Archive for Oktober 2007

Schnelle Beförderung

31. Oktober 2007

Am Montag war die Abschiedsfeier für meinen Vorgänger als Physiklehrer, P.Bonifaz. Zur normalen Teezeit, morgens um 10 Uhr, gab es im Lehrerkollegium gutes Essen, Musik, Abschiedsgeschenke (ziemlich aufwendig verpackt), eine Rede der Schulleiterin und eine Antwort von P.Bonifaz. Das dauerte eine Stunde, die Schülerinnen hatten also frei. Gestern, Dienstag, hat die Schulleiterin mich dann gleich zum „Head of the Physics Department“ ernannt. Das klingt toll, bedeutet aber vor allem, dass ich für den Physikraum und die von P.Bonifaz vorbildlich gepflegte Sammlung (siehe Foto) verantwortlich bin. Leider bedeutet es auch, dass mein einziger Kollege im Fach Physik, der natürlich um einiges länger an der Schule ist, nicht das Vertrauen der Schulleitung genießt. Was das wiederum bedeutet, weiß ich noch nicht.

Der spezielle Gruß geht heute aus Anlass des Reformationstages an meine Kollegen Georg Uhlenbrock und Michael Wendtland, sowie an Familie Giering in dem schönen Ort Einbeck, woher schon Luther sein Bier bezog. Was Luther getrunken hat, als er zu einem Besuch in Plauen war, ist nicht bekannt, wohl aber ist bekannt, dass er dort bei dem Gastwirt Hans Hennebach speiste, der vermutlich mein Vorfahr war.

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Für Leser des Publik-Forums-Artikels

30. Oktober 2007

Wer den „Goldminen“-Artikel in „Publik-Forum“ nicht gelesen hat, wird sich beim Lesen der folgenden Absätze wahrscheinlich langweilen. Aber zu einigen Aussagen aus dem Artikel muss ich einfach etwas sagen.

So heißt es in dem Artikel, die Tutzinger Missionsbenediktinerinnen hier würden „Distanz zum Kloster der Mönche“ halten. Ich arbeite jetzt seit einem Monat an der Schule, deren Trägerschaft bei den Benediktinerinnen liegt, habe mehrfach mit der Priorin und der Cellerarin (Verwaltungschefin) gesprochen, kenne die Zusammenarbeit im Computerbereich aus meinem eigenen Erleben, in anderen Bereichen aus Gesprächen: Von „Distanz“ ist da nichts zu merken, es erinnert mich eher an ein Dorf, in dem jeder jeden (und jede) kennt, und wo man sich auch gegenseitig hilft, ohne dafür gleich eine Rechnung zu schreiben (wir erhalten von den Schwestern z.B. kein Geld für unsere Tätigkeit an der Schule).

Der Artikel beschäftigt sich lange mit der Verantwortung von Abtprimas Notker, der jetzt als oberster Repräsentant aller Benediktiner der Welt in Rom sitzt, bis 2000 aber als Erzabt von St.Ottilien die oberste Verantwortung für unseren Klosterverband trug. Nur: Die einzelnen Abteien der Benediktiner sind selbständig. Daher ist Peramiho, genau wie Meschede auch, alleine für die eigenen Finanzen verantwortlich. Abtprimas Notker hat also gar keine Verantwortung für die Finanzen von Peramiho. An dieser Stelle hat der Autor des Artikels am deutlichsten gezeigt, dass er sich nicht einmal die Mühe gemacht hat, die einfachsten Dinge nachzuprüfen.

Dann steht im Artikel noch, Peramiho sei „finanziell pleite“: Wenn das so wäre, hätte ich es wohl schon gemerkt. Wenn ein Betrieb pleite ist, wird er nicht mehr beliefert, weil die Lieferanten befürchten, dass sie ihr Geld nicht sehen würden. Die Lager hier sind aber voll. Im Moment gibt es wenig Wasser in den Flüssen, d.h. das Wasserkraftwerk muss immer wieder abschalten. Dann wird hier der Generator angeschaltet, der teuren Diesel frisst. Insgesamt wird hier eher sparsam gelebt, aber ich habe noch an keiner Stelle bemerkt, dass irgendwelche alltäglichen Dinge knapp wären (außer natürlich die zahlreichen Dinge, die man hier einfach nicht kaufen kann, aber das ist ein anderes Thema, ich werde irgendwann mal über „Haarshampoo und Schokolade“ schreiben). Fazit: „Pleite“ sieht ganz anders aus.

