Archive for April 2012

Wirtschaft

22. April 2012

Montag war ich wieder mit dem Fahrrad in Songea. Am Ortseingang steht unübersehbar eine lange Reihe von Lastwagen. Als ich das Foto oben mache, winkt mir einer der Fahrer zu, ich solle doch auch ihn fotografieren. Nachdem ich das Foto gemacht und ihm auf dem Display gezeigt habe, frage ich ihn, wohin die Reise gehen soll. Nach Uganda, eine Woche Fahrt, um Mais zu transportieren, so erfahre ich. Sie warten hier vor dem Lager der staatlichen Genossenschaft auf ihren Mais. Auch wenn man beim Stichwort „Afrika“ oft zuerst an „Hunger“ denkt, ist die Ernährungslage in unserer Gegend gut. Man sieht hier wenig dicke Menschen, aber eigentlich sehen alle ordentlich ernährt aus. Besser jedenfalls als in Kuba, wo ich immer wieder über die abgezehrten Gesichter so vieler Menschen erschreckt war.
Songea macht einen sehr fleißigen Eindruck, überall sind die Menschen bei der Arbeit, in den Läden wird alles Mögliche verkauft (inzwischen kann man sogar Computer bekommen und muss nicht mehr – wie noch vor drei Jahren – bis Dar es-Salaam fahren), auf der Straße alles Mögliche transportiert und am Straßenrand wird zwar nicht alles Mögliche, aber doch eine Menge hergestellt, vor allem gepolsterte Sitzgarnituren. Eine Schreinerei reiht sich an die andere, wobei jede Schreinerei nur aus einem Tisch besteht, auf dem mit ein paar Werkzeugen die Bretter bearbeitet werden. Stolz werden dann die prächtig gepolsterten Produkte ausgestellt (Foto unten). Ich frage mich immer, ob es dafür wirklich genug Kunden gibt. Und ich frage mich, ob eine chinesische Fabrik wohl die zehn-, die hundert- oder die tausendfache Menge herstellt – pro Arbeiter natürlich. Und wovon soll der Mann leben, der ebenfalls am Straßenrand Suppenkellen und Schaumlöffel hämmert ? Wenn er mit chinesischen Billigwaren konkurrieren will, kann er eigentlich gar nicht genug verdienen, um zu leben. Die ganze Geschäftigkeit von Songea kommt mir vor wie ein Auto, das im ersten Gang 50 fährt – hohe Drehzahl, viel Fleiß, aber wenig Effekt. So ist immer noch die Landwirtschaft die Haupterwerbsquelle der Region.

Soziale Verpflichtungen des Arbeitgebers

12. April 2012

Vor einigen Wochen kam der neu angestellte Gärtner zu mir: Seine Mutter sei gestorben, und jetzt bitte er um 50.000 Schilling (25 Euro) für die Beerdigungskosten. Da ich schon weiß, dass alle Schwestern der Mutter ebenfalls als „Mutter“ bezeichnet werden, frage ich erst einmal nach, ob es sich um die „mama mzazi“, die „Mutter, die geboren hat“, handelt. Er bejaht, und da es mein erster Fall dieser Art ist, berate ich mich mit dem Cellerar, Br.Dominicus. Danach gebe ich ihm 20.000 und ernte überschwänglichen Dank.
Kurz vor Ostern war es dann der Pförtner, dessen Schwiegervater gestorben war. Ich drückte mein Beileid aus, aber dann wartete er einfach, bis ich von selbst auf die Idee käme, dass er Geld brauchte, statt wie der Gärtner seinen Wunsch auszudrücken. Da er schon seit vielen Jahren bei uns arbeitet, erhielt er 50.000. Er bedankte sich mit einer Kniebeuge, ortsüblich, aber mir trotzdem peinlich.
Ausgerechnet am Ostersonntag Morgen rief mich Br.Petro an: „Herr Elias ist von seinem Bruder gestorben worden.“ Diesen unübersetzbaren Suaheli-Ausdruck kannte ich schon, und verstand also, dass Herr Elias von seinem Bruder verlassen worden war, indem der Bruder gestorben war. Auf Herrn Elias kommen jetzt wirklich Kosten zu, nicht nur die Busfahrt in seine Heimatstadt Dar es-Salaam (40.000 Schilling eine Fahrt), sondern auch noch die Überführung des Leichnams, da der Bruder in Südafrika gestorben ist. Ich gebe ihm erst einmal 200.000 und sage dazu, dass wir nach seiner Rückkehr besprechen, welchen Teil davon er zurückzahlt.
So ähnlich muss das im 19.Jahrhundert auch in Deutschland gewesen sein: Der Arbeitgeber entscheidet nach Gutdünken über die Sozialleistungen. Dabei gibt es zumindest für den Krankheitsfall eine funktionierende Versicherung, den NSSF. Neulich war der Mann vom NSSF da, der die Lohn- und Versicherungszahlungen an die fest angestellten Mitarbeiter kontrollierte. Es war alles in Ordnung, aber er schlug vor, wir sollten doch auch die „geringfügig Beschäftigten“ möglichst sozialversicherungspflichtig beschäftigen. Ein Mitarbeiter der Verwaltung, der mit seinen 450.000 fast sechsmal so viel verdient wie ein „geringfügig Beschäftigter“ (80.000) meinte dazu etwas hochnäsig, „Heute will jeder in die Sozialversicherung, sogar die Hausmädchen.“

Nach drei Jahren – was hat sich verändert ?

