Archive for Juli 2014

Es gibt doch noch Dinge, die mich schocken

24. Juli 2014

feuerholz Vor einiger Zeit rief der Vorarbeiter Kaspari den Treckerfahrer Robert und zwei weitere Arbeiter der Farm zusammen. Die vier fuhren mit dem Trecker ungefähr 20 Minuten lang bis zu unserem Schweinestall in Swava, luden dort Feuerholz auf, fuhren in die Kreisstadt Njombe, luden das Feuerholz bei Kaspari zuhause ab, kauften auf unsere Rechnung für eine halbe Million Schilling (2.500 Euro) Tierfutter und lieferten das Tierfutter ordnungsgemäß bei uns ab. Mein Namensvetter Br.Robert, der junge Leiter der Farm, hatte für diese Aktion keine Erlaubnis gegeben, doch das das Tierfutter war korrekt bei uns angekommen. Daher war mir zunächst gar nicht klar, wo das Problem lag.
In den letzten Tagen führten Br.Robert und ich dann lange Gespräche mit jedem der vier Beteiligten. Der erste Arbeiter, der schon seit 20 Jahren bei uns arbeitet, sagt aus, er hätte dem Vorarbeiter geglaubt, dass die Aktion von der Betriebsleitung angeordnet war. Br.Robert nutzt die Gelegenheit und befragt ihn auch wegen anderer Vorkommnisse. Der Arbeiter gibt schließlich zu, dass er nach dem Melken morgens schon mal einen Liter Milch abgezweigt habe, „aber nicht jeden Tag“. Ich gehe von einem Liter pro Woche aus und rechne ihm vor, dass er damit seinen Lohn schon einmal um ein drittel Monatsgehalt pro Jahr aufgebessert hätte. Zu meiner Überraschung reitet er sich selbst noch tiefer in den Sumpf und spricht von drei Litern pro Woche. Auch sonst macht er den Eindruck, als ob er zur Aufklärung beitragen wolle. Ganz anders der Treckerfahrer, der danach an die Reihe kommt – ein Gespräch unter drei Roberts erlebe ich zum ersten Mal in meinem Leben. Er redet ständig um die Sache herum, und zum Schluss bleibt er dann bei seiner Weigerung, irgendeine andere Arbeit als Treckerfahren zu verrichten. Mit dieser Weigerung macht er Br.Robert schon seit Monaten das Leben schwer.
Nach diesen beiden Gesprächen brauchen wir erst einmal eine Pause und machen zwei Tage später weiter. Nach den Ereignissen des letzten Jahres in Peramiho dachte ich eigentlich, es könne mich nichts mehr schocken, aber dann kommt das Gespräch mit dem Vorarbeiter Kaspari. Auch er arbeitet schon über 20 Jahre bei uns. Einen Versuch, seine Schuld zu bestreiten, macht er erst gar nicht, sondern bittet gleich um Verzeihung. Endlich verstehe ich auch, was der Sinn der ganzen Aktion war: Es ging nur darum, das Feuerholz in Swava zu stehlen und zu Kaspari nach hause zu bringen. Dafür brauchte er natürlich einen Grund, mit dem Trecker nach Njombe zu fahren, und diesen Grund fand er in dem Einkauf von Tierfutter. Feuerholz wird zum Kochen gebraucht und auch zum Heizen, morgens sind hier diesen Monat oft nur 5 Grad. Wieder hakt Br.Robert nach und fragt auch nach anderen Vorkommnissen. Der erste Arbeiter, der scheinbar so offen ausgesagt hatte, hatte auch eine Menge verschwiegen. Zum Beispiel, dass er schon mal eine Maschine auf eigene Rechnung verkauft hat. Oder, dass er massenweise Diesel aus dem Tank des Traktors in einen Kanister gefüllt und gestohlen hat. „Aber das haben wir ja alle immer schon gemacht. Wir waren ja früher 32 Arbeiter, und dein Vorgänger hat nicht eingegriffen.“ Br.Roberts Vorgänger war Europäer. Viele der Tricks kannte er wohl nicht, dann haben die Arbeiter ihm als Weißem natürlich wenig erzählt, und schließlich hat sein gutes Herz ihn oft auch daran gehindert, allzu energisch zu werden. Aber er muss schrecklich unter der Situation gelitten haben. Und auch Br.Robert könnte sich wahrscheinlich Schöneres vorstellen, als den Wachhund zu spielen. Er ist 24 Jahre alt und letztes Jahr direkt von der Landwirtschaftsschule weg zum Leiter der Farm ernannt worden. Fast alle der immer noch 18 Arbeiter haben schon vor seiner Geburt auf der Farm gearbeitet. Geschockt sage ich zu ihm: „Und wenn ein Arbeiter kein wirklicher Engel ist, dann hat er spätestens nach einem Jahr angefangen zu stehlen, weil er gesehen hat, dass das alle tun.“ Er sagt nur: „Ja.“
Das Foto zeigt den Transport von Feuerholz ohne Trecker.

