Archive for November 2007

In eigener Sache

30. November 2007

Am Montag, 3.12., werde ich nach Uwemba fahren. Dort gibt es zwar auch Internet-Anschluss, aber ich weiß trotzdem nicht, ob ich in der nächsten Woche wie gewohnt täglich bloggen kann.

Wasser ! Wasser !, Fortsetzung

30. November 2007

Mein Artikel über den Maji-Maji-Krieg vorgestern hat wohl einige Fragen aufgeworfen: Wieso ist das heute überhaupt noch interessant ? Haben die Afrikaner denn nicht gemerkt, dass das „Zauberwasser“ wirkungslos war ? Wieso gab es auf der einen Seite 100.000 Tote und auf der anderen nur 15 ?

Das Bild stammt aus dem letzten Jahr, als Abt Lambert nach 30 Amtsjahren feierlich verabschiedet wurde. Bei der Gelegenheit erhielt er außer einem weißen Häuptlingsumhang auch die traditionellen Waffen als Geschenk: Schild und Speer. Und das ist auch schon die Antwort auf die dritte Frage: Die Afrikaner kämpften mit den Waffen, die auf dem Bild sichtbar sind, die Deutschen hatten Maschinengewehre. Hinzu kam, dass die deutschen Truppen die Felder und die Vorräte der Afrikaner verbrannten, und dadurch für den Hungertod zahlreicher Männer, Frauen und Kinder verantwortlich waren. Das galt auch damals schon als Kriegsverbrechen und löste im deutschen Reichstag Proteste seitens des Zentrums und der SPD aus. Damals hatten diese Parteien kaum Einfluss, heute stellen sie die Regierung (das Zentrum war Vorgängerpartei der CDU). Neulich kam im Lehrerkollegium das Gespräch auf die Kolonialzeit. Da war es für mich sehr angenehm, sagen zu können, dass die heutigen Regierungsparteien schon damals gegen die Brutalitäten von Kaiser Wilhelm protestiert haben.

Wasser angekommen

29. November 2007

Da habe ich gestern noch „Wasser ! Wasser !“ geschrieben, in der Nacht kam es dann auch schon hier an: Regen, Regen, Regen. Inzwischen hat es zwar wieder aufgehört, aber man hat das Gefühl, dass da ein Schalter in der Natur umgelegt worden ist: Von „heiße Zeit“ auf „Regenzeit“. Das Foto zeigt unseren Garten heute Morgen.

Das Leitungswasser ist heute netterweise erst ausgefallen, nachdem ich schon geduscht hatte. Inzwischen läuft es wieder.

Wasser ! Wasser !

28. November 2007

Während die Versorgung mit Strom hier sehr zuverlässig funktioniert und auch das Internet ziemlich zuverlässig ist, gilt das für die Versorgung mit Wasser leider nicht. Vor gut zwei Wochen gab es an drei Tagen hintereinander immer wieder stundenlange Ausfälle, auch gestern und heute wieder. Neulich begann so ein Wasserausfall gerade, als ich das Shampoo in meine Haare getan hatte. Es gibt allerdings mehrere große Wasserbehälter hier, aus denen man immer noch Wassereimer oder Wasserflaschen füllen kann. Nur ist es im Moment halt tropisch heiß, und da möchte man als zivilisierter Mensch doch auch mal duschen.