Ich habe von dem langen Artikel nur die Punkte herausgegriffen, zu denen ich aus eigener Erfahrung schreiben kann. Kurz: Der Artikel überzeugt mich nicht. Kein Wunder: Der Autor des Artikels war „natürlich“ nicht hier in Peramiho, sein Gewährsmann war 2004 10 Tage lang hier. Wenn jemand mehr wissen will: Auf der Homepage von St.Ottilien befindet sich eine Presseerklärung. Wäre es fair, hier auch noch ein Link auf den Artikel zu setzen ? Die Frage stellt sich nicht mehr, denn der Artikel steht inzwischen nicht mehr im Netz.

Gold aus Ofir

29. Oktober 2007

Zu biblischen Zeiten kam das Gold aus dem Land Ofir. Natürlich wollten die Menschen immer gerne wissen, wo Ofir liegt. Viele vermuten das Goldland Ofir an der ostafrikanische Küste, von hier aus gesehen also „fast in der Nähe“. Gerade war das Wort wieder in einem Psalm des Morgengebets vorgekommen, da wurde es beim Frühstücksgespräch unangenehm aktuell: Die Zeitschrift „Publik-Forum“, die sicherlich zahlreichen Schüler/innen aus dem Reli-Unterricht bekannt ist (spezieller Gruß an meine Kollegin Jutta Klör !), hatte einen Artikel über die fehlgeschlagene Investition der Abtei Peramiho in eine Goldmine veröffentlicht. Ich habe mir den Artikel natürlich gleich im Internet angeschaut, und war ziemlich entsetzt. Laut Artikel lebe ich in einem verfallenen Haus, das „finanziell pleite“ ist, wo Ratten durch die Küche laufen, und wo – dieser Vorwurf wiegt am schwersten – Spendengelder veruntreut werden.

Aber der Reihe nach: Vor ungefähr 10 Jahren hat unsere Abtei in Lukarasi, nahe der Grenze zu Mosambik, in eine Goldmine investiert. Die Absicht der Investition war, eine weitere Einnahmequelle zu erschließen, um damit die Arbeit der Abtei zu finanzieren. Das Ergebnis war allerdings ein ziemlich ärgerlicher finanzieller Verlust. Diese Geschichte, die hier eigentlich als abgeschlossen galt, kam durch den Artikel wieder hoch. Der Artikel beruht auf den Angaben eines deutschen Wirtschaftsprüfers, der 2004 hier war. Einige Angaben des Artikels konnte ich inzwischen selbst überprüfen. Da das allerdings nur für Leser des Artikels interessant ist, schreibe ich dazu morgen einen eigenen Abschnitt.

Die Antwort auf die Frage, ob hier wirklich Spendengelder veruntreut wurden, kommt dann auch bald, schließlich habe ich von J.K.Rowling gelernt, dass man nicht alles sofort verraten darf.

Schule in der Fremdsprache

26. Oktober 2007

Ab der dritten Klasse der Grundschule lernt man hier Englisch. Meine Schülerinnen haben also über sieben Jahre Englisch hinter sich, seit über zwei Jahren haben sie den ganzen Unterricht in Englisch. Neulich sollten sie als Hausaufgabe den Strahlengang durch eine Sammellinse beschreiben. Eine Schülerin musste vorlesen, ich habe nichts verstanden. Also habe ich mir den Text angeschaut: Nicht nur die Aussprache war katastrophal, auch die Grammatik. Nun ja, Beschreibungen von physikalischen Sachverhalten sind ja auch besonders schwierig. Bei der nächsten beschreibenden Hausaufgabe habe ich dann gesagt, sie sollten in Suaheli schreiben, wenn sie nicht ganz sicher wären, dass sie grammatisch korrektes Englisch schreiben könnten. Die Schülerinnen schauten einander verwundert und anscheinend erfreut an. Gestern war ich dann ziemlich überrascht: Alle 20 Schülerinnen (ich habe im Moment nur zehn pro Klasse) hatten ein – relativ korrektes – Englisch geschrieben. Ich vermute, dass ich, ohne das zu ahnen, ihren Ehrgeiz angestachelt hatte.

