Archive for Dezember 2008

Übervölkert ?

31. Dezember 2008

Zum Jahreswechsel bemüht man ja gerne Statistiken. Das Foto zeigt die endlose Weite Tansanias, die mir bei dem Flug am 4.12. nochmal eindrücklich vor Augen geführt wurde. Das Land hat nur 39 Einwohner pro Quadratkilometer, Deutschland dagegen hat 230. Man kann also kaum von Überbevölkerung sprechen. Viele Kinder zu haben, gilt auch heute noch als ganz selbstverständlich erstrebenswert. Bei der Hochzeit des Juristen-Paares, an der ich im Mai teilnehmen konnte, wünschte der Conferencier den Eheleuten „watoto (Kinder) wengi (viele) weengi weeeengi“ und hörte gar nicht mehr auf, das Wort „wengi“ mit ganz lang-gezogenem E zu wiederholen. Irgendwann hatte ich den Eindruck, die arme Braut müsse mindestens so viele Kinder wie Kaiserin Maria Theresia von Österreich bekommen, aber er hörte immer noch nicht auf, sein „weeeeeengi“ zu wiederholen.

Rentenversicherung gibt es zwar, aber wer keine Kinder hat, steht trotzdem im Alter schlecht dar: Die Rente ist gering, die Wege sind weit, die überfüllten Busse nur für junge Leute erträglich, die Gesundheitsversorgung schlecht. Und außerdem kann das Land ja die vielen Kinder problemlos ernähren – einerseits.

Aber andererseits bringt das Bevölkerungswachstum doch große Probleme mit sich: Darauf hat mich Br.Bakanja gebracht, als er von den schlechten Schulen in seiner Heimat erzählte. Bakanja spricht ein hervorragendes Englisch, und ist überhaupt hoch gebildet, so dass ich verwundert nachfragte: „Aber du bist doch sicher auf eine gute Schule gegangen ?“ – „Früher waren die Schulen besser, heute gibt es zu wenige Lehrer für zu viele Schüler.“ Logisch, wenn die Bevölkerung schnell wächst, fehlen die ausgebildeten Erwachsenen.

P.S. Maria Theresia (1740-80) hatte 16 Kinder. Sie wurde 63 Jahre alt.

Romantische Namen

30. Dezember 2008

Diese Tage bieten mal wieder Gelegenheit, über unsere Sehnsucht nach einer heilen Welt nachzudenken („Holder Knabe im lockigen Haar.“). Manchmal stellen wir uns das Afrika von früher wie eine solche heile Welt vor, wo die Menschen noch im Einklang mit der Natur lebten, stark, gesund und glücklich waren. „Projektion“ nennt man so etwas, die eigenen Wünsche bestimmen die Wahrnehmung des anderen.
Zu unserem romantischen Bild von Afrika gehört auch, dass die Dinge hier so wunderbare Namen tragen. Im Reiseführer las ich gestern von dem versenkten deutschen Kriegsschiff „Königsberg“, das als „Manowari na bomba tatu – Krieger mit den drei Rohren“ bezeichnet werde, weil lange Zeit nur noch die drei Schornsteine aus dem Uferwasser ragten. Schade nur, dass „Manowari“ von dem englischen Ausdruck „Man-o‘-war“ kommt, „Kriegsschiff“. Aber „Kriegsschiff mit drei Rohren“ klingt einfach nicht romantisch genug für einen Reiseführer.

Vor einiger Zeit las ich, dass ein Sänger als mwimbaji bezeichnet werde, als „Herr der Töne“. Da hat wohl der Dolmetscher dem Autor einen Streich gespielt. Mwimbaji hat nämlich nichts mit „Ton“ und – zum Glück für die Frauen – auch nicht mit „Herr“ zu tun, sondern ist einfach vom Verb „singen“ abgeleitet und bedeutet „Sänger“ oder „Sängerin“.

Meine Meinung: Die Realität ist farbig und schön genug. Das Foto zeigt die Abenddämmerung am Stand von Sansibar, diese Art von Romantik mag ich, weil sie nichts mit Ahnungslosigkeit zu tun hat.

Mythen, Fundis, Werkzeuge und Embenbäume

29. Dezember 2008

In Dar es-Salaam hatte ich einen Künstler kennengelernt, den Bruder eines Fahrers von Kurasini. Er meinte, er könne fast so gut malen wie ein Europäer. Wieso er glaube, dass Europäer besser malen könnten, war meine irritierte Nachfrage. Tja, er hätte keine guten Farben, keine gute Leinwand. Das sei alles zu teuer.