Ich kann aufgrund der Hitze und aufgrund der genannten Probleme immer besser nachfühlen, dass Wasser für die Menschen hier einfach noch mehr bedeutet als für uns. Kein Wunder also, dass man dem Wasser sogar Zauberkräfte zutraut. 1904 trat der Medizinmann Kinjikitile auf und bot ein Zauber-Wasser an (Wasser plus Hirse plus Zaubersprüche, das genaue Rezept kenne ich leider nicht). Dieses Wasser schützte im Kampf, weil nämlich die Kugeln der Gegner noch im Flug zu Wasser wurden. Mit dieser Botschaft gelang es Kinjikitile, die zerstrittenen Stämme hier zu einen und zu einem Krieg gegen die deutschen Kolonialherren zu bewegen. Der Krieg (1905-1907) heißt bis heute „Maji-Maji-Krieg“, also „Wasser-Wasser-Krieg“. Er forderte auf deutscher Seite 15 Todesopfer, auf afrikanischer geschätzte 100.000. Weil unter den deutschen Opfern aber der Gründer von Peramiho war, und weil der Krieg in Tansania bis heute unvergessen ist (kein Wunder angesichts der Opferzahl), kommt dazu demnächst noch mehr.

Im Osten des Kongo (also nicht weit von hier) tauchen auch heute immer mal wieder „Maji-Maji-Krieger“ auf, die sich durch das Zauberwasser schützen. Als Physiker kann ich darüber lachen, als Historiker muss ich staunen, als religiöser Mensch sollte ich wohl weinen. Das Bild zeigt links zwei gefangene Krieger (1905 oder 1906) und rechts das Denkmal für Kinjikitile in Kilwa. Beide Bilder stammen aus dem Internet, vom Tanzania-Network bzw. von den Tutzinger Missionsbenediktinerinnen.

Shampoo und Schokolade

27. November 2007

Bei der Arbeit als Lehrer merke ich nicht ständig, dass ich in Afrika bin. Dann gibt es aber auch Momente, wo das ganz deutlich wird: Mein Shampoo ging zu Ende, und ich wandte mich an Br.Damian, den Hausmeister. Er nahm mich gleich mit in seinen Vorratskeller und wollte mir ein Stück Seife in die Hand drücken. Als ich ihn etwas überrascht anschaute, wurde mir klar, wo das Problem lag: Wie fast alle Afrikaner, die ich hier gesehen habe, hat er extrem kurzes Haar. Die Europäer im Kloster dagegen haben aufgrund ihres Alters kaum noch Haare. Mein Wunsch nach Shampoo war also einfach ungewöhnlich. Er deutet meinen Blick richtig und fragt, ob ich „Wasserseife“ – Sabuni ya maji – brauche. Er will sie besorgen lassen, wenn das nächste Mal jemand nach Songea fährt. Sein Gesichtsausdruck dazu macht mir aber keine großen Hoffnungen; Schokolade gibt es Songea schließlich auch nicht. Außerdem: Was wird er wohl unter „Wasserseife“ verstehen ? Drei Wochen später zeigte Br.Damian mir dann, dass ich ihn mal wieder unterschätzt hatte: „Deine Wasserseife ist da.“ Es handelt sich tatsächlich um echtes Shampoo ! Zum Glück hatte mir Br.Zacharias in der Zwischenzeit seinen ganzen Shampoo-Vorrat abgetreten. Passend zum Thema schreibe ich diesen Text in leicht frustriertem Zustand, weil ich gerade ungeduscht von der Dusche zurückgekommen bin. Morgen dann also etwas zum Thema „Wasser“.

Br.Damian ist übrigens nicht nur sehr freundlich und zuverlässig, sondern auch sehr schnell. Die Art, wie man ihn manchmal durchs Haus gehen – oder besser: rennen – sieht, wirkt auf mich geradezu „unafrikanisch“. Das Foto zeigt ihn (dritter von links) bei der Namenstags-Feier von Abt Anastasius (erster von links).

