Archive for the ‘Kenia’ Category

Hygienestandards

2. Dezember 2014

umzug Die Anreise nach Illeret hatte mich schon in gewisser Weise auf die Nacht in der Fora (siehe vorigen Artikel) eingestimmt: Ich lernte nämlich Victor kennen. Der sympathische junge Mann hat Landwirtschaft studiert, als er noch Bruder in Peramiho war. Jetzt arbeitet er für den staatlichen Veterinärdienst bei den Massai, dem berühmten Nomadenvolk im Grenzgebiet zwischen Tansania und Kenia. Deren Respekt hat er sich erst erarbeiten müssen. Dazu gehörte auch, bei den Massai draußen unter einer ungezieferverseuchten Lederdecke zu schlafen und mit ihnen Tee zu trinken, ohne sich um den Schmutz darin zu kümmern. Meine Gedanken dazu waren: “Hoffentlich gibt es in Illeret keine solchen Decken”, und: “Ein europäischer Tierarzt bei den Massai würde genauso reden.”
Besonders nett fand ich ein Erlebnis aus Victors Anfangszeit bei den Massai: Man rief ihn zu einer Kuh, die sich nicht auf den Beinen halten konnte. Er fand aber keine Symptome irgendeiner bekannten Krankheit, und sagte daher, “Wenn Kühe Alkohol trinken würden, würde ich sagen, die ist betrunken.” Eine Woche später klärte man ihn dann auf: Er hatte den Nagel auf den Kopf getroffen, die Massai hatten der Kuh Bier vorgesetzt, um ihn auszutesten.
Das Ungeziefer ist mir bei den Nomaden zum Glück erspart geblieben, und ob das Essen oder der Tee schmutzig waren, konnte ich in der Dunkelheit nicht sehen. Nach der Rückkehr wurde ich in Illeret etwas spöttisch gefragt, ob ich den Ausflug genossen hätte. Vin, der als Helfer des Lastwagenfahrers nicht gerade ein bequemes Leben hat, ist überrascht, dass ich bejahe. Er lebt schon ein paar Jahre in Illeret und war nur zweimal “draußen”. Gefallen hat es ihm nicht – “nicht hygienisch genug”, sagt er.
Die Gespräche mit Vin und Victor führen mir vor Augen, dass ihr Lebensstil und ihre Vorstellungen deutlich näher an europäischen Vorstellungen liegen, als an denen ihrer nomadischen Landsleute.
Das Foto zeigt eine Nomadenfamilie beim Umzug – der ganze Hausrat passt auf drei Esel.

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Ich belüge P. Florian und schlafe neben einem Gewehr