Am Samstag vor Weihnachten, auf dem Rückweg, fuhren wir wieder einmal durch Ilula, und ich sah am Straßenrand die Stelle, wo im Juni die gebrochene Hinterachse unseres Autobusses geschweißt worden war, mit ziemlich primitiven Hilfsmitteln im Freien. Da wurde mir schlagartig klar, was mich an der Einstellung des Künstlers gestört hatte. Zum Glück saß Br.Edmund, unser afrikanischer Elektriker und Computerspezialist, gerade neben mir, und ich konnte meinen Gedanken gleich loswerden: Ob der gute Künstler oder Handwerker sich nicht auch mit einfachsten Materialien zu behelfen wisse, ohne gleich die Schuld auf die äußeren Umstände zu schieben. Ja, meinte Edmund, bei ihm zuhause heißt es, der gute Fundi könne auch unter einem Embenbaum arbeiten. (Ein Fundi ist ein Fachmann, eine Embe ist eine Mango-Frucht, beide Wörter werden auch von den Deutschen hier ständig benutzt) Bei dieser Einstellung ist es kein Wunder, dass Edmunds Heimatregion am Kilimajaro die fortschrittlichste Region Tansanias ist: Die Leute dort scheinen auf ihre eigene Kraft zu vertrauen.

„Zwei Dinge machen einen Fundi aus,“ fährt Edmund fort, „das Können und die Werkzeuge.“ Mir fällt die Frau aus dem Kriegsgebiet im Kongo ein, von der ich in der Zeitung gelesen habe: Sie könne nicht mehr sagen, dass sie Schneiderin sei, weil die Soldaten ihr die Nähmaschine gestohlen haben. Die Schuppen fallen von meinen Augen: Die Helden in den alten Mythen sind nichts ohne ihr Schwert, der Handwerker nichts ohne sein Werkzeug, und auch in Deutschland vertraut man einem Arzt nur, wenn er seinen weißen Kittel hat.

Das Foto zeigt die Arbeiter des E-Werks von Likingo unter einem Embenbaum, allerdings stellen sie dort keinen Strom her, sondern suchen nur Schatten. Auf dem Foto sehen die Emben fast so aus wie Äpfel, aber sie schmecken noch viel (!) besser. Jetzt sind sie zum Glück gerade reif. Mmmh.

Eine Geschichte ist erst dann zu Ende gedacht …

28. Dezember 2008

… wenn sie ihre schlimmst moegliche Wendung genommen hat. So schreibt der Dramatiker Friedrich Duerrenmatt zu „Die Physiker“. Der Gecko auf dem Foto (Dar es-Salaam, 3.12.) mag zwar manche Besucher erschrecken, die das erste Mal ein solches Tier sehen, ist aber fuer Menschen voellig harmlos und nur ungefaehr so lang wie eine menschliche Hand. Seine Haut erinnert ein wenig an Fruchtgummi. Als ich kurze Zeit spaeter wieder an derselben Stelle vorbeikam, ahnte ich aber schon, dass der Gecko ueberfordert war: Nur noch an einem Bein hing das Insekt in seinem Maul, siehe zweites Foto. Und kurz danach war es passiert: Das Insekt lag tot auf dem Boden, es war zu schwer und gross fuer den Gecko gewesen. Es war vergeblich gestorben, denn der Gecko hatte nichts davon gehabt und musste hungrig zu Bett gehen. Ein Ende wie in Duerrenmatts „Das Versprechen“.

Ich bin wieder da

28. Dezember 2008

Den groessten Teil des Adventes war ich gemeinsam mit meinen Eltern unterwegs (schoen war’s), ueber Weihnachten habe ich mit Jacques Plaene fuer Kuba geschmiedet, den gestrigen Tag habe ich im Bett verbracht. Wieso, weiss ich nicht: Koerpertemperatur und Blutdruck waren normal, ich war nur sehr muede, und Appetit hatte ich auch nicht. Jetzt also bin ich wieder da.

Frohe Weihnachten …

24. Dezember 2008

… wünsche ich allen Lesern und Leserinnen. Der Himmel ist bewölkt, es ist ziemlich warm, so richtig weihnachtlich fühle ich mich also nicht. Im übrigen ist gerade Frère Jacques (der angehende Obere unserer Neugründung auf Kuba) zu Besuch, wir schmieden gemeinsam Pläne und sind daher in Gedanken mehr auf Kuba als in Bethlehem. Damit wenigstens eure Gedanken auf Weihnachten eingestimmt werden, zeigt das Foto die Wand der Kathedrale in Songea, die P.Polykarp Uehlein aus der Abtei Ndanda vor elf Jahren gestaltet hat.

