Archive for April 2008

Korruption

30. April 2008

Das Verhältnis zum Geld ist hier etwas anders als in Europa, insofern war die Geschichte, die ich gestern erzählt habe, auch typisch. Für mich war es die dritte Geschichte dieser Art, bei den beiden früheren Fällen ging es allerdings darum, mehrere Tausend Euro zurückzufordern, im Zusammenhang mit Flügen zu den Benediktinischen Jugendkongressen. In allen drei Geschichten war es recht kompliziert, ausgeliehenes Geld zurückzubekommen, mit etwas Hartnäckigkeit hat es aber geklappt. Ein älterer Missionar hat mir mal erzählt, im traditionellen afrikanischen System würde man etwas Geliehenes erst dann zurückgeben, wenn der Verleiher die Sache braucht. Das ist früher sicherlich sehr sinnvoll gewesen, passt aber nicht ins moderne Wirtschaftssystem. Da wird ein Kredit nur dann gegeben, wenn der Kreditgeber das Vertrauen hat, dass er das Geld auch zurückbekommt. Aber diese Botschaft scheint hier noch nicht ganz angekommen zu sein. Als ich vor ein paar Wochen mal wieder mit Patrick über das ausstehende Geld sprach, war zufällig auch ein Lehrer dabei. „Jaja, das Geld muss zurückgegeben werden, damit alles seine Richtigkeit hat,“ so stimmte er mir bei, und mir wurde schlagartig klar, wieso Korruption in Afrika solche Ausmaße hat: Theoretisch wissen alle, an welche Regeln man sich in einem modernen Wirtschaftssystem halten muss. Aber so ganz ernst werden diese Regeln dann doch nicht genommen. Wenn Patrick etwas gelernt haben sollte, würde mich das freuen. Der Mann kann nämlich gut reden und auch gut organisieren, und ich kann mir vorstellen, dass er später einen gewissen Einfluss haben wird.

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Geld und Vertrauen

29. April 2008

Über das Picknick des TYCS am Ostermontag habe ich schon mehrmals geschrieben. Dies habe ich noch nicht berichtet: Während des Picknicks kam Patrick, der Vorsitzende, zu mir und sagte, dass er nicht genug Geld für die Getränkerechnung habe. Bei dem Treffen über Ostern in Songea hatte ihm der Kassierer das Geld für irgendwelche Auslagen nicht zurückgezahlt und deshalb war er jetzt in Verlegenheit. Mit 90.000 Shilling (ca. 60 Euro) hatte die Abtei das Picknick bereits bezuschusst, jetzt gebe ich ihm nochmal 15.000, das ist alles, was ich dabei habe. Ich sage ihm deutlich, dass ich das Geld zurückhaben will. In den nächsten Wochen suche ich ihn ein paar Mal in der Elektrowerkstatt, wo er seine Ausbildung macht, auf, und frage nach dem Geld. Schließlich schlage ich ihm vor, nach Songea zu fahren, um den Kassierer unter Druck zu setzen. „Das ist nicht nötig, der Kassierer arbeitet in der Autowerkstatt.“ Also gehen wir in die Autowerkstatt, unmittelbar neben der Elektrowerkstatt. Patrick erklärt dem Kassierer, ebenfalls ein Auszubildender, dass er keine „pumzi“ („Atem“, auch „Ruhe“) mehr habe, weil ich ihn immer an das Geld erinnere. „Ja, ihr kriegt das Geld, wir warten nur noch auf die Einnahmen.“ (Welche Einnahmen, verstehe ich nicht.) Ich bestehe auf einem Termin. „Nächste Woche.“ Als ich am Dienstag in der vereinbarten Woche die Geschichte meinem deutschen Tischnachbarn (der ist seit knapp 40 Jahren hier und außerdem für das Geld des Klosters zuständig) erzähle, unterbricht der mich ganz spontan: „Das Geld siehst du nie wieder.“ – „Doch“, kann ich fortfahren, „gestern hat Patrick das Geld vorbeigebracht.“ Das war vor einer Woche. Gestern bin ich dann mal wieder in die Elektrowerkstatt gegangen, um Patrick und seinen Kollegen je einen Ausdruck von dem Foto zu geben. Ich lobe vor den Ohren seiner Meisterin nochmal die gute Arbeit, die er bei dem Treffen geleistet hat und weise ihn dann unter vier Augen auf die Wichtigkeit von Vertrauenswürdigkeit in Gelddingen hin. Er stimmt mir zu, und sein Tonfall erinnert mich an den deutschen Schüler der Klasse 9, der mir versichert, dass er ab jetzt brav seine Hausaufgaben machen wird – ich zweifle nicht daran, dass er es ehrlich meint, zumindest in diesem Moment.