27. November 2014

homeguard Am Montag kommt Florian zu mir: Er wolle zu einer Fora, einem Nomadenlager, hinausfahren, und werde dort übernachten. Ob ich mitkommen wolle. Es ist heiß, ich bin müde, und die Blende der Kamera verhakt sich immer wieder, so dass das Fotografieren auch keinen wirklichen Spaß mehr macht. Kurzum, ich habe keine Lust. Doch bin ich zu feige, einem solchen Naturburschen (“Ein harter Bursche”, sagt der Chief respektvoll über ihn) wie ihm zu sagen, dass ich lieber bequem in Illeret bleibe, daher lüge ich, dass ich mit Vergnügen mitkomme.
Mit nur wenigen Minuten Verspätung fahren wir um Drei ab, das Auto voller Nomaden mit Gepäck und – Gewehren. Einige der Reisenden tragen die Uniform der Homeguards. Aus irgendeinem Grund hat die Regierung zahlreiche Nomaden zu Homeguards (Hilfspolizisten) erklärt und ihnen damit die Erlaubnis gegeben, Uniform zu tragen und ein Gewehr zu besitzen, ohne dass diese “Polizisten” dadurch auf die staatliche Ordnung verpflichtet wären. Ob allerdings alle Gewehre legal sind, darf bezweifelt werden – Legal, illegal, sch…egal, sagte man zu meiner Schulzeit.
Zwei Stunden lang geht es über eine gute Piste in die Wüste hinein, dann sagt der Chief (Häuptling), irgendwo hier müsse das Lager sein. Er steigt mit Florian und anderen aufs Autodach, um nach dem Lager Ausschau zu halten.
wo_sind_sie_denn In der Zwischenzeit posieren einige Nomaden mit Gewehr für meine Kamera (siehe Foto ganz oben). Ein Junge, den ich auf Zwölf schätze, steht so professionell da, dass ich vermute, dass er auch damit schießen könnte, wenn er wollte. Die Nomaden sind wohl der Meinung, jeder “echte Mann” müsse ein Gewehr haben. Komischer Gegensatz dazu: Die meisten tragen Röcke und Zöpfchen, so dass ich zuerst denke, sie wären Mädchen. Leider habe ich meine Kamera nicht so schussbereit wie die Nomaden ihre Gewehre, denn ich sehe zum ersten Mal in meinem Leben einen Leoparden in freier Wildbahn. Er läuft einer kleinen Gazelle hinterher, die läuft nach rechts in ein Gebüsch, der Leopard läuft geradeaus weiter, sie springt nach links auf einen kleinen Felsen und schaut unser Auto an. Der Blick scheint zu sagen, “Ist der dumm !”
Die Fahrt geht weiter, jetzt einfach querfeldein. Ziemlich genau bei Sonnenuntergang erreichen wir das Lager. Damit ist auch geklärt, warum die Abfahrt so ungewöhnlich pünktlich war – alle wussten, dass wir bei Verspätung in die Dunkelheit geraten würden und das Lager womöglich nicht finden würden.
Das Lager besteht aus vielleicht zehn Hütten, aus Zweigen gebaut und mit schwarzer Plastikplane bedeckt. Früher waren die Hütten aus Gras gebaut, bemerkt Florian. Der Chief antwortet, dass das Plastik ein Problem darstellt, weil es in der Sonne glänzt und deshalb von weitem sichtbar ist – auch für Feinde, von denen ich in einem der nächsten Artikel schreiben muss. Aber es gibt heutzutage nicht mehr genug Gras, um die Hütten zu decken. Die Hütten sind von einem Zaun umgeben, der einfach aus Zweigen von Dornbüschen besteht. Darum herum werden die Tiere für die Nacht untergebracht, Schafe, Ziegen, Kühe und ein paar Esel, die einzelnen Herden wieder durch Dornbusch-Zaun getrennt, und auch gegen die Außenwelt nochmals mit einem solchen Zaun geschützt. Rauch von Feuern steigt auf, die Hirten kehren mit ihren Herden zurück. Warum macht das Ganze auf mich einen so einladenden Eindruck ? Wahrscheinlich werde ich nicht viel Schlaf finden können, und viel von dem Essen, das mich hier erwartet, werde ich auch nicht hinunterwürgen können. Dennoch kommt mir der Ort spontan sympathisch vor. Liegt das daran, dass wir seit drei Stunden keine anderen Menschen gesehen haben ? Oder liegt es an Genen, die noch aus der Zeit der Völkerwanderung in mir schlummern ?
hammelbeine Nachdem wir einige Zeit draußen herumgestanden haben, führt der Chief uns durch die äußere Hecke zwischen den Schafen hindurch ins Innere. Dort wird auf einem freien Platz die große Zeltplane ausgebreitet, die wir von Illeret mitgebracht haben. Florian besucht einen der Nomaden, dessen chronische Nierenkrankheit sich kürzlich verschlimmert hat, in seinem Zelt, während eine Frau mir eine Plastikkanne voller Tee mit Milch reicht, den ich aus der dazugehörigen Plastiktasse trinke. Nicht gerade mein Lieblingstee, aber trinkbar. Dann lädt der Chief den inzwischen zurückgekehrten Florian und mich zur Vorspeise ein. Vor einem der Zelte gibt es Leberstückchen. Nicht meine Leibspeise, aber essbar. Inzwischen ist es dunkel, ein Nomade kommt mit seiner Taschenlampe vorbei, ich hoffe, dass das Licht nicht in die Schüssel fällt, damit der Anblick mir nicht den Appetit verdirbt. Nach dieser Vorspeise geht es wieder zurück zu unserer Zeltplane, wo wir auf den zweiten Gang warten. Nach einiger Zeit werden wir dann wieder gerufen, es gibt diesmal irgendein Fleisch, geanueres ist nicht zu sehen, es wird wohl Ziege sein. Das erste Stück, das ich erwische, ist nicht besonders gut, danach tue ich nur noch so, als ob ich mir etwas aus der Schüssel nehme. Zu Florian sage ich, “Meine Strategie ist nicht, satt zu werden, meine Strategie ist, nicht aufzufallen.” Der Chief meint am nächsten Morgen zu mir, ich hätte wohl abgenommen – ob er doch etwas gemerkt hat ?
zahnbuersten Dann setzen sich immer mehr Männer auf die Zeltplane, der Chief ermahnt uns, uns andersherum zu setzen, so dass alle in dieselbe Richtung schauen, und nun beginnt die Versammlung, um derentwillen Florian hergekommen ist. Ein Mann reicht einem anderen einen Speer, der dann viele kurze Rufe ausstößt, auf die alle mit etwas antworten, was wie “Haya” klingt. Florian erklärt mir später, es seien Segenswünsche gewesen, ungefähr “Unser Vieh möge gedeihen”, und ähnliches. Danach werden einige Reden gehalten, der Sprecher geht vor den Versammelten auf und ab und hält den Speer in der Hand. Da gar kein Licht vorhanden ist, sehe ich den Sprecher nur als Schatten vor den tausend Sternen, die am wolkenlosen Himmel stehen. Eindrucksvoll, aber ich bin zu müde, so lehne ich mich zurück und schließe die Augen. Im Halbschlaf habe ich den Eindruck, alles zu verstehen – der Sprecher erzählt vom Auszug Israels aus Ägypten. Als Florian aufgerufen wird, werde ich wieder wach. Florian spricht Suaheli, der Chief übersetzt in die Dassanach-Sprache. Er schlägt den Nomaden vor, an einer bestimmten Stelle eine neue Siedlung zu gründen, um der Regierung klarzumachen, dass diese Stelle zum Gebiet der Dassanach gehört und von der Regierung nicht für andere Zwecke verwendet werden darf. Es gibt einige Nachfragen von den Zuhörern, dann kommt der nächste Sprecher. Nach dem Ende der Versammlung legen wir uns an Ort und Stelle aufs Ohr bzw. auf das Handtuch, das ich als Kopfkissenersatz mitgenommen habe. Florian liegt links von mir, daneben der Chief, daneben die Kalaschnikow des Chiefs. Rechts von mir liegt Otieno, ein Jugendlicher aus Illeret, der keine Eltern mehr hat, bei Verwandten wohnt, aber tagsüber meist im Pfarrhaus rumhängt oder sich nützlich macht (das Foto oben zeigt ihn hinter Florian beim Zähneputzen mit Hilfe eines Holzstücks, das hier als Bürstenersatz dient, noch weiter oben bringt er eine Ziege zu unserem Auto). Heute ist er einfach mitgefahren, er ist erst im letzten Moment auf das Auto geklettert, als Florian schon am Steuer saß und nichts davon merken konnte, jetzt sitzt er überall dabei, wo der Chief, Florian und ich sind. Er hat kein Kopfkissen, und um sich gegen den Wind zu schützen, zieht er nur sein T-Shirt halb über den Kopf. Ich habe meine warme Jacke mit Kapuze, so bin ich gut geschützt. Die Unterlage ist etwas hart, das Kopfkissen etwas klein, und alles ist vom Blöken der Schafe untermalt. Trotz allem schlafe ich hervorragend.
Am Morgen entfällt alles, was sonst das Aufstehen verzögert: Noch ein bisschen liegenbleiben, weil es im Bett so bequem ist, Waschen, Rasieren, Anziehen. Ich stehe einfach auf, als es hell wird, nehme die Kamera, und mache die ersten Fotos (siehe unten).
morgen Es gibt wieder Tee mit Milch, dann folge ich Florian in eine der Hütten, wo es Sauermilch aus einer Plastikkanne gibt. “Cook it, peel it, or forget it,” heißt die Regel für Essen in Ländern mit anderen Hygienestandards, sinngemäß, “Iss nur Gekochtes oder Obst, das du schälen kannst.” Da Florian aber keine Bedenken hat, trinke ich mit. Danach geht es zurück. Da das Essen in Illeret gut und reichlich ist, macht es nichts, dass ich etwas hungrig bin, jedenfalls bin ich um eine wunderschöne Erfahrung reicher.