Schneller als erwartet, langsamer als erwartet

20. Dezember 2008

Heute Morgen um 5 sind wir von Dar es-Salaam abgefahren, um noch vor dem Morgenstau aus der Stadt herauszukommen. Bei der Mittagspause in Iringa sprechen wir über die beiden Radfahrer aus Winterstetten (Allgäu), die gestern mit dem Bus bis Iringa gefahren sind, um von dort aus in vier Tagen bis Mlangali zu radeln. Dort wollen sie P.Volker besuchen, einen Benediktiner der Abtei Peramiho, der ebenfalls aus Winterstetten stammt. Wenn sie heute um 8 Uhr in Iringa aufgebrochen sind, werden wir sie wahrscheinlich kurz vor Mafinga, 100 bergige Kilometer von Iringa entfernt, überholen.

Erst als wir schon gar nicht mehr damit rechnen, weit hinter Mafinga, bei km 139 seit Iringa, treffen wir doch noch auf die beiden (siehe Foto), die tatsächlich einen Durchschnitt von 21 km/h geleistet haben. Ungefähr 25 km bis zum Tagesziel Makambako liegen noch vor ihnen. Wie auf dem Foto zu sehen, ist es heute bewölkt, es ist auch nicht besonders heiß, aber angesichts der Berge und der Fahrweise der Lastwagen und Busse habe ich doch einen ziemlichen Respekt vor der Leistung der beiden. Nachdem wir ein paar Butterbrote miteinander geteilt haben, verlassen wir die Radler wieder, machen aber in Makambako kurz Halt, um den italienischen Pfarrer zu bitten, eine gute Unterkunft für sie bereitzustellen.

Aufgrund dieser Unterbrechungen und ausführlicher Pausen für Frühstück und Mittagessen geht es uns anders als den Radfahrern, wir kommen erst mit Verspätung um 17:30 in Uwemba an (statt um 15 Uhr), so dass ich nicht wie geplant gleich weiter nach Peramiho fahre, sondern noch eine Nacht in Uwemba verbringe.

Warten

19. Dezember 2008

Gestern Abend sind meine Eltern wieder zurückgeflogen. Ich fahre morgen nach Peramiho zurück, den heutigen Vormittag habe ich mit diversen Einkäufen verbracht, Dinge, die man nur hier in Dar es-Salaam bekommen kann. Die Einkaufsliste ist – wie vereinbart – per E-Mail aus Peramiho gekommen. Weil die Internetverbindung aber ziemlich (!!!) langsam ist, dauert es erst einmal fast 20 Minuten, bis ich mich zur gesuchten Mail durchgeklickt habe. Die nächsten 20 Minuten verbringe ich damit, an Bargeld zu kommen. Bargeldloses Zahlen ist weitgehend unbekannt, und wegen der schlechten Zahlungsmoral wird hier kein Händler auf Rechnung verkaufen, außer bei sehr gut bekannten Kunden. Das Bargeld stellt unser Haus in Kurasini zur Verfuegung, aber bis 100 Geldscheine bereit gelegt und gezählt sind, vergeht halt einige Zeit. Der größte Geldschein überhaupt beträgt 10 000 Shilling (7 Euro).

Einkäufe sind grundsätzlich mit viel Warten verbunden, vor allem das Schreiben der Rechnungen (und für jede Kleinigkeit wird handschriftlich eine Rechnung ausgefüllt) dauert eine halbe Ewigkeit. Dem Fass die Krone aus schlägt aber das Einkaufen einer Busfahrkarte. Einer unserer Brüder möchte am 27. fahren. Also schnell zum Büro von Dar Express, zwei Schalter sind dort, an jedem Schalter nur ein Kunde. Als der endlich bedient ist, erhalte ich die Auskunft: „Wir verkaufen Fahrkarten nur drei Tage im voraus. Komm also am 25. wieder.“ An dem Tag bin ich natürlich nicht in Dar, ich gehe verärgert zur Konkurrenz von Falcon, deren Büro direkt nebenan ist. Dort bin ich der einzige Kunde, der Angestellte sieht kein Problem, mir die Fahrkarte zu verkaufen, telefoniert mit seiner Zentrale, telefoniert nochmal und ein drittes Mal, und sagt mir schließlich, ich solle die Fahrkarte am Busbahnhof in Ubungo kaufen. Der liegt außerhalb, die Taxifahrt dorthin kostet fast so viel wie die ganze Busfahrt. Immerhin gibt er mir noch den Hinweis, direkt um die Ecke sei das Büro von Kilimanjaro, der dritten Busgesellschaft. Dort warten schon fünf oder sechs Kunden, aber immerhin gibt es genügend Stühle zum Warten, und nach einer weiteren Viertelstunde halte ich tatsächlich eine Busfahrkarte in der Hand.