Das Foto ist Anfang April bei der Verlegung unserer Satelliten-Antenne entstanden. In der vorderen Reihe rechts sitzt der Fachmann aus Dar es-Salaam, die anderen vier sind Elektro-Lehrlinge aus unserer Werkstatt, Patrick steht hinten in der Mitte. Der spezielle Gruß geht heute natürlich an Andre S.

„Da ist ein Gast für dich“

28. April 2008

Für Samstag hatten wir unsere Nachbarschulen zum Vorbereitungstreffen für den Internationalen Benediktinischen Jugendkongress und Weltjugendtag eingeladen. Die Idee dazu ist entstanden, als ich einen der Lehrer unseres Nachbarklosters Hanga hier zufällig beim Kaffee getroffen habe. Auch mit unserem anderen Nachbarkloster, Chipole, funktioniert die Kommunikation, Hilaria, die Schülerin, war auch schon einmal hier. Etwas überrascht bin ich, als am Freitag Morgen das Telefon schellt: „Du hast einen Gast. Eine Schülerin aus Imiliwaha.“ Imiliwaha liegt 300 oder 400 km von hier. Rebeca, so heißt das Mädchen aus der 10.Klasse, ist per Bus angereist (zusammen mit einer Ordensschwester, die aber gleich weiterfährt), sie bleibt bis Sonntag, in unserem Internat ist irgendwo ein Bett für sie frei, und unsere Schülerinnen kümmern sich um sie. Mit Imiliwaha habe ich sonst keinen Kontakt, umso mehr freue ich mich, dass sie die Nachricht erhalten hat. Meine afrikanische Kollegin, Sr.Agatha, kennt wohl jemanden, der jemanden in Imiliwaha kennt. Ach ja, die Sache mit der Kommunikation. In Deutschland würde ich den zuständigen Lehrer anrufen oder ihm eine Mail schreiben. Aber Imiliwaha hat keine Mail und ich vermute, dass es auch keinen zuständigen Lehrer gibt. Rebeca ist übrigens die erste afrikanische Schülerin, die ich kennenlerne, die nicht schüchtern ist. „Keck“ könnte man sie sogar nennen.

Was hier so abgeht

25. April 2008

Am Sonntag Nachmittag hat der TYCS (das ist die katholische Schülerjugend) ein zweistündiges „Tanzvergüngen“ veranstaltet (siehe das Foto am 22.4.). Der Berufsschüler und die Schülerin von unserer Schule, die abwechselnd moderiert haben, waren ziemlich gut, vor allem erstaunlich locker. Im Unterricht sind die Schülerinnen immer ziemlich schüchtern, die Moderatorin war das absolute Gegenteil davon. Ich saß zusammen mit meinem Kollegen Ngonyani an einem Extratisch direkt „unter der Nase“ der Moderatorin, daran, dass sie mich nicht bemerkt hat, kann es also nicht gelegen, dass sie so locker war.
Das Programm war aber ziemlich langweilig: Laute Musik aus der Konserve, und dann eine Tanzgruppe auf der Bühne nach der anderen, jeweils zwischen zwei und vielleicht zehn Schüler oder Schülerinnen. Die Tänze lagen irgendwo zwischen Disco und Rap, in keiner Weise „afrikanisch“. Der einzige Höhepunkt waren die Feuerschlucker, die kamen aber ziemlich unauffällig in der Mitte des Programms und dann nochmal etwas später gleichzeitig mit einer Tanzgruppe. Dabei waren sie auf dem hinteren Teil der Bühne hinter der Tanzgruppe versteckt, die vorne getanzt hat. Das Foto habe ich von der Seite der Bühne her gemacht.