Ich mache Nacktfotos und schlage kleine Kinder

25. November 2014

dassanach2 Das Bistum Marsabit feiert sein 50-jähriges Bestehen. Als Festgeschenk wollen die Katholiken von Illeret ein paar Ziegen nach Marsabit bringen. Deshalb hat sich am Dienstag, an demselben Tag, an dem ich mit P.Florian die letzte Etappe nach Illeret gefahren bin, eine Gruppe junger Leute in den Busch aufgemacht, um dort von den Hirten Ziegen zu erbetteln. Florian mag solche Aktionen nicht, weil er schon weiß, was dabei herauskommt. Aber an jenem Dienstag war er halt noch nicht da, und außerdem gehen die jungen Leute aus Abenteuerlust, da ist es schwer, sie zurückzuhalten. Abenteuer haben sie bekommen, nämlich in Form von Hunger. Die Hirten haben ihnen innerhalb von drei Tagen drei Ziegen geschenkt, und außerdem haben sie ihnen Tee angeboten, sonst nichts. Sie gehören zwar zum gleichen Stamm wie die jungen Leute, aber sie sind nicht mit ihnen verwandt. Einer der jungen Leute marschiert also zurück nach Illeret und bittet, die ausgehungerte und erschöpfte Gruppe mit dem Auto abzuholen. Das übernimmt P.Winfried, der junge afrikanische Priester, der Florian während seines Urlaubs vertreten hatte. Ich begleite ihn und komme so zum ersten Mal zu den Nomaden hinaus.
Gleich, als wir ankommen, greifen viele Hände nach dem Außenspiegel, der völlig verstellt wird. Auch meine Kamera zieht neugierige Hände in Massen an, so dass ich eine Methode anwende, die ich in Illeret schon mehrfach beobachtet habe: Zuschlagen. Allerdings benutze ich dazu keinen Stock, wie das so manche Frau in Illeret tut, und ich deute den Schlag auch nur an.
Winfried fordert mich auf, ein Foto von ihm mit “this lady” zu machen. Andere kommen hinzu, die meisten tragen die traditionelle Kleidung oder Nicht-Kleidung der Dassanach. In der “Stadt” (“town”), wie Illeret hier genannt wird, sieht man mehr Kleidung (das untere Foto habe ich dort gemacht), aber auch dort laufen viele Menschen noch traditionell, nackt oder halbnackt herum. Die abgebildeten Menschen haben wahrscheinlich eine ungefähre Vorstellung davon, was ein Fotoapparat ist, aber gar keine Vorstellung, was das Internet ist. Deshalb stelle ich nur eine ganz kleine Version des Fotos ins Netz.
Nach dem Foto von Winfrieds “lady” wollen auch andere, Kinder und Erwachsene, fotografiert werden. Anschließend zeige ich ihnen jedesmal ihr Bild auf dem Display, was ziemliche Begeisterung auslöst. Die alte Frau rechts auf dem oberen Bild umfasst das Objektiv mit der ganzen Hand, bevor ich sie daran hindern kann. Ich bin nicht begeistert, kann aber angesichts ihres Alters schlecht zuschlagen.
dassanach