Die afrikanische Kultur stirbt

9. Juli 2014

amadeus1 Das vergangene Wochenende habe ich in der Abtei Mvimwa beim Silbernen Mönchsjubiläum von Abt Denis verbracht. Eigentlich hatte ich keine Lust, schon wieder unterwegs zu sein, aber Prior Laurenti war der Meinung, Uwemba müsse unbedingt mit einer ansehnlichen Delegation vertreten sein. Die Fahrt nach Mvimwa ist an einem Tag kaum zu schaffen, also übernachteten wir auf halbem Weg in Mbeya. Dort trafen wir drei von Uwemba auf eine noch ansehnlichere Delegation aus der Abtei Hanga, darunter auch Br.Julian, einen deutschen Musiklehrer, der für ein Jahr in Hanga unterrichtet. Julian ist wie ich in der Nähe von Hamburg geboren, was den Vorteil hat, dass man sich mit ihm über die Hamburger S- und U-Bahnlinien unterhalten kann, aber auch über viele andere Dinge, wie z.B. darüber, dass in den afrikanischen Gottesdiensten viel zu selten afrikanische Musik vorkommt, dafür aber viel zu oft „drittklassige europäische Musik.“ Er steigt am nächsten Morgen zusammen mit zwei afrikanischen Brüdern in unser Auto um. Dort löst er dann mit seiner Äußerung, dass seine afrikanischen Schüler gar keine afrikanische Musik mehr kennten, „The African culture is dying“ (Übersetzung siehe Überschrift), eine heftige Diskussion aus.
Unsere Reisegefährten stellen fest, die Missionare hätten sich gar keine Mühe gegeben, die afrikanische Kultur zu verstehen, und hätten einfach ihre westliche Kultur importiert. Aber die afrikanische Kultur sei keineswegs tot, sondern die Afrikaner gingen in den westlich geprägten Gottesdienst und anschließend folgten sie dann ihrer traditionellen Kultur. Leider kenne ich den Sprecher gut genug, um zu wissen, dass er nicht nur die traditionelle Musik meint, sondern auch Magie, genauer Schwarze Magie. Er hat schon mal Zaubermittel in der Küche versteckt, um einem anderen afrikanischen Mönch zu schaden. Welcher Schaden, Krankheit oder sogar Tod, genau beabsichtigt war, weiß ich nicht. Der einzige Schaden, der wirklich eingetreten ist, betraf nämlich die Wurst, die nicht so gelungen war wie sonst. Erst nachdem ein alter Priester seinen Segen gegeben hatte, funktionierte auch die Wurstproduktion wieder. So berichtete es die deutsche Küchenchefin, offensichtlich nicht weniger abergläubisch als ihre afrikanischen Mitarbeiter.
Bei der Festmesse am folgenden Tag zieht mich die Predigt („Klosterleben ist nicht nur Zucker, sondern auch Pfeffer“ – woraufhin mir Br.Damian, mein Nachbar, zuflüstert, „und Bier“) weniger in den Bann als die beiden Mönche vom Stamm der Ngoni, die direkt neben dem englisch gewandeten Chor mit ihren Instrumenten den Gottesdienst begleiten: Pfeife, Vuvuzeela, Fußschellen und einer Fanta-Flasche statt Geige, die Br.Marselino mit einem Schlüssel statt einem Bogen zum Klingen bringt. Die beiden haben dabei einen derartigen Spaß und sind so offensichtlich mit jeder Faser ihrer Seele bei der Sache, dass ich keinen Zweifel daran habe, dass die afrikanische Kultur sehr lebendig ist – und ich bin sehr froh darüber, zumindest was die Musik angeht.
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