Landschaft und wegen der Leute und Verkehrsmittel, die man so sehen kann.

Bei einem Halt unterwegs ergibt sich ein Dialog mit Straßenhändlern: „Euer Fenster ist ja kaputt.“ – „Das ist nicht so schlimm. Man kann viel besser sehen.“ – „Aber der Staub kommt rein.“ – „Ach, wir fahren doch auf der Teerstraße.“ Tatsächlich haben die Händler nicht ganz Unrecht, denn auch auf der Teerstraße gibt es von Zeit zu Zeit mal Staub. Kurz nach der Abfahrt in Ilula kommt auf diese Art deutlich sichtbar eine Staubwolke von hinten herein. Aber sie zieht über uns hinweg und legt sich auf die Passagiere in der Mitte des Busses. Alles halb so schlimm.

Wir kommen kurz nach Acht in Dar an, verbringen dort noch einen ruhigen Sonntag, und am Abend müssen Andrea und Christian dann schon wieder abfliegen – war sehr schön mit euch !

Das obere Foto zeigt einen Massai auf seinem Fahrrad, das untere ist in den Randbezirken von Dar entstanden.

Bin ich eigentlich naiv ?

27. Juni 2008

Das Foto zeigt den Sonnenuntergang im Tandala Camp am Freitag vor zwei Wochen. Am Samstag ging es weiter nach Dar es-Salaam. Um sieben Uhr fahren wir vom Tandala Camp ab, damit wir um Neun noch die Fahrkarte für den Bus um Zehn kaufen können (ich hatte sie eigentlich schon zwei Tage vorher kaufen wollen, aber der Fahrer meinte, es gebe genug Plätze im Bus). Nach knapp zehn Minuten bremst der Fahrer plötzlich und fährt zurück: Er hat heute eine andere Hose angezogen und der Führerschein ist in der Hose von gestern, erklärt er. Die Besitzer des Camps, ein europäisches Ehepaar, sind etwas besorgt, als wir zurückkommen: Ob wir noch rechtzeitig zum Bus kommen werden ? Ich sage, bisher hätte ich die Erfahrung gemacht, wenn man den Tansaniern vertraut, dann klappen die Dinge. David, der Tansanier, der uns gestern auf der Safari geführt hat, steht zufällig dabei. Ich sehe, wie ihm geradezu die Gesichtszüge entgleiten. Er hat offensichtlich einen Nachsatz erwartet wie „dann geht alles schief“. Die Europäer, die beide hier im Land geboren sind, halten mich wahrscheinlich für naiv.

Ich hätte allerdings noch hinzufügen sollen, dass man wissen muss, wem man vertraut und in welchen Situationen. Wem man vertrauen soll: Die Antwort lautet ungefähr, den Leuten, zu denen irgendeine Verbindung besteht. In welchen Situationen: Ich habe so ungefähr die Vorstellung von „afrikanischen Aufgaben“, also von Dingen, mit denen die Afrikaner vertraut sind. Essen, Trinken, Übernachtung, Einfühlungsvermögen, Feste gehören dazu, auch Busse. Das Einhalten von Fristen, das Instandhalten von technischem Gerät, wirtschaftliche Betriebsführung sind dagegen eher „europäische Aufgaben“.

Wir kommen also etwas später in Iringa an, von wo der Bus abfahren soll. Ein Schulfreund des Fahrers arbeitet für Scandinavia, die Busgesellschaft, mit der wir fahren wollen. Ferienbeginn ! Alle Plätze belegt ! Langes Hin und Her, wir beschließen, ein paar Kilometer weiter zur Hauptstraße außerhalb der Stadt zu fahren, wo die Busse aus Richtung Sambia vorbeifahren. Der Scandinavia-Mann fährt mit uns, erkundigt sich bei den verschiedenen Busgesellschaften, sagt dann, dass in einem Bus, der in zwei Stunden erwartet wird, noch fünf Plätze frei sind. Ich frage, ob diese Plätze mit Sicherheit für uns reserviert sind. „Mit Sicherheit“. Kurz danach heißt es, dass das doch nicht so sicher ist. Ich frage einen Taxifahrer, was denn ein Taxi bis Dar kosten würde. Er antwortet, 15.000 Shilling (9 Euro). Offensichtlich hat er an einen Scherz geglaubt. Es dauert etwas, bis er mit 400.000 Shilling einen realistischen Preis nennt. Gegen 10:30 Uhr kommt dann ein Reisebus, in dem noch drei Plätze frei sind. Der Fahrer hat die ganze Zeit mit uns gewartet und erklärt: „Es ist nicht gut, die Gäste allein zu lassen, wenn sie ein Problem haben. Es ist besser, man trennt sich im Frieden.“

Das scheint mir eine ziemlich treffende Formulierung der afrikanischen Gastfreundschaft zu sein. Ich weiß natürlich auch, dass seine europäischen Arbeitgeber vom Tandala Camp durchaus Interesse an zufriedenen Gästen haben, ich bin ja nicht naiv.