Ausflug ans Ende der Welt

19. November 2014

vor_isiolo Zu Schulzeiten las ich in irgendeinem Buch vom Rudolf-See irgendwo in den innersten Tiefen Afrikas. An diesem See, der heute Turkana-See heißt, liegt die Pfarrei von P.Florian. Sie hat gewisse Ähnlichkeit mit dem Ende der Welt. Am Samstag bin ich mit ihm, Fahrer Vinzenz und dessen Helfer Vinzenz, der zur Unterscheidung “Vin” genannt wird, in das Führerhaus von Florians Lastwagen gestiegen. Der transportierte 9.000 Liter Benzin und Diesel und andere Dinge, die man im äußersten Norden Kenias nicht bekommen kann. Unterwegs auf den diversen Bauernmärkten kauft Florian noch Obst und Gemüse ein, ausreichend für eine dreimonatige “Überwinterung” in der Wüste. Der erste Reisetag verläuft aber ziemlich gemütlich, es geht nur bis Nanyuki, wo die Benediktiner direkt am Äquator ein Haus haben, keine vier Fahrtstunden von Nairobi entfernt. Am Sonntag geht es dann nach dem Mittagessen durch die wunderschöne Landschaft des kenianischen Hochlandes Richtung Norden. Für die grandiose Abfahrt (oberes Foto) in die Tiefebene schaltet Vinzenz in den zweiten Gang runter, dann erreichen wir Isiolo, wo das Ende der Teerstraße, der Beginn der Wüste, die ersten Kamele und der Sonnenuntergang zusammentreffen.
Wenn es trocken ist, durchquert Florian die Wüste lieber bei Nacht, tagsüber ist wegen der Hitze die Belastung der Reifen sehr groß. Aber es hat geregnet, und 20 km vor Marsabit geraten wir gegen Mitternacht in ein Matschstück. Am linken Straßenrand sind mehrere große LKWs abgestellt, deren Fahrer anscheinend den Morgen abwarten wollen. Florian hat inzwischen Vinzenz am Steuer abgelöst und fährt rechts vorbei – zu nahe ! Ein lautes “Gong” zeigt an, dass unser Laster gegen den stehenden gerutscht ist – Matsch ist die hiesige Entsprechung zu Glatteis. Noch ein “Gong”, dann sind wir vorbei, und die Seitenwand hat zwei Dellen mehr, wie wir am Morgen sehen. Kurz danach kommen wir an einem Kleinbus vorbei, der mit seinen zehn oder 15 Passagieren im Matsch steckengeblieben ist. Auch der Geländewagen, der im Straßengraben steckt, macht nicht gerade Mut zum Weiterfahren. Wir halten an, Vinzenz und Florian gehen ein Stück voraus, um die Lage zu erkunden. Dann beschließen sie, es zu versuchen. Gegen 2 Uhr sind wir in Marsabit und schlafen die paar Stunden, die von der Nacht noch übrig sind, im Lastwagen. Marsabit ist die Bezirksstadt, hier gibt es die letzte Tankstelle und die letzte Autowerkstatt. Außerdem gibt es ein paar Gaststätten, der Bischof hat hier seinen Sitz, aber alles ist sehr ländlich und dörflich. Nach dem Besuch beim Bischof und ein paar Einkäufen geht es am frühen Nachmittag weiter in die Wüste. Florian und ich steigen in den Geländewagen um, den er gerade in der Autowerkstatt abgeholt hat – ein altes russisches Modell, bei dem nur Dieselmotor, Fahrgestell, Lenkung, Getriebe und Bremsen funktionieren. Das reicht für Florian, schließlich hat er das Autofahren von seinem Onkel, einem Ralleyfahrer, gelernt. Zum Vorglühen hält Florian einen losen Draht an einen Knopf auf dem Armaturenbrett. Um Sechs trennen wir uns von Vinzenz und seinem LKW, weil wir einen Umweg über Maikona machen, um eine Schülerin mitzunehmen, die zum Ferienbeginn nach Hause fährt. Die beiden rumänischen Priester dort, sympathische Menschen, bei denen man sich sofort wohlfühlt, zwingen uns geradezu, an ihrem Abendessen teilzunehmen. Dann fahren wir weiter in die Salzwüste Tschalbi hinein. Nach einer halben Stunde – Wasser ! Der Regen hat die Piste überschwemmt, wir müssen umkehren. Insgesamt haben wir durch den Umweg zwei Stunden verloren. Florian zeigt jetzt, was er von seinem Onkel gelernt hat, und als wir um halb Elf in North Horr ankommen, ist der LKW uns nur 10 Minuten voraus. Die Pfarrei in North Horr wird von drei Augsburger und einem kenianischen Priester geleitet, es gibt eine Dusche, ein sauberes Bett und eine saubere Toilette. So gestärkt, stellt der vierte Reisetag dann kein Problem mehr da, die einzigen Ereignisse der gemütlichen Fahrt von morgens 11 bis abends um Acht sind eine große Straußenherde, viele Kamele und mehrmaliges Nachfüllen von Kühlwasser.
kamele Florian war drei Monate in Europa, jetzt fährt er laut hupend in den Ort ein, die Kinder haben schon den ganzen Tag nach ihm Ausschau gehalten und bereiten ihm jetzt einen fröhlich-lauten Empfang.
Ich bin also in Illeret, mit Blick auf den Turkana-See. Es gibt auch hier ein sauberes Bett, Dusche und Toilette. Außerdem gibt es regen Straßenverkehr – gestern habe ich zwei PKWs, einen LKW und ein Motorrad gezählt, und sogar Internet über Handy funktioniert. Und dann gibt es noch etwas, von dem ich schon zu Schulzeiten gelesen habe, das Turkana Basin Institute von Richard Leakey, dem berühmten Paläontologen (Fossilienforscher). Die heutigen Forscher gehen davon aus, dass irgendwo hier die Gegend war, von der aus sich die Menschheit in alle Himmelsrichtungen ausgebreitet hat, also die Mitte der Welt.
Das untere Foto zeigt die Wüste einige Stunden vor Illeret.
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Ausflug in ein modernes Land

