Archive for September 2011

Zu Besuch bei Maria und Obbatalá

27. September 2011

 Der 24.September ist der Festtag von Nuestra Señora de la Merced, einer der vielen Namen, unter denen Maria im spanischen Sprachraum verehrt wird. Die Gläubigen strömen an diesem Tag in Massen zur Kirche der Merced, einer der größten Kirchen in der Altstadt Havannas. Schon einige Straßenecken vorher sperren geparkte Polizeimotorräder die Straßen ab; nur Fußgänger dürfen passieren. Als ich mehr als eine Stunde vor Beginn der Festmesse ankomme, ist die Kirche bereits voll (Foto oben), und eine lange Schlange von Gläubigen zieht sich durch die ganze Kirche bis auf die Straße, um zu der Marienstatue über dem Altar hinaufzusteigen.

Dort oben legen sie dann eine Blume ab oder machen ein Foto. Überall in den benachbarten Straßen kann man articulos religiosos kaufen, „religiöse Artikel“. Von einem Händler lasse ich mir die bunten Gläser erklären, die auf den ersten Blick wie Trinkgläser mit Stiel aussehen, in die aber Wasser eingeschlossen ist. Jede Farbe steht für eine andere Gottheit, die weißen (farblosen) Gläser sind die für Obbatalá, eine ursprünglich in Westafrika beheimatete Naturgottheit.

Eine Händlerin drängt mir hartnäckig eine „Kerze für Obbatalá“ auf (5 Pesos, umgerechnet 15-Euro-Cent), ein anderer Händler will mir die Statue der Merced-Maria oder die der Caridad-Maria für 5 CUC (4 Euro) andrehen. „Die Caridad-Maria ist die Patronin von Kuba“, lautet sein schlagkräftigstes Verkaufsargument, woraufhin ich antworte, „Aber ich bin kein Kubaner.“ Weil ich aber schon zwei Jahre auf Kuba lebe, frage ich mich nicht mehr, was westafrikanische Gottheiten bei einem katholischen Fest zu suchen haben. Die Afrikaner, die bis vor gut 120 Jahren von den Spaniern entführt und hier als Sklaven zum Arbeiten gezwungen wurden, brachten ihre Gottheiten mit. Und weil es ihnen nicht möglich war, sie offen zu verehren, verehrten sie sie unter der Maske der katholischen Heiligenstatuen. So entstand die Santería, die typisch kubanische Mischreligion. Obbatalá, dessen Farbe Weiß ist, wurde mit der ebenfalls immer in Weiß dargestellten Merced-Maria identifiziert. Dass Obbatalá männlich ist, war interessanterweise kein Hindernis für diese Gleichsetzung. Und so feiern am Festtag der Merced einige Obbatalá, einige Maria und einige feiern beide, ohne sich für den Unterschied zu interessieren. Den harten Kern der Santeria-Anhänger erkennt man an der weißen Kleidung, nach meinem Eindruck deutlich mehr als die Hälfte der Besucher der Festmesse.


Br.Cyrille stammt aus Westafrika, und Namen wie Obbatalá sind ihm aus seiner Heimat bekannt. Aber während ich die Santeria mit einem gewissen neutralen Interesse betrachte, ist seine Haltung deutlich ablehnend. „In Togo gibt es so etwas nur noch in entlegenen Gegenden. Aber in der Stadt nicht mehr,“ sagt er. In seiner strengen Art erinnert er mich manchmal an Jean Calvin, den Genfer Reformator aus dem 16.Jahrhundert. Als ich ihm am Abend von meinen Eindrücken beim Merced-Fest berichte, macht er einen Vorschlag, der mich in sprachloses Staunen versetzt: „Man sollte alle Statuen aus den kubanischen Kirchen entfernen.“ Auch Calvin war ja der Meinung, dass Bilder in Kirchen nichts zu suchen haben.