Negativ

25. Oktober 2007

Dieses nette Tierchen hockte neulich außen auf meinem Moskitonetz. Nach dem Foto gab es ein Unentschieden: Ich habe es nicht gekriegt, und es hat mich auch nicht gekriegt. Gestern hatte ich dann den ganzen Tag über ein recht seltsames Gefühl im Körper und  Schwindelgefühl im Kopf. Fieber ? Malaria ? Immerhin hatte ich vorgestern drei Moskitos erlegt. Andererseits machte mir körperliche Bewegung gar nichts aus – also doch kein Fieber ? Aber diese Art von Mattigkeit im Körper hatte ich noch nie. Am Schluss bin ich dann doch zur Krankenstation bei den Schwestern gegangen. Die erste Schwester, die ich traf: „Ach, haben Sie auch Malaria ? Das haben jetzt ja alle.“ Das Ergebnis der Blutprobe lag nach zwei Stunden vor: Negativ. Die Erklärung gab mir Br.Dominicus beim Abendessen: Das ist das Wetter, warm, bewölkt, feucht. Das kann schon Schwindel oder auch heftige Kopfschmerzen (bei mir zum Glück nicht) verursachen. Heute gab es Regen, und ich fühle mich wieder blendend.

Festrednerinnen

24. Oktober 2007

Zu einer guten Abschlussfeier gehören natürlich auch endlos lange Reden. Die Fotos zeigen die „regional educational officer“ (oben) und Sr.Rosann (unten) bei ihren Reden. Die „regional educational officer“ ist die oberste Chefin der Schulbehörde der Region, wobei es in Tansania ungefähr so viele Regionen gibt wie bei uns Bundesländer. Sie war „mgeni rasmi“, „offizieller Gast“ bzw. Ehrengast bei der Feier am Samstag. Die Rede war ziemlich lang, alles abgelesen, kein einziger Blick ins Publikum. Aber trotzdem wurde sie immer wieder von Applaus unterbrochen, dann nämlich, wenn sie die Schule oder die Schülerinnen gelobt hat. Ich habe von der ganzen Rede nur einen einzigen Satz verstanden, „Bildung hat kein Ende“. Als ich am Montag die Klasse gefragt habe, was kein Ende hat, konnten sie mir tatsächlich sagen, „Bildung“ – so aufmerksame Zuhörerinnen hatte diese Rede meiner Meinung nach gar nicht verdient. Umso lebendiger war die Rede von Sr.Rosann, die freundlicherweise kein Suaheli kann und deshalb auf Englisch sprach. Sie ist Amerikanerin, wurde im Februar zur Priorin der Benediktinerinnen hier gewählt, traf wegen eines Armbruchs aber erst im Juni hier ein. Sie hatte also noch keine Zeit, die Landessprache zu lernen. Da der Posten der Schulmanagerin („meneja wa shule“) zur Zeit nicht besetzt ist, muss sie auch dieses Amt ausüben. Ich habe ein paar Mal mit ihr gesprochen und gehöre spätestens seit dieser Rede am Samstag zu ihren Bewunderern.

Korrektur der Abschlussarbeiten

23. Oktober 2007

Das Foto zeigt den maandamano. Ein maandamano ist ein feierlicher Aufmarsch mit Musik und Gesang, der zu jedem größeren Fest hier dazugehört. Zu sehen sind alle 350 Schülerinnen auf dem Weg von der Schule zur Kirche. (Der Weg ist nicht weit, vielleicht dreimal so weit, wie der Festzug lang ist.)

