Archive for Juli 2012

Preise

22. Juli 2012

Vor ein paar Tagen kam Henry Ngairo, der fleißige Leiter der Schusterei, zu uns und bat mit ziemlich traurigem Gesicht um einen Kredit von 600.000 Schilling (300 Euro). Sein Kind leide an einem Herzfehler und da sei die Behandlung nur in Dar es-Salaam möglich. Zurückzahlen will er den Kredit im Laufe eines Jahres in Monatsraten von 50.000 Schilling – keine leichte Sache bei einem Monatseinkommen von 120.000. Br.Petro beruhigt mich: „Er baut auch Mais an, und wenn er den gut verkaufen kann, ist der Kredit schnell zurückgezahlt.“ Das Kind – sein drittes – ist drei Jahre alt und heißt nach dem Vater Henry. Ich bin überrascht und froh, dass der Vater anscheinend alles für die Gesundheit des Kindes tun will, denn bisher dachte ich, dass Kinder in der hiesigen Kultur nicht viel zählen. Altabt Lambert mit seinen über 50 Jahren Erfahrung im Land meint zu mir: „Wenn es eine Chance gibt, das Kind zu retten, dann nehmen die Eltern sehr viel auf sich. Früher war es so, dass es keine Krankenhäuser gab, und so nahm man es eben schicksalsergeben hin, wenn ein Kind krank wurde oder starb.“ Morgen jedenfalls fährt die Mutter mit dem Kind nach Dar ins Krankenhaus, Petro und ich denken schon über eine Lohnerhöhung nach, um dem Vater bei der Finanzierung der Behandlung zu helfen.
Eine andere Antwort auf die gräßliche Frage, „Was ist das Leben eines Kindes wert ?“ erhielt ich vor drei Wochen, auf der Rückfahrt von Dar es-Salaam, von Fahrer Romuald Mbawala: „Hier war es. Das Kind kam von links.“ Er meint natürlich den Unfall, als er Martin zum Flughafen bringen sollte, siehe den entsprechenden Artikel vom Februar. Ich sage: „Martin hat mir sofort gesagt, dass du keine Schuld hattest.“ Er: „Das hat sogar der Vater des Kindes gesagt; die Schuld lag beim Kind. Ich bin hinter einem Lastwagen hergefahren, deshalb konnte ich es nicht sehen, als es plötzlich auf die Straße lief.“ Dem Vater hatte er 250.000 Shilling als „Entschuldigung“ gegeben. Und dann war er wegen „Careless driving“ zu einer Geldstrafe von 600.000 Shilling verurteilt worden. „Rücksichtslose Fahrweise“ – ausgerechnet Romuald, dessen Fahrweise alle als das genaue Gegenteil von rücksichtslos kennen ! Der ehrliche Mann hat sich angesichts des ungerechten Urteils so geschämt, dass er lieber seine Kuh verkauft hat (der Preis dürfte ebenfalls bei gut 600.000 Schilling liegen), als die Abtei zu bitten, die Strafe zu bezahlen. Mal wieder typisch: Die Großen (Staatsanwalt und Richter) urteilen ungerecht, womöglich unterschlagen sie sogar einen Teil der Strafe, die Kleinen halten’s Maul. Immerhin: Inzwischen hat er sein Geld zurückbekommen.
Die Bilder oben zeigen ein Kind, das ich bei der Fronleichnamsprozession aufgenommen habe, und einen Unfall, den wir im Mai gesehen haben.