Advertisements

Wir bleiben unserer Geschichte treu

24. September 2011

Wir schreiben das Jahr 2011. Gestern habe ich im Internet endlich das spanische Gesetz von 2007 „Über das historische Gedenken“ gefunden. Das wiederum führt uns zum Spanischen Bürgerkrieg ins Jahr 1936 und dann noch tiefer in die Vergangenheit, bis ins Jahr 1854.
Vor einiger Zeit habe ich geschrieben, dass die 84-jährige Mutter unserer Köchin die spanische Staatsbürgerschaft erwerben möchte. Für Dinge, die über das Internet laufen, greift sie dabei auf meinen Anschluss zurück. Letzte Woche ist es uns endlich gelungen, einen Termin für Anfang November beim spanischen Generalkonsulat in Havanna zu bekommen. Dort muss die alte Dame laut dem Gesetz von 2007 nachweisen, dass ihr Großvater Spanier war. Die Heiratsurkunde aus dem Jahr 1882 hat sie schon, aber zur Sicherheit habe ich noch eine E-Mail ans bischöfliche Archiv von Valencia in Spanien geschickt, mit der Bitte, nach einer Taufurkunde „zwischen 1854 und 1859“ zu suchen.
Das spanische Gesetz hat ausdrücklich die Absicht, den Opfern von Bürgerkrieg (1936 – 39) und Franco-Diktatur (bis 1975) Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Und da die meisten von diesen Opfern tot sind, will man wenigstens ihren Enkeln etwas Gutes tun. Interessanterweise gilt das Gesetz aber für alle Enkel bzw. Enkelinnen von Spaniern. So kommt auch der längst verstorbene Großvater in den Genuss, dass seine Enkelin auf ihre alten Tage Spanierin werden darf. Allerdings weiß ich nicht, ob er sich nicht vielleicht im Grabe umdreht. Denn als die Kubaner 1895 bis 1898 ihre Unabhängigkeit von Spanien erkämpften, war er etwas über 40 Jahre alt und mit einer Kubanerin verheiratet. Durchaus möglich also, aber nicht sicher, dass er damals mit der Machete oder Pistole in der Hand und unter Lebensgefahr dafür gekämpft hat, nicht mehr Spanier sein zu müssen. Unsere Köchin weiß immerhin von einem Urgroßonkel, der gegen Spanien gekämpft hat, und von einem anderen, der einen höheren Posten bei der spanischen Kolonialverwaltung bekleidet hat.
Eine der revolutionären Parolen, die man hier oft an den Straßen findet, lautet: „Wir bleiben immer unserer Geschichte treu“.

Noch einmal: Hitzefrei

15. September 2011

Gestern Morgen kam Cyrille zu mir ins Büro: „Was für ein Land ! Ich will hier weg !“ Sein Frust hatte am Nachmittag zuvor begonnen: Sein rechtes Auge hatte sich entzündet und war ziemlich rot. Die Augenärztin, die ihn vor einigen Monaten behandelt hatte, war nicht zu erreichen und unsere Hausärztin auch nicht. Gestern früh hatte er dann wieder bei der Augenärztin angerufen, die an diesem Tag aber nicht arbeitete. Die Hausärztin immerhin war da und schrieb ihm einen Zettel für die Poliklinik um die Ecke. Dort aber erfuhr er, dass die Poliklinik nicht arbeitet, weil die Klimaanlage ausgefallen ist. Cyrilles Mutter ist eine kleine Händlerin, die durch harte Arbeit ein kleines bisschen Wohlstand erreicht hat. Und die Einstellung zur Arbeit hat Cyrille offensichtlich von seiner Mutter geerbt. Dass man nicht arbeitet, weil die Klimaanlage ausgefallen ist, kann er absolut nicht nachvollziehen, was dann zu dem oben erwähnten Ausbruch in meinem Büro führte. Unsere Köchin hat mehr Verständnis: „Einen Bekannten von mir haben sie operiert, als auch die Klimaanlage ausgefallen war. Da hat die OP-Schwester ständig dem Arzt die Stirn abtupfen müssen, damit der Schweiß ihm nicht die Sicht nimmt.“
Cyrille war dann schließlich in der Augenklinik, den Nachmittag gestern hat er mit der Suche nach den verschiedenen Medikamenten verbracht, die man ihm aufgeschrieben hat (man muss immer in mehreren Apotheken suchen), und hat schließlich alle bis auf eines gefunden. Sein Auge sieht inzwischen besser aus.
Fazit: Das medizinische Personal ist hier zwar gut ausgebildet, oft fehlen aber die Medikamente und auch die Motivation. Die Bezahlung ist unabhängig von der Leistung und nicht besonders hoch.