14. November 2014

centre Diese Zeilen schreibe ich mal wieder in Nairobi, wo ich Zwischenstation auf dem Weg ans Ende der Welt mache. Sechs Tage lang habe ich Fotos in unserem Studienhaus hier gemacht. Dabei hatte ich die Gelegenheit, P.Isaiah zu seiner Vorlesung im Fach Moraltheologie zu begleiten. Er sagt mir nachher, “Es ist die Pflicht der Studenten, den Professor zu kritisieren.” In Tansania würde man eher hören, “Es ist die Pflicht der Studenten, alles auswendig zu lernen, was der Professor sagt.” Auch sonst gibt es in Nairobi viele moderne Dinge, die man in Tansania vergeblich sucht: Die Catholic University of Eastern Africa ist eine eindrucksvolle Institution mit einer hypermodernen Bibliothek. Für die Buchrückgabe ist ein Automat zuständig, der so ähnlich funktioniert wie moderne Automaten zur Rücknahme von Pfandflaschen in Deutschland. Das Konferenzzentrum der Uni (oberes Foto) ist ebenso modern, es hat sogar einen Preis für Umweltfreundlichkeit gewonnen, weil die frische Kühle im Raum ganz ohne Klimaanlage erzeugt wird. In unserem Studienhaus gibt es eine funktionierende Trennung von Trink- und Brauchwasser, auf den Straßen sieht man (allerdings wenige) Radfahrer mit Fahrradhelm, und die Straße, auf der ich inzwischen in unsere Pfarrei St.Benedict weitergefahren bin, hat 12 Spuren – 6 für jede Fahrtrichtung.
Die Pfarrei liegt direkt an dieser Autobahn, und am Freitag gehe ich in Begleitung einiger Mitarbeiter der Pfarrei auf die andere Seite der Autobahn, wo Mathare Valley liegt, der größte Slum Nairobis. Wir besuchen die Klinik der German Doctors, wo sechs deutsche Ärzte im Monat 6300 Patienten behandeln. Der Patient zahlt für die Behandlung 200 Shilling (2 Euro) und bekommt dafür alles, was er braucht, einschließlich der Medikamente. Wenn er stationär behandelt werden muss, dann bringen die German Doctors ihn zum Kenyatta Hospital und bezahlen ihm die Aufnahmegebühr dort von 660 Schilling. Chronisch Kranke, z.B. Diabetiker, erhalten für 300 Schilling im Monat die notwendigen Medikamente, HIV-Positive werden sogar kostenlos behandelt. Der Schock kommt, als das Wort “malnutrition” fällt, Unterernährung. Ich frage nach, ob Unterernährung nur vorkommt, wenn die Eltern ihre Kinder vernachlässigen. Katechist Anton antwortet, dass es Eltern gibt, die sich um ihre Kinder kümmern, aber einfach zu arm sind, um sie zu ernähren. “Ich könnte dich zu Familien führen, da würdest du weinen.” Und das nur einen kurzen Fußweg von der 12-spurigen Stadtautobahn entfernt !
lasten Die Atmosphäre ist sehr entspannt: Ein Mann mit einem Handkarren kommt vorbei, er möchte gerne fotografiert werden. Ich tue ihm – natürlich sehr gerne – den Gefallen und zeige ihm dann das Foto auf dem Display mit den Worten: “Ein Foto von einem kräftigen Mann.” Daraufhin posiert er für weitere Fotos als Mann, der seine letzte Kraft einsetzt, und hat offensichtlich eine Riesenspaß dabei (siehe Foto).
Doch die Leute können auch anders: An einer Querstraße sagen Katechist Anton und Br.Dominik mir: Hier stand das Schild, “No Raila, no peace.” Das war nach den Präsidentschaftswahlen 2007. Raila Odinga hatte die Wahl verloren, höchstwahrscheinlich durch Wahlbetrug. Damit begann eine Welle der Gewalt zwischen Raila Odingas Volk, den Luo, und dem Volk des Wahlsiegers, den Kikuyu. Das Schild markierte den Eingang zum Wohnviertel der Luos. Wer trotz der Warnung weiterging und zum Volk der Kikuyu gehörte oder nur so aussah, wurde umgebracht. Die Wunden von damals sind noch lange nicht verheilt. Der heutige Präsident ist vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angeklagt, damals für die Kikuyu-Seite die Gewalt organisiert zu haben. Gestern hieß es auf Seite 1 der Tageszeitung, dass er seine Umfragewerte verbessert hat, indem er wirklich zu einem Gerichtstermin in Den Haag erschienen ist.