Nicht-Diebe

24. April 2008

Um am Samstag das Foto zu machen (siehe den Artikel von gestern), bin ich mit dem Fahrrad ein Stück den Berg hoch gefahren, habe es dann abgestellt, habe mir gedacht, dass so früh am Morgen wohl keine Fahrraddiebe unterwegs sein werden, habe es nicht abgeschlossen, und bin dann das restliche, ziemlich steile Stück zu Fuß hochgestiegen. Als ich wieder runterstieg, kamen mir zwei Männer entgegen. Der ältere rief mir laut zu: „Hier gibt’s viele Diebe“, der jüngere schob mein Fahrrad. Die Erklärung, dass sie es vor Dieben schützen wollten, war glaubwürdig, denn es gibt nur einen Weg bergauf, also wussten sie, dass sie mich treffen würden. So weit, so nett. Der jüngere stellte mein Fahrrad ab und streckte mir die Hand entgegen: „Give me money !“ Das hätte ich in dieser Situation sogar getan, wenn ich etwas dabei gehabt hätte. So konnte ihm aber nur freundlich erklären: „Sina“, ich hab‘ nichts. Gestern Abend war ich wieder oben, habe mein Fahrrad diesmal aber abgeschlossen. Auf dem Rückweg kommt jemand auf mich zu: „Kennst du mich noch ?“ – „Nein.“ – „Ich war der mit dem Fahrrad.“ Und streckt wieder die Hand aus. Ich sage: „Jetzt erinnnere ich mich, aber ich stecke nie Geld ein, wenn ich im Dorf herumfahre.“ – „Hast du denn keine Angst, dass …“ Das nächste Wort verstehe ich nicht, aber er fasst sich mit seiner Hand an seinen Hals und tut so, als ob er erwürgt würde. „Nein, ich habe keine Angst.“ Er lacht freundlich, ich lache freundlich, wir verabschieden uns. Ein etwas seltsames Gefühl bleibt zurück, aber die Brüder hier meinen, ich müsste die Geschichte nicht weiter ernst nehmen.

Blick auf Peramiho

23. April 2008

Am Samstag war ich rechtzeitig zu Sonnenaufgang oben auf dem Hügel Lipinyapinya. Von großartigem Naturschauspiel kann ich leider nicht reden, denn direkt hinter mir befand sich der Dieselgenerator, der den Strom für den Mobilfunkmast erzeugt. Aber den hört man auf dem Foto zum Glück nicht. Rechts von der Kirche befindet sich unsere Abtei, links von der Kirche das Kloster der Schwestern. Das Hospital liegt etwas tiefer dahinter, ist also nicht zu sehen. Der Gebäudekomplex ganz links ist die Schule.

Mehrsprachig – Multilingual – Polyglott

22. April 2008

Die meisten Gespräche mit Afrikanern führe ich inzwischen auf Suaheli. Zwei Herausforderungen bleiben: Die Afrikaner mit guten Englischkenntnissen, mit denen ich komplizierte Dinge zu besprechen habe, z.B. die Elektro-Meisterin. Da wechseln wir dann oft ins Englische, weil’s einfacher ist. Und fast alle Schülerinnen. Die sprechen grundsätzlich schnell, leise und undeutlich. Das Schlimme ist, dass ich sie auch nicht besser verstehe, wenn sie Englisch reden. Manche werden anscheinend nervös, wenn sie mit mir reden müssen, und sprechen dann noch schneller. Wenn mein afrikanischer Gesprächspartner mir zuliebe mal ein englisches Wort einstreut, verstehe ich oft gerade dieses Wort nicht, weil es halt sehr „afrikanisch“ ausgesprochen wird. Angenehm sind zum Beispiel Gespräche mit Patrick, dem Vorsitzenden des TYCS, der langsam und deutlich sprechen kann. Und – Deutsche verstehe ich immer am besten, egal in welcher Sprache. Besonders gut klappt die Verständigung mit den Deutschen, die selbst noch nicht perfekt Suaheli können. Aber mit denen spreche ich logischerweise meistens Deutsch. Insgesamt reicht es jetzt für die Verständigung in allen Alltagssituationen, das ist beruhigend, und natürlich erfahre ich jetzt viel mehr über Land und Leute, seit ich sie besser verstehe.

Das Foto zeigt einen Berufsschüler, der am Sonntag bei der Tanzvorführung des TYCS durch das Programm geführt hat. Da habe ich kein Wort verstanden, aber das lag mehr am Mikrofon als an mir.