Anderer Blickwinkel

13. September 2011

Der Bürgerkrieg in Libyen spielt auch in der hiesigen Tageszeitung „Granma“ eine prominente Rolle. Allerdings ist der Blickwinkel ein deutlich anderer als in der deutschen „Tagesschau“, die ich im Internet verfolge. Die Granma stellt die Rolle, die Oberst Gadafi beim Kampf gegen die Kolonialmächte gespielt hat (schon sein Großvater hat gegen die Italiener gekämpft) heraus, berichtet prominent über die Opfer der Luftangriffe der NATO (auf Spanisch OTAN, also genau rückwärts gelesen) und nennt deren Vorgehen genocidio, Völkermord.
Die anglikanische Kirche ist auf Kuba sehr klein, was daran liegt, dass Kuba nie englische Kolonie war. Dennoch gibt es ein paar Häuserblöcke von uns entfernt eine unauffällige Kirche (Foto), die sich stolz anglikanische Kathedrale nennt. Angeschlossen ist ein ökumenisches theologisches Institut, bei dem ich neulich zu einer Examensfeier eingeladen war. Ich kam mit einem anglikanischen Pfarrer im Ruhestand ins Gespräch, der recht bald meinte, dass die Kirche sich doch viel mehr in die Politik einmischen sollte, z.B. gegen den Völkermord der NATO in Libyen. Da er genau dieselben Worte wie die „Granma“ verwendete, schien es mir ein Gebot der Klugheit zu sein, das Thema zu wechseln.

Im Tal der …

3. September 2011

Von Trinidad fährt ein Dampfzug ins Tal der Ingenios. Ingenios, „Ingenieurswerke“, wurden im 19.Jahrhundert die Zuckerrohrplantagen mit zugehörigem Verarbeitungsbetrieb genannt. Damals empfand man das als „High Tech“, die übliche deutsche Übersetzung „Tal der Zuckermühlen“ ist also etwas blass. Auf der Zugfahrt erklärt mir der Weichensteller, dass noch in seiner Jugend überall Zuckerrohr stand, heute aber die Zuckerproduktion weitgehend zum Erliegen gekommen ist. Der Zug macht zwei Stopps an alten Plantagen, die aber außer jeweils einem kleinen Restaurant in dem alten Herrenhaus nicht viel zu bieten haben – der Dampfzug (der allerdings mit Öl, nicht mit Kohle befeuert wird) ist das Interessanteste an dem Ausflug. An der Endstation in Guachinango mache ich noch ein paar Fotos, während die anderen Passagiere aussteigen. Da fährt der Zug auch schon wieder an, und ich muss wohl oder übel mitfahren. Der Zug hält an der nächsten Weiche, der Weichensteller stellt die Weiche und lädt mich dann auf die Lokomotive ein. Der eine der beiden Lokführer räumt bereitwillig seinen Sitz für mich und bedient die Maschine im Stehen (dafür erwartet er natürlich ein Trinkgeld, und das bekommt er auch). Ein zweiter Lokführer sitzt auf der anderen Seite des Kessels mit einem Jungen auf dem Schoß (es sind noch Schulferien). Da die ganze Maschine nicht so wirkt, als ob sie perfekt gewartet wäre, frage ich mich, wie häufig wohl Explosionen von Dampfkesseln vorkommen. Aber es überwiegt doch die Faszination: Eine Technik, wo man noch richtig sehen und hören kann, wie es funktioniert, wo es noch schnauft und keucht, wo man noch unterwegs Wasser und Feuerholz aufnehmen muss (Das Feuerholz dient bei Betriebsbeginn zum Anwärmen, bei moderneren Dieselmotoren heißt das „Vorglühen“.)

Und wo die Kühe noch von den Schienen springen, wenn der Zug kommt.