„Friedhof“ und der schwierige Frieden

14. April 2014

muslimische_gaeste Seit zwei Wochen taucht in den Gesprächen öfter das Wort „Makaburi“ auf. Ich verstand zunächst nur „Friedhof“, denn das ist die Übersetzung des Wortes, aber schnell werde ich aufgeklärt, dass Makaburi der Spitzname eines islamistischen Hasspredigers war, der ursprünglich als Totengräber gearbeitet hatte. Er wurde mit einer Reihe von Terroranschlägen in Kenia in Verbindung gebracht und ist von „Unbekannten“ erschossen worden. Kenia ist immer wieder das Ziel von islamistischen Terrorattacken. Mehrere Prediger, die als Hintermänner des Terrors gelten, sind in letzter Zeit erschossen worden, und alle meine Gesprächspartner sind sicher, dass die „unbekannten“ Todesschützen im Auftrag der Regierung gehandelt haben. Sie scheinen es sogar gut zu finden, dass die Regierung auf diese Art Terror mit Mord beantwortet. Das Verhältnis zwischen der christlichen Mehrheit (82 %) und der muslimischen Minderheit (11 %) in Kenia ist sehr gespannt.
Vor diesem Hintergrund war ich froh, dass einer der jungen Mönche, die neulich in Tigoni zu Priestern geweiht wurden, in Kairo Islamwissenschaften studiert. Drei seiner muslimischen Freunde waren zu seiner Weihe gekommen. Dies wurde in mehreren Reden als Beitrag zum christlich-islamischen Verhältnis gelobt (das Foto zeigt sie auf dem Ehrenplatz beim Gruppenfoto mit dem Nuntius, der die Weihe vorgenommen hatte). Mein guter Eindruck, „Endlich mal jemand, der sich um den Frieden zwischen Christen und Muslimen bemüht“, hielt genau sechs Tage. Dann ergab sich ein längeres Gespräch mit Prior Lawrence, dem Oberen von Tigoni. Ich lobe ihn dafür, dass ein Mitglied seiner Gemeinschaft sich besonders für das Verhältnis zum Islam einsetzt. Aber als Antwort bekomme ich eine längere Rede zu hören, in der er alle Muslime in einen Topf wirft, „die Muslime“ wollten die Christen durch Gewalt einschüchtern. Ich ahne, dass der junge Islamwissenschaftler es schwer haben wird, wenn er sich um einen echten Dialog bemühen will. Leider ist er gleich nach der Weihe nach Kairo zurückgekehrt; ich hätte mich gerne mit ihm unterhalten. Heute mal wieder ein spezieller Gruß, nämlich an P.Cosmas, den Mescheder Islamspezialisten, der es auch nicht immer leicht hat.

Mit dem Krankenwagen zurück

13. April 2014

krankenwagen Für die Rückfahrt vom abgelegenen Chesongoch ins verkehrsgünstige Eldoret ergibt sich zum Glück eine Mitfahrgelegenheit. Sr.Luciana muss ebenfalls nach Eldoret, um Besorgungen für das Krankenhaus zu machen. Da der PKW des Krankenhauses kaputt ist, fahren wir mit dem Krankenwagen, Sr.Luciana und ich zwängen uns auf den Beifahrersitz, hinten werden mein Koffer und vier Getränkekästen mit leeren Cola- und Limonade-Flaschen (wenn man keine leeren Flaschen mitbringt, ist es sehr schwer, volle zu kaufen) verstaut. Dazu steigt noch eine Krankenschwester hinten ein, die irgendeinen privaten Grund hat, ein Stück weit mitzufahren. Kaum sind wir einen Kilometer weit gekommen, als der Fahrer erfährt, dass wir noch einen Schwerkranken mitnehmen müssen. Der Mann hat gestern in Endo einen Selbstmordversuch mit Gift unternommen, seine Verwandten haben ihn nach Chesongoch gebracht, und jetzt soll er ins nächstgrößere Krankenhaus gebracht werden, wo man ihm vielleicht helfen kann. Also zurück nach Chesongoch. Dort wird zunächst eine Matratze in den hinteren Teil des Wagens gelegt, dann sucht der Fahrer nach einer Schnur, mit der er umständlich die Getränkekästen und meinen Koffer so festbindet, dass sie nicht umfallen können. Während er noch damit beschäftigt ist, wird der bewusstlose Kranke auf einer rollbaren Liege hergefahren und dann auf die Matratze gelegt, besser gesagt, geschleift. Der Fahrer muss jetzt über ihn hinwegsteigen, was seine Arbeit nicht gerade beschleunigt (auf dem Foto sieht man ihn gerade mit meinem türkisfarbenen Koffer beschäftigt, rechts von ihm hält der Arzt, der nicht mitfährt, den Tropf in der Hand). Weil ich mir denke, dass der Kranke wohl Platz braucht, biete ich der Schwester an, mit dem Bus zu fahren. Aber davon will sie nichts wissen. Einer der Angehörigen muss mitfahren, um sich in dem anderen Krankenhaus um den Kranken zu kümmern, außerdem hält er während der Fahrt den Tropf mit der Infusion fest, die der Kranke weiterhin bekommt. Schließlich quetschen sich noch ein zweiter Angehöriger und die privat reisende Krankenschwester hinein. Nach einer halben Stunde Fahrt hören wir von hinten ein lautes Klopfen, offensichtlich das Signal, anzuhalten. Dann kommt ein eindeutiges Geräusch von hinten, das Sr.Luciana mir aber trotzdem erklärt: „Anatapika.“ Ich: „Das ist ein gutes Zeichen, dann kommt das Gift raus.“ Sie: „Nein, nicht der Kranke, der Angehörige übergibt sich.“ Nach einer Stunde kommen wir endlich beim Krankenhaus der Africa Inland Church (einer presbyterianischen Kirche mit amerikanischen Wurzeln) an, und ich bin froh, dass unser Kranker die Fahrt über die schlechte Straße überlebt hat. Das Kerio-Tal und seine Menschen scheinen von der Regierung völlig vergessen worden zu sein: Keine Straßen, nur Staubpisten, keine staatlichen Krankenhäuser. Nur die Kirchen zeigen Präsenz.
Der Rest der Fahrt über Teerstraßen und gute Staubpisten nach Eldoret vergeht ohne besondere Vorkommnisse, aber bei der Ankunft muss ich dem Fahrer helfen, die Knoten zu lösen, mit denen er das Gepäck befestigt hatte. An seine Fahrkünste, die er vor allem auf dem schlechten Bergweg zu Beginn der Fahrt beweisen konnte, reiche ich ganz und gar nicht heran, aber in Bereichen, die mir von Kindheit an vertraut sind (richtige Reihenfolge beim Beladen von Autos, Schnüre, Knoten, …), haben viele Afrikaner erschreckende Lücken. Das hängt zum Teil wohl mit überfüllten Grundschulklassen zusammen (Armut führt zu schlechter Bildung, die wiederum zu Armut führt), zum Teil damit, dass Autos, Getränkekästen und Krankenhäuser für die Eltern unseres Fahrers noch unbekannt waren.