There is no hurry in Africa

15. Juli 2012

Freitag Morgen kam ein junger, etwas naiv aussehender Priester zu mir und legte 6 Bündel zu je 500 Geldscheinen auf meinen Schreibtisch. Es gibt hier keinen größeren Geldschein als 10.000 Schilling, gut 5 Euro. Um jeweils 100 Scheine, also 1 Million Schilling, wird von der Band ein Gummiband gewickelt, und um fünf dieser Millionen-Päckchen dann noch einmal ein weiteres Gummiband. Ich weiß schon, dass es um die Warmwasser-Installation für das Gästehaus unseres Nachbar-Bistums in Mbinga geht. „Bis wann soll es fertig sein ?,“ frage ich. „Nächsten Freitag, am 20.7., kommen alle Bischöfe des Landes wegen des Jubiläums zu uns,“ lautet die unfassbare Antwort. Mein Instinkt sagt mir, dass diese Frist viel zu kurz ist, und Abt Anastasius sagt mir dasselbe: „Ich habe ihm gesagt, er muss spätestens am 6.7. das Geld bringen.“ Am Nachmittag kommt dann Ombeni Kayombo, der junge Leiter der Installationswerkstatt, von der Beerdigung einer Nichte zurück. Er hat dem Priester aus Mbinga gesagt, die Installation würde nur 4 Tage dauern. Wir beschließen, dass es um die Ehre von Peramiho geht. Um 17:00 Uhr macht er sich mit dem Geld auf die Fahrt nach Dar es-Salaam, 1000 km, 13 Stunden. Nur dort gibt es die nötigen Materialien. Der Händler für Solar-Wassererhitzer hat samstags geschlossen, erklärt sich aber telefonisch bereit, extra für ihn zu öffnen. Samstag früh ruft Ombeni mich an: „Ich habe die Wassererhitzer schon aufgeladen, jetzt ruhe ich aus, am Sonntag fahre ich zurück.“ Montag will er dann mit allen seinen Leuten nach Mbinga fahren.
In Dar es-Salaam habe ich neulich mit Herrn Kafupi über den Spruch an einem Auto diskutiert: „There is no hurry in Africa. In Afrika gibt es keine Eile.“ Er meinte, man könne nie sagen, was dazwischen kommt, gerade beim Reisen sei die Ankunft schwer kalkulierbar, deshalb gebe es keinen Termindruck. Doch, gibt es. In diesem Fall sind es die Gesetze der Gastfreundschaft und der Ehre und die Wichtigkeit der erwarteten Gäste, die den Druck erzeugen. Der Druck hat es auch möglich gemacht, das benötigte Geld (30 Millionen sind ungefähr 30 Jahreslöhne eines einfachen Arbeiters) in allerletzter Minute aufzutreiben. Der Bischof war Mbinga scheint uns übrigens etwas böse zu sein, weil Abt Anastasius auf einer Anzahlung in Höhe der Materialkosten bestanden hat. Aber das war sehr klug von ihm, denn zumindest für das Bezahlen von ausstehenden Rechnungen stimmt der Spruch, „There is no hurry in Africa.“

Die einen schwitzen im Sonnenlicht – und die anderen sieht man nicht

6. Juli 2012

Dar es-Salaam quillt geradezu über vor Geschäftigkeit. Auf jedem freien Plätzchen sieht man Menschen bei der Arbeit – Straßenhändler quetschen sich zwischen die Autos im Stau und bieten Erfrischungen, Zeitungen oder nutzloses Zeug an, Schreiner hämmern und sägen unter freiem Himmel, die Fahrer von zwei-, drei- oder vierrädrigen Taxis warten auf Kunden, Lastenträger schleppen Säcke oder ziehen schwerbeladene Karren. Das alles ergibt ein sehr buntes Bild, und ich schaue gerne und fasziniert zu, wenn ich mal wieder nach Dar komme. Aber ich bin doch froh, dass ich nicht der Arbeiter bin, der mit nacktem Oberkörper und in Badelatschen schwere Säcke eine Rampe hinaufträgt, die so steil ist, dass man sich fragt, wie er überhaupt Halt findet. Oder der Händler, der sich mit einem kleinen Aquarium auf dem Kopf (vollständig mit Wasser, Fischen und Seegras) zwischen den Autos hindurchquetscht und dabei noch den Motorrädern ausweichen muss, die sich durch den Stau hindurchschlängeln.
Letzte Woche war ich mit Herrn Kafupi und Fahrer Romuald Mbawala mal wieder dort, im wirtschaftlichen Zentrums Tansanias. Es ging um Gespräche mit Lieferanten und Banken und um verschiedene Besorgungen. Auf der Suche nach einem kleinen Kopierer für unsere Autowerkstatt führte mich ein Hinweisschild in ein kleines Büro in einem verwinkelten Gebäude. „Ja, wir verkaufen Kopierer. Bitte setzen Sie sich. Ich schaue eben im Lager nach,“ sagte mir ein freundlicher Herr. Während ich wartete, schaute ich mir die beiden anderen Angestellten in dem klimatisierten Büro an: Eine Frau spielte mit ihrem Handy herum, der Herr ihr gegenüber schaute interesselos auf seinen Computer und bewegte in größeren Abständen mal die Maus. Jeder hatte einen großen, leeren Schreibtisch vor sich. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Angestellte mit einem „besseren Job“ in Tansania gar nichts tun. Gerade am Abend vorher hatte Herr Kafupi mir erzählt, dass seine erste Stelle nach dem Studium auch so aussah. „Aber als ich dann merkte, dass es nichts zu tun gab, habe ich mich in Peramiho beworben. Wenn man die Intelligenz nicht trainiert, verblödet man ja.“
Ich muss an Bert Brecht denken: „Die einen sind im Dunkeln, die anderen sind im Licht. Und die im Dunkeln sieht man nicht.“ Nur mit dem Unterschied, dass Brecht keine tropische Sonne kannte, und deshalb „Licht“ für ihn das gute, angenehme Leben bedeutete. In Dar dagegen bedeutet das Licht Hitze und Schweiß.