Über die nächste Weiche fährt der Zug zunächst vorwärts, dann wird die Weiche umgelegt und der Zug fährt rückwärts auf das andere Gleis, das nach einiger Zeit wiederum zu einer Weiche führt. Diese überfährt der Zug zunächst rückwärts, dann vorwärts auf das dritte Gleis, das nach Guachinango zurückführt. Auf diese Art ist der Zug 20 Minuten lang in einem Dreieck gefahren, nur um die Fahrtrichtung zu ändern und wieder vorwärts nach Trinidad zurückfahren zu können. Wahrscheinlich träumt der Junge davon, auch mal Lokführer zu werden. Angesichts der Hitze vom Kessel und des Fahrtwindes bin ich nicht ganz sicher, ob ich ihm das wünschen soll.

Vor zwei Jahren war ich mit Br.Cyrille und Br.Martin auf einem „Ingenio“ in Venezuela. Es hatte dem berühmten „Befreier“ Südamerikas von der spanischen Kolonialherrschaft, Simón Bolívar, gehört, und so heißt der Ordner mit den Fotos auf meinem Computer „Bolivars Plantage“. Cyrille hat seinen Ordner dagegen einfach „Sklavenhalter“ genannt – ein interessanter Wechsel der Blickrichtung. Unter den Sklaven, die auf den Zuckerrohrplantagen arbeiten mussten, waren schließlich viele Angehörige seines Volkes, vielleicht sogar seiner Familie. Wenn man bedenkt, dass die Sklaven nach durchschnittlich acht Jahren Zwangsarbeit an Erschöpfung starben, dann sollte man „Ingenio“ vielleicht besser mit KZ übersetzen – heute für Touristen romantisch verklärt. Und so lange her ist das noch nicht, die Sklaverei wurde auf Kuba weniger als 50 Jahre vor der Errichtung des KZ Dachau aufgehoben. Ob man sich heute wohl in der Stadt Dachau einen Laden vorstellen kann, der auf seinem Ladenschild einen KZ-Wachturm zeigt, oder ein Restaurant, in dem der Wandschmuck KZ-Insassen bei der Zwangsarbeit zeigt ?

Das letzte Foto zeigt den Blick vom alten Wachturm über das „Tal der KZs“.

Wo die zahmen Pferde wohnen

1. September 2011

Über das Wochenende habe ich einen Ausflug nach Trinidad gemacht. Diese Kleinstadt an der Südküste gehört zu den sieben ältesten Städten Kubas und zum Weltkulturerbe der UNESCO. Beides trifft auch auf Camagüey zu, wo ich im Januar war. Allerdings ist Camagüey heute eine Großstadt mit knapp 300 000 Einwohnern, während Trinidad seit seiner Gründung 1514 nicht wesentlich gewachsen zu sein scheint. Zumindest im alten Zentrum um die Plaza Mayor herum (zu Deutsch „Hauptplatz“, der Name ist also nicht besonders phantasievoll) gibt es mehr Touristen als Einheimische, und man hat den Eindruck, dass alles „unecht“ ist – eine malerische Kulisse für Touristen, eine Museumsstadt. Immerhin sind die Pferde eine „echte“ Spezialität von Trinidad. Während in Havanna die Oldtimer aus den USA das Straßenbild bestimmen, während in Camagüey Massen von Fahrrädern durch die Straßen flitzen, prägen in Trinidad Reiter und Pferdefuhrwerke das Bild. Vier Hufe sind auf dem Kopfsteinpflaster der steilen Straßen deutlich überlegen gegenüber zwei Rädern. Und die Männer von Trinidad können wirklich reiten ! Offensichtlich sind sie schon von Kind auf mit diesem „Verkehrsmittel“ vertraut. Auch das Mädchen auf dem Foto kann schon geschickt mit dem Riesentier unter sich umgehen. Es war übrigens die einzige Reiterin, sonst habe ich nur Jungen oder Männer im Sattel oder an den Zügeln der Pferdefuhrwerke gesehen, so wie auch am Steuer von Autos, Motorrädern oder Fahrrädern auf Kuba fast immer nur Männer zu sehen sind.