Ich bin wieder jung

26. November 2007

Das Wort kijana wird im Wörterbuch mit „Jugendlicher“ übersetzt. Daher war ich neulich ziemlich erstaunt, als mein Suaheli-Lehrer mich als kijana bezeichnete. Seine Erklärung: kijana ist man von 18 bis 45 Jahren, danach ist man mtu mzima, wörtlich „Ganzer Mensch“. Ab 60 ist man dann mzee, Greis (spezieller Gruß an alle Lateinlehrer/innen, die wissen nämlich, dass man in Rom mit 60 senex wurde). Beim Kaffee löste ich dann eine Diskussion aus mit meiner Behauptung, ich wäre kijana. Einige meinten, schon mit 35 wäre man nicht mehr „Jugendlicher“. Der Kompromiss war schließlich: „Das hängt von der Intelligenz ab.“ (Kluge Leute werden also schon mit 35 ganze Menschen)

„Jung“ bin ich jedenfalls eindeutig im Vergleich zu den anderen Europäern hier, die (außer dem Abt) alle das Rentenalter überschritten haben.

Noch etwas fiel mir neulich auf: Die Zeit vergeht langsamer, ein bisschen wie in meiner Schulzeit. Das liegt wohl an den vielen Eindrücken, die mein Hirn verarbeitet. Einerseits wunderbar, aber andererseits fühle ich mich auch manchmal überfordert. Beides wird vergehen, wenn nicht mehr alles neu ist. Im Moment ist aber noch fast jedes Gespräch eine spannende Herausforderung. Das, was zuhause einfach selbstverständlich ist (von der Sprache angefangen, bis hin zur Art, wie man alltägliche Dinge organisiert), ist hier einfach nicht selbstverständlich. Sr.Rosann, die Priorin der Schwestern, nur ein paar Monate länger hier als ich, macht ähnliche Erfahrungen.

Das Bild zeigt watoto (Singular mtoto, „Kind“), Zuschauer bei der Verabschiedung von Br.Zacharias vor einer Woche (kommt mir vor, als wäre das schon deutlich länger her). Die sind eindeutig jung.

Feuerzangenbowle, Nachtrag

23. November 2007

Dieses Bild muss ich doch noch loswerden: Es zeigt den aus Zeitmangel (ja, den gibt es auch in Afrika !) gekürzten Tagesordnungspunkt 4: Praktische Anwendung der Physik. Die beiden Schülerinnen spielen einen kurzen Sketch: Patientin kommt zur Ärztin. Dass man mit Hilfe von Physik gute Jobs wie z.B. als Arzt bekommen kann, habe ich hier schon oft gehört. Wie in Deutschland gilt auch hier: Kittel und Stethoskop machen den Arzt bzw. die Ärztin. Die beiden Schülerinnen sind übrigens dieselben beiden, die neulich als Brillenträgerinnen geoutet wurden (siehe „Sind Afrikaner anders ?“).

Feuerzangenbowle, letzter Teil

22. November 2007

Punkt 3 der Tagesordnung ist das Vorstellen von physikalischen Modellen. Unsere Besucher haben einen Pappkarton mit Linse und Spiegel mitgebracht, in dem man ein Bild der Außenwelt sehen kann (siehe Foto), unsere Schülerinnen führen eine Messung vor, die das Ohm’sche Gesetz bestätigt. Dann ist es 16 Uhr, der Lehrer aus Songea drängt tatsächlich zum Aufbruch, aber wir gehen erst einmal zum Tee, was nach vier Stunden Programm ohne Pause auch dringend nötig ist. Beim Tee passiert dann auch endlich das, was ich für den heimlichen Zweck des Treffens gehalten habe: Die wenigen Mädchen, die das Glück haben, neben einem Jungen zu sitzen, unterhalten sich angeregt. Beim Abschied werden dann Adressen und Handynummern ausgetauscht. Die Stimmung beim Abschied ist sehr gelöst, die Schülerinnen sind richtig „aufgedreht“.

Nachdem die Besucher weg sind, entschuldigt sich die Vorsitzende noch bei ihren Mitschülerinnen, dass sie ihnen das Alter der Besucher verheimlicht hat, um sie nicht zu entmutigen. Unsere Besucher gehen nämlich zum großen Teil in Form 6 oder Form 5, sind also 18 bis 19 Jahre alt, unsere Schülerinnen stammen alle aus Form 1 bis 3. Doch den Vergleich mit den Songea Boys brauchen unsere wirklich nicht zu scheuen. Also sage ich ihnen auch ausdrücklich, dass ich stolz auf sie bin.