Ist das Ende der Welt hier oder bei Reinhard ?

9. April 2014

endo2Am Montag (31.März) bringt P.Gabriel mich nach Eldoret, von wo ich ohne Probleme mit dem Bus nach Nairobi kommen werde. Eldoret ist eine moderne Großstadt, in der alles zu funktionieren scheint; innerhalb von nur einer halben Stunde lasse ich mir von einem Schuhputzer meine gerissene Sandale flicken (für 20 Schilling, weniger als 20 Euro-Cent), wechsle auf der Bank Geld und lade mein Handy-Guthaben auf. Statt aber gleich nach Nairobi zu fahren, entscheide ich mich für einen Abstecher ins Kerio-Tal nach Endo, dessen Kirche als das Meisterwerk des verstorbenen Br.Laurentius Kubetzko aus Meschede gilt. Ich übernachte bei den Benediktinerinnen, und am nächsten Tag nimmt Sr.Jacinta mich mit nach Chesongoch, das nur wenige Kilometer von Endo entfernt liegt. Als wir abfahren, sagt die freundliche Sr.Katrin mir, „Du fährst ans Ende der Welt“. Ich antworte, „Ich dachte, das Ende der Welt wäre bei P.Reinhard.“ Den deutschen Benediktiner P.Reinhard habe ich nämlich im Januar besucht; seine Pfarrei Kabichei liegt zwei Stunden von Eldoret entfernt in einer schwer zugänglichen Berggegend, wo viele Siedlungen nur zu Fuß zu erreichen sind. Bevor P.Reinhard dort Schulen gebaut hat, hatten viele Kinder keine Chance, lesen und schreiben zu lernen. „Nein, nein, Endo ist das Ende der Welt,“ widerspricht sie lachend auf Englisch, wo das Wortspiel „Endo – End of the world“ ja auch funktioniert. Das Kerio-Tal, in das man nur über seine sehr steile, unbefestigte Straße kommt, ist in der Tat abgelegen, und trotz Handy scheinen die Menschen hier in einer anderen Zeit zu leben: Sr.Jacinta zeigt mir die Ruinen der Hütten der Marakwet und die neuen Hütten am steilen Berghang: „Als 2000 der Krieg zwischen Marakwet und Pokot ausbrach, haben die Pokot die Hütten der Marakwet abgebrannt, und die Marakwet sind die Berghänge hinaufgezogen, um mehr Sicherheit zu haben.“ Immerhin, nach diesem Krieg zwischen den beiden Völkern hat man sich zusammengesetzt und einen Frieden ausgehandelt, der bis heute hält.
Am nächsten Tag bringt Sr.Jacinta mich dann nach Endo. Die Kirche (siehe Fotos) ist wirklich ein Meisterwerk, und ich erfahre auch endlich, wo das Ende der Welt wirklich liegt: Sr.Agata kommt gerade aus Illeret im äußersten Norden des Landes, wo P.Florian, auch er ein deutscher Benediktiner, bei den Nomaden die abgelegenste Pfarrei unserer Kongregation unterhält: Wegen der schlechten Straßen braucht er zwei Tage bis zum Sitz des Bischofs und vier Tage bis Nairobi. Außerdem ist es heiß dort, und es gibt wenig Komfort. Deshalb ist Illeret sozusagen der Prüfstein für die jungen Mönche von Tigoni: Einige, darunter P.Gabriel, haben es bei Florian ausgehalten, andere sind ziemlich schnell wieder weggelaufen. Sr.Agata möchte so schnell wie möglich wieder dorthin; ich komme nach je einer weiteren Übernachtung in Chesongoch und Eldoret am Freitag in Nairobi an, wo die sechsspurigen Stadtautobahnen beweisen, dass das Ende der Welt sicher nicht in Nairobi ist.
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Ein fauler Priester