„Ich weiß, wann ich geboren bin.“

21. April 2008

Das Kloster hat eine kleine Schneiderwerkstatt. Der Schneider ist ein älterer Herr, der zweimal die Woche kommt. Letzten Freitag habe ich mal wieder seine Dienste in Anspruch genommen. Er: „Du unterrichtest jetzt also Physik, du bist ja noch ein Jüngling.“ – „Naja, so jung bin ich auch nicht mehr.“ – „Ich meine, du bist jung verglichen mit P.Bonifaz.“ (P.Bonifaz ist mein inzwischen pensionierter Vorgänger) – „Verglichen mit unserem Schneider in Meschede bist du auch jung, der ist schon 75“ (Ich habe mich geirrt, Br.Andreas ist bereits 78 Jahre alt) – „Dann übertrifft er mich um drei Jahre, ich bin am 12.12.1936 geboren.“ (Auf seinem Tisch liegt ein Buch mit dem Titel „Teste deine Rechenfähigkeiten“.) Er fährt gleich fort: „Bei uns war damals ein Missionar, der hat Wert darauf gelegt, das Geburtsdatum aufzuschreiben. Viele andere wissen ihr Geburtsdatum nicht, die sagen dann, dass sie im Maji-Maji-Jahr geboren sind oder im Hungerjahr. Aber dann muss man wieder wissen, wann das war.“ Ich schmunzle, denn genau die Formulierung „im Maji-Maji-Jahr geboren“ habe vor ein paar Tagen in einem Theaterstück gelesen. Allerdings wird das heute kaum noch jemand sagen, denn der Maji-Maji-Krieg war 1905. Die Truppen des deutschen Kaisers haben den Krieg damals gewonnen, indem sie die Vorräte und Felder der Afrikaner verbrannten, deshalb war das Jahr danach das „Hungerjahr“. Ich habe es schon mehrfach erlebt, dass mir der Krieg von damals vorgehalten wurde, als ob ich dran schuld wäre. Aber das tut der freundliche Schneider nicht.

Nicht auf Menschen-Jagd gehen !

18. April 2008

Diese Woche stand in Form IV (also 11.Klasse) „Fotografie“ auf dem Plan. Ich habe also zunächst das Zoom-Objektiv auf Tele eingestellt, ein Foto von Josephine gemacht, den Schülerinnen gezeigt, dass nur Josephine, dafür aber ziemlich groß, zu sehen war. Dann habe ich das Zoom eingefahren und dieses Foto gemacht. Die anderen Schülerinnen fühlten sich anscheinend unbeobachtet, nur Josephine (hinterste Reihe links) posiert ordentlich.
Zu meiner Überraschung erfahre ich, dass fast alle Schülerinnen eine Kamera besitzen. Ich frage weiter, ob sie auch schon Erfahrungen mit Leuten gemacht haben, die nicht fotografiert werden wollen. Das Lachen, das ich als Antwort erhalte, zeigt mir ziemlich deutlich, dass sie mindestens schon kräftig ausgeschimpft worden sind, weil sie unerwünschte Fotos gemacht haben. Mein Tipp für alle Tansania-Reisenden: Nicht mit der Kamera Jagd auf Menschen machen ! Manche Tansanier lassen sich sehr gerne fotografieren und nicht nur Kinder, sondern auch wildfremde Erwachsene fordern mich manchmal auf, sie zu knipsen. Aber ungefragt sollte man Leute nicht fotografieren, das kann Ärger geben. Dazu nächste Woche dann noch eine kleine Geschichte.

Nicht auf Gecko-Jagd gehen !

17. April 2008

Vor meinem Fenster befindet sich ein Gitter. Damit jetzt keine Missverständnisse entstehen, die mit dem Thema „Diebe“ der letzten Tage zu tun haben könnten, habe ich ein Foto des Gitters gemacht. Auf dem Foto ist die Unterseite eines Geckos zu sehen, wie er gerade ein Insekt verschlingt. Wenn abends mein Licht die Insekten von außen an das Gitter lockt, kann ich oft beobachten, wie der Gecko auf Jagd geht. Beim ersten Mal schnappt er oft daneben, aber die Insekten, die ja einfach wegfliegen könnten (und der Gecko könnte nicht hinterher) sind zu dumm. Und wer nicht lernen kann, wird bestraft, beim zweiten Mal landet das Insekt dann im Geckomaul. Und danach hat es keine Chance mehr, aus dieser Erfahrung zu lernen. Geckos gibt es hier überall, sie sehen ein bisschen wie Fruchtgummi aus. Weil sie nützliche Tiere sind, sollte man sie einfach leben lassen. Br.Ansgar, der als Missionsprokurator öfter mal Gäste nach Tansania begleitet, sagt diesen regelmäßig: „Und gehen Sie bitte nicht auf Geckojagd.“