Fazit des Tages: Ich habe eine Menge über unsere Schülerinnen gelernt und die Schülerinnen haben ebenfalls eine Menge gelernt, vor allem zu den beiden Themen „Elektrischer Strom“ und „Selbstbehauptung“. Nebenbei hat es allen Beteiligen Spaß gemacht, ich bin zwar ziemlich müde und hungrig, aber voll und ganz zufrieden mit diesem Tag.

Abschied von Br.Zacharias

21. November 2007

Die Fortsetzung der „Feuerzangenbowle“ folgt morgen. Gestern ist nämlich Br.Zacharias von hier zurück nach Deutschland gereist (im Moment befindet er sich vermutlich kurz vor Dar es-Salaam), und dieses traurige (für mich) Ereignis muss erst einmal berichtet werden. Br.Zacharias aus der Abtei Münsterschwarzach war für zwei Jahre hier in Tansania, und die sind jetzt zuende. Außer mir und dem Abt war er der einzige junge Europäer hier in der Gemeinschaft. (Falls irgendwer meint, ich wäre alt: Demnächst kommt hier mal ein Artikel „Ich bin wieder jung“) Und was noch mehr zählt: Er ist kein Süddeutscher, sondern echter Westdeutscher, wenn auch aus dem Rheinland. Wir haben in den letzten beiden Monaten eine Menge miteinander erlebt, und daher hat er auch zwei Fotos verdient. Die stammen von seiner Verabschiedung in Lilambo am Sonntag, wo er regelmäßig den Wortgottesdienst gefeiert hat. Das erste zeigt den Maandamano, die feierliche Prozession von der Kirche zum Festzelt. Das zweite spricht für sich selbst, auch wenn es leider etwas unscharf ist. Gute Reise, Zacharias, grüße das kalte und regnerische Deutschland von mir !

Feuerzangenbowle, Teil 2

20. November 2007

Songea hatte uns gleich mit dem ersten Brief eine Tagesordnung in vier Punkten geschickt. Punkt 1: Diskussion über elektrischen Strom. Ein Schüler aus Songea mit sehr selbstbewusstem Auftreten hält einen todlangweiligen Vortrag über das Ohm’sche Gesetz (Spannung und Stromstärke sind zueinander proportional). Dann steht „unsere“ Felista auf und fragt, warum man ein Voltmeter parallel zum Verbraucher in den Stromkreis einbaut. Aha, denke ich mir, deshalb hat sie mich heute früh danach gefragt. Die Antwort des selbstbewussten Schülers ist nicht ganz überzeugend, eine Schülerin von uns muss ihm helfen.

Punkt 2: „Friendly Debate“. Also eine Debatte nach den strengen englischen Regeln, die hier außer mir jeder kennt, zum Thema „Physik-Lernen ist der einzige Weg zur Entwicklung.“ Am Schluss der Debatte zählt der Sekretär des Clubs aus Songea (also auch ein Schüler) die englischen Sprachfehler auf, die beide Parteien gemacht haben, wobei er selbst eine grottenschlechte Aussprache hat („Ihr habt gesagt, ‚they was‘, richtig ist ‚they where‘ “ – und bitte, liebe LeserInnen, merkt euch keine von beiden Möglichkeiten !). Weil die Gegenpartei weniger Sprachfehler gemacht hat, wird sie zum Sieger der Debatte erklärt, was nicht nur mich. Nicht nur ich, sondern auch die beiden anderen Lehrer sind über diese Art der Urteilsfindung ziemlich erstaunt.

Das Foto zeigt eine Szene der Debatte, der Redner steht frei in der Mitte des Raums. Auf dem Podium sitzen die Vorstände der beiden „Physics Clubs“ und (links) mein Kollege, Herr Ngole, und Herr Zawadi, der Lehrer aus Songea.