3. April 2014

gabriel_kinoti Seit vorigem Mittwoch bin ich mal wieder „auf Achse“. Am ersten Tag brachte Fahrer Inocent Kayombo mich nach Dar es-Salaam, in nur 12 Stunden, was geradezu einen Rekord darstellt. Nach einem Ruhetag in der dortigen Hitze hatte ich dann wieder einmal das Vergnügen, mit dem Luxus-Bus von „Dar Express“ nach Nairobi zu fahren, gut 15 Stunden durch die schönsten Landschaften Tansanias, vorbei an Kilimandscharo (schon wieder hinter Wolken verborgen) und Mount Meru und durch die Massai-Steppe. Ob die Landschaft in Kenia auch schön ist, konnte ich nicht sehen, da es auf der kenianischen Seite der Grenze schon dunkel war. Mein erstes Reiseziel war unser Kloster in Tigoni, in den Bergen oberhalb von Nairobi. Ich war vor sechs Jahren schon einmal dort gewesen, und konnte mich eigentlich nur noch an die fürchterliche Kälte erinnern, die im März zum Glück nicht so extrem ist. Am Samstag fand in Tigoni eine Priesterweihe statt, und ich nutzte die Gelegenheit, P.Gabriel mit der Bitte zu überraschen, ihn in seine abgelegene Pfarrei in Kapkemich zu begleiten. Der machte ob des plötzlichen Besuchs keinen besonders begeisterten Eindruck, und ich hatte meinerseits nichts Gutes über Kapkemich gehört, aber ich habe schließlich den Auftrag, alle Pfarreien unserer Kongregation zu fotografieren. Die Pfarrei Kapkemich war vor ungefähr 20 Jahren von P.Matthias, einem deutschen Benediktiner, gegründet worden. Vor drei Jahren haben die afrikanischen Benediktiner von Tigoni die Pfarrei übernommen. Der deutsche Mönch, der mir davon erzählt hatte, vermittelte mir den Eindruck, Tigoni sei nur auf das Geld der Pfarrei aus, und P.Gabriel sei ziemlich faul.
Um 11 Uhr nachts kamen wir nach sechsstündiger Autofahrt ziemlich müde in Kapkemich an, aber viel Zeit zum Schlafen blieb nicht. Gabriel hatte mir für den nächsten Tag, Sonntag, gleich die Messe um 6:45 in der Pfarrkirche übergeben, während er selbst ins Auto stieg, um auf einem der gut 20 Außenposten die Messe zu feiern. Um 9 hielt er dann die zweite Messe in der Pfarrkirche, mit einer so fulminanten Predigt, unter Einsatz sämtlicher Muskeln von Gesicht, Armen und Händen, wie ich noch keine erlebt habe. Sie war zwar recht lang, aber bei so viel Abwechslung in Gestik und Mimik konnte keine Langeweile aufkommen (siehe Fotos). Danach dann die Messe auf einem anderen Außenposten. Da er vorher von vier Messen gesprochen hatte, dachte ich, jetzt sei endlich Schluss (ich war auch müde genug), aber dann kam noch ein weiterer Außenposten dran – meine Messe hatte er nicht mitgezählt. Im Anschluss an die Messe gab es dann noch die Wahl der Gemeindevertreter, um 17 Uhr waren wir in der Pfarrei zurück, wo er mich, seinen Gast, noch ein wenig herumführte, Kuhstall, Maisfeld, Schülerinnenwohnheim. Dann fuhr er mich in die eine Stunde entfernte Großstadt Kisumu und lud mich in die erste Pizzeria ein, die ich in Afrika gesehen habe.
Spätestens jetzt ist aus der anfänglichen Skepsis eine deutliche Sympathie geworden, wozu auch beiträgt, dass wir eine ganze Reihe gemeinsame Bekannte haben, und uns in unserer Einschätzung ziemlich einig sind. Als ich ihm von den Problemen in Peramiho und von deren Verursacher erzähle, meint er nur, „Das überrascht mich gar nicht, ich habe schließlich mit ihm studiert.“ Gabriels Spezialgebiet ist übrigens die Musik, er spielt wunderbar Klavier und liebt Taizé-Musik; beides eher ungewöhnlich für Afrikaner. Um 10 sind wir zurück; er hält am Montag um 6:45 die erste Messe, während ich bis zum Frühstück durchschlafe. Schade, dass ich schon wieder abreisen muss, aber schön, dass ich diesen netten Menschen kennengelernt habe.

Froh

7. Mai 2011

Gerade las ich auf der Tagesschau-Seite in einem Kommentar, der diese Woche getötete Massenmörder habe „der gesamten westlichen Wertegemeinschaft den Krieg erklärt“. Da möchte ich doch den beschränkten Blickwinkel des Kommentators ein wenig erweitern, schließlich habe ich in diesem Blog schon einmal von der wunderbaren Busreise zwischen Dar es-Salaam und Nairobi geschwärmt. Der Mörder begann seine finstere Laufbahn mit Anschlägen auf die US-Botschaften in diesen beiden Städten (am 7.8.1998). Über 200 Kenianer und Tansanier, Christen und Muslime, die sich gerade in der Nähe der Botschaften aufhielten, starben. Die kann man wohl kaum Mitglieder der „westlichen Wertegemeinschaft“ nennen. Und eines seiner Ziele war es ja, das friedliche Zusammenleben der Religionen, das ich in Ostafrika beobachten konnte, durch seinen Hass in blutige Kriege zu verwandeln. Er hat einen unerträglichen Missbrauch getrieben mit dem Namen Gottes – Allahs, des Barmherzigen, des Erbarmers, wie es im Grundgebet des Islams heißt.
Viele Kenianer betrachten Obama als einen der Ihren, und ich erinnere mich noch an die Begeisterung, geradezu Hysterie, die bei seiner Wahl zum Präsidenten dort herrschte. Sie werden sich freuen, dass die Tötung unter seinem Oberkommando erfolgt ist.
Ich selbst bin gegen die Todesstrafe und weigere mich, ein Land, in dem sie praktiziert wird, als „zivilisiert“ zu bezeichnen. Ich kann mich nicht erinnern, mich vorher jemals über den Tod eines Menschen gefreut zu haben. Aber dieses Mal bin ich froh, nicht so sehr, weil die Welt vielleicht etwas sicherer geworden ist (wie der erwähnte Kommentar meint), sondern weil sich eine schwarze Wolke voll Hass verzogen hat.