Der spezielle Gruß geht heute an meine Eltern, die inzwischen hoffentlich heil zuhause angekommen sind.

P.S. Aber jetzt soll bitte keiner denken, das Verkehrswesen in Tansania wäre schlecht organisiert. Im Sommer 2007 habe ich am Pariser Nordbahnhof etwas mehr als eine ganze Stunde gebraucht, um eine einfache Fahrkarte nach Chartres zu kaufen.

Wenn der Pilot vor dem Start betet …

6. Dezember 2008

… dann muss das nicht unbedingt mit der Qualität der Start- und Landebahn (das Foto zeigt die Bahn in Mbesa) zusammenhängen. Vermutlich befindet man sich einfach in einem Flugzeug der MAF. Es gibt immer noch Orte in Tansania, die über die Straße nur sehr mühsam zu erreichen sind, die aber größere kirchliche Einrichtungen beherbergen. Um diese Orte überhaupt irgendwie erreichen zu können, haben mehrere protestantische Missionsgesellschaften die Missionary Aviation Fellowship (Missionsfluggemeinschaft) ins Leben gerufen.
Vorgestern hatte ich gemeinsam mit meinen Eltern das Vergnügen, mit der MAF zu fliegen. Von Dar es-Salaam aus fliegen wir zunächst Mbesa an, einen Ort, der nur über Sandpiste erreichbar ist, und auch nur eine Sand-Landebahn hat, wo aber deutsche Baptisten ein großes Krankenhaus betreiben.
Das Foto zeigt links die beiden Flughafenmitarbeiter beim Auftanken (mit Handpumpe), rechts sind der Unterstand für die Kaffeepause (der Pilot kriegt jedes Mal von der Gemeinde einen Kaffee mit Gebäck spendiert) und der Schuppen für die Kerosin-Fässer zu erkennen. Die neugierige Dorfjugend steht im Schatten der Bäume und ist deshalb nicht so gut zu erkennen.
Recht familiär geht es unter den Kunden der MAF zu: Vor einer Woche wurde ein Patient mit einem komplizierten Beinbruch von Mbesa nach Peramiho geflogen, nur sind damals die Arzt-Unterlagen und das Geld vergessen worden. Mir wird der Umschlag mit den Arzt-Unterlagen in die Hand gedrückt, dann reißt der deutsche Krankenhaus-Mitarbeiter den Umschlag wieder auf und steckt noch eine Menge Geldscheine hinein, obwohl er nicht einmal meinen Namen kennt.
Das Foto unten zeigt den Landeanflug auf Songea, oben rechts ist die Landebahn zu erkennen, die in Songea immerhin geteert ist. Auch Songea wird nur von der MAF regelmäßig angeflogen, jeden Donnerstag, wenn der Flug nicht gerade aus Mangel an Passagieren ausfällt.

„Sie hat die Rechnung nicht bezahlt“

2. Dezember 2008

Hier in Kurasini trifft man immer wieder sehr interessante Leute, gestern habe ich mich mit P.Damian unterhalten, der in den Usambara-Bergen (wo die Veilchen herkommen) drei benediktinische Schulen managt. Er erzaehlte mir die Geschichte von dem Schwein, das an einer der Schulen gestohlen wurde (wie unsere Schule auch, ist sie ein Internat, und ein grosser Teil der Lebensmittel stammt aus eigener Produktion). Nachdem die Diebin ermittelt worden war, stellte sich heraus, dass sie das Schwein einem Hexenmeister gegeben hatte. Der hatte ausdruecklich ein gestohlenes Schwein verlangt, um einige Ordensschwestern zu verfluchen. Diese Schwestern, mit denen die Diebin offensichtlich verfeindet war, waren gerade zur Ausbildung in den USA und konnten wegen eines Autounfalls und anschliessender Krankenhausbehandlung nur mit Verspaetung zurueckkehren. P.Damian weiss, dass der Autounfall reiner Zufall war, aber die Schwestern glaubten, er sei die Folge des Fluches. Auf sein Argument, dass die Schwestern aber doch geheilt entlassen und mit nur geringer Verspaetung zurueckgekehrt seien, antwortete die Oberin: „Ja, die Diebin hat die Rechnung des Hexenmeisters nicht bezahlt.“

Die Diebin, selbst eine Ordensschwester, wurde unehrenhaft aus dem Orden entlassen.

Fazit: Selbst gut ausgebildete Ordensschwestern glauben hier oft noch ganz selbstverstaendlich an die Wirksamkeit von Fluechen. Aber auch in Europa soll es ja noch gebildete Menschen geben, die sich mit Horoskopen und aehnlichem Aberglauben laecherlich machen.