Während bei uns an der Schule gefeiert wird, werden alle Abschlussarbeiten von allen Schulen Tansanias gesammelt. Dann werden im Dezember, während der Ferien, Lehrer ausgewählt, die diese Arbeiten korrigieren müssen. Meine Kollegen, die mir das erklärt haben, mussten zu diesem Zweck einmal extra bis Morogoro fahren, das liegt fast bei Dar es-Salaam, also deutlich über 500 km entfernt. Dort musste dann jeder Lehrer eine einzige Aufgabe korrigieren, aber von allen Schülern des Landes. Die Mathearbeit zum Beispiel umfasste 16 Aufgaben. Wenn der Aufpasser mit einer Korrektur nicht zufrieden war, musste der Lehrer die entsprechenden Arbeiten nochmal korrigieren. Nach einem Monat war man dann fertig mit dem Korrigieren. Auf meine Frage, „Einen Monat in den Ferien, weit weg von zuhause und der Familie ?“, erhielt ich zur Antwort, das sei halt ein Dienst für „our nation“.

Abschlussfeier

22. Oktober 2007

In den beiden vergangenen Wochen waren also die Abschlussprüfungen von Form 4 (entspricht Klasse 11), alle schriftlich. Mündliche Prüfungen sind hier anscheinend nicht üblich. Die Ergebnisse werden für Februar erwartet. Als ich den Schülerinnen erzählt habe, dass es in Deutschland die Ergebnisse der Abiturprüfung nach anderthalb Monaten gibt, war das Erstaunen groß. Wer bestanden hat, weiß man also noch lange nicht. Und nur, wer gut bestanden hat, darf im nächsten Jahr dann Form 5 besuchen. Es heißt allerdings, dass normalerweise alle Schülerinnen von unserer Schule bestehen, denn immerhin gehört unsere zu den 40 besten Schulen Tansanias. Jetzt ist für Form 4 bis Februar schulfrei, wenn das kein Grund zum Feiern ist !

Die beiden Fotos zeigen eine stolze Schülerin mit ihrem „school leaving certificate“ („Elimu – Sala – Kazi“ ist das Schulmotto und heißt „Bildung – Gebet – Arbeit“) und einen Lehrer unserer Schule, dessen Tochter ebenfalls Form 4 beendet hat.

Nachtrag zu „Andere Länder, andere Trinksitten“

21. Oktober 2007

Das Foto zeigt Felista, eine Schülerin der Form 3, die morgen bei mir einen Physiktest schreibt, beim Öffnen der Weinflasche. Am Ehrentisch von links nach rechts Sr.Friedeswida, Chief Advisor (was immer das sein mag), Sr.Rosann, meneja wa shule (Kleiner Tipp: Hier werden alle Wörter so geschrieben, wie man sie spricht, auch die Fremdwörter. Das J ist wie „dsch“ zu sprechen, „wa“ bedeutet ungefähr „von“. Ich musste auch ein bisschen überlegen, bis ich verstanden habe, was „meneja“ heißt.). Dann kommen die regional educational officer (ein ziemlich hohes Tier in der staatlichen Schulverwaltung), deren Namen ich nicht kenne, dann Mama Msabila, die Schulleiterin, und (nur halb zu sehen), der Vorsitzende des „school board“, dessen Namen und Funktion ich auch nicht kenne.

Andere Länder, andere Trinksitten

21. Oktober 2007

Normalerweise blogge ich am Wochenende nicht, aber dieses Erlebnis von gestern muss ich einfach loswerden: Bei der Abschlussfeier gab es insgesamt nur zwei oder drei Flaschen Wein, die für den Ehrentisch (Schulleitung und Ehrengäste) reserviert waren. Alle anderen erhielten „Soda“, also Coca-Cola, Fanta oder Sprite. Am Abend im Lehrerzimmer gab es dann auch Bier, Marke Tusker, in Plastikbechern. Offensichtlich war am Ehrentisch etwas von dem Wein übrig geblieben, und die Bedienung ging herum und schenkte diesen Rest aus. Als sie Wein in den Becher meines Nachbarn goss, traute ich meinen Augen nicht: Es schäumte in dem Becher. Daraufhin schaute ich bei meinem anderen Nachbarn genauer hin: Der Wein wurde tatsächlich in den halbvollen Bierbecher geschüttet. Echter Rotwein !