3. April 2012

Die erste Veränderung, die mir aufgefallen ist: Es gibt jetzt plötzlich Digitalkameras. Als ich von 2007 bis Januar 2009 hier war, habe ich zwar eine ganze Reihe recht betagter Kameras gesehen, aber selbst Fotografen, die bei Festen gegen Bezahlung Fotos machten, hatten nur analoge Kameras. Zur Abiturfeier 2009 allerdings fiel mir auf, dass einige der Abiturientinnen Digitalkameras geschenkt bekamen. Jetzt dagegen sieht man bei Feiern ein Gedränge von Fotografen, die alle ihre digitalen Spielzeuge einsetzen wollen (Beide Fotos stammen von der Abifeier in diesem Jahr). Immerhin gibt es noch Kinder, die unbedingt fotografiert werden wollen, und auch noch solche, die voller Faszination schauen, wenn man ihnen ihr Bild auf dem Display zeigt.
Auch die nächste Veränderung hat etwas mit dem digitalen Zeitalter zu tun: Es gibt hier endlich „richtiges“ Internet. Vor drei Jahren kam das Internet über Satellit zu uns; die Abtei der Mönche, das Kloster der Schwestern und das Krankenhaus teilten sich die horrenden Kosten des Satellitenzugangs und die 64 kBit pro Sekunde, die durch die Verbindung tröpfelten. Einige Pfarrer der Umgebung wählten sich über die Telefonleitung bei uns ein, um über uns ins Internet zu kommen. An meinem Schreibtisch las ich die Tagesschau im Internet, indem ich auf der Startseite drei oder vier Artikel anklickte, die mich interessierten, dann etwas anderes tat, und die Artikel las, sobald sie nach langer Wartezeit angekommen waren. Zweimal fiel das Internet für jeweils zwei Tage aus, weil ein deutscher Bruder seinen Rundbrief mit Fotos per E-Mail an mehrere 100 Empfänger verschickte, was die Verbindung schlichtweg überfordert hatte. Jetzt hat die Abtei eine VDSL-Breitband-Verbindung. Aber die Betriebe, die etwas weiter entfernt liegen, sind nicht an das Hausnetz angeschlossen. Neulich bekam ich einen Schock, als Br.Kizito mir sein Funk-Modem zeigte: Er geht über die Mobiltelefongesellschaft Airtel ins Internet, 400 MByte pro Monat hat er gebucht. Ich ahnte, dass das unbezahlbar wäre, und sah uns schon am Rand der Pleite. Mein Schock legte sich, als er mir den Preis verriet: 2500 Schilling, wenig mehr als ein Euro im Monat ! Auch das Telefonieren mit dem Handy ist billig, selbst nach Deutschland funktioniert die Verbindung und ist bezahlbar. Handys gab es auch vor drei Jahren schon, aber weniger, und die Preise lagen höher.
Und dann ist die Zahl der Motorräder gewachsen. Vor dem Krankenhaus und an anderen Orten stehen junge Männer mit ihren Motorrädern, mit Helm und einer orangen Weste mit einer Registrierungsnummer darauf: Taxifahrer, die auf Kunden warten, die sie für 1000 Schilling ins Dorf fahren können oder für einige Schilling mehr in die Stadt Songea.
Der Fortschritt ist also deutlich sichtbar, und das ist erst einmal schön. Allerdings gibt es zwei Probleme: Zum einen ist der Fortschritt zum großen Teil ausländischem Geld zu verdanken. Entwicklungshilfe, die den tansanischen Staatshaushalt zur Hälfte finanziert, fließt in die Gehälter der Beamten, Lehrer, Ärzte, Krankenschwestern und erzeugt so Kaufkraft im Land. Gekauft werden von dem Geld vor allem ausländische Waren, und so fließt das Geld wieder aus dem Land heraus. Nur ein kleiner Teil des Geldes fließt in Investitionen, die dauerhaften, nachhaltigen Nutzen bringen, wie Schulen oder Verkehrsinfrastruktur zum Beispiel. Immerhin: Die Kommunikationsinfrastruktur hat sich stark verbessert.
Das andere Problem ist, dass nicht alle von dem Geld profitieren, so scheint die Entwicklung von „alle ganz arm“ (bis in die 1980er Jahre) über „alle arm“ (bis vor kurzem) in Richtung „einige reich, viele arm“ zu verlaufen.