Archive for Oktober 2015

Gestern wurde verkündet

30. Oktober 2015

Seit gestern Abend ist es amtlich: Der Kandidat der Dauer-Regierungspartei, John Magufuli, hat mit knapp 60 % die Präsidentenwahl gewonnen. Sein Gegner, Edward Lowassa, hat 40 % erhalten, weigert sich aber, die Niederlage anzuerkennen, und spricht von Wahlbetrug.
Dass nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist, zeigt sich auf der Insel Sansibar: Die Insel hat eine gewisse Autonomie und hat auch einen eigenen Präsidenten. Der wurde ebenfalls am Sonntag gewählt. Und am Mittwoch hat die Wahlkommission von Sansibar die Wahl für ungültig erklärt und angeordnet, dass sie wiederholt werden muss, „wegen schwerer Unregelmäßigkeiten“. Jetzt fragen sich die Tansanier natürlich, warum die Stimmen aus Sansibar für die Wahl des tansanischen Präsidenten gültig sein sollen. Die tansanische Wahlkommission sagt, dass die Wahlen für die beiden Präsidenten ja nach unterschiedlichen Wahlordnungen durchgeführt wurden. Am selben Tag, in denselben Wahllokalen bei einer Wahl Unregelmäßigkeiten, und bei der anderen nicht ?
Es gibt also Fragen, aber andererseits hat man schon vor der Wahl von vielen Leuten gehört, dass sie Magufuli wählen würden. Ich vermute, dass das Ergebnis im großen und ganzen korrekt ist.

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Es bleibt spannend

27. Oktober 2015

Sonntag wurde gewählt. In der Abtei Ndanda im Südosten Tansanias, wo ich im Moment zu Besuch bin, fiel die Nachmittagsandacht aus, „damit die Leute wählen können, und aus Gründen der Sicherheit.“ Die Bischöfe hatten schon lange vor der Wahl die Leute immer wieder aufgerufen, friedlich zu bleiben.
Bisher aber verläuft alles sehr friedlich, seit Montag morgen verliest eine monotone Stimme im Fernsehen praktisch ununterbrochen die Ergebnisse der einzelnen Wahlkreise: „Wahlkreis soundso, Bezirk soundso, 8945 abgegebene Stimmen, davon 34 ungültig“, und so weiter. Von den 8 Kandidaten für das Präsidentenamt erhalten 6 regelmäßig nur ein Prozent oder noch weniger. Aber die anderen beiden machen die Sache spannend. Ich traue meinen Augen und Ohren nicht: Als ich in den Fernsehraum komme, heißt es gerade, Lowassa 83 %. Dann, im nächsten Wahlkreis: Lowassa 92 %. Lowassa ist der Kandidat der Opposition. Das Rätsel löst sich schnell: Die Ergebnisse stammen aus kleinen Wahlkreisen im Norden der Insel Pemba, wo die Opposition immer schon stark war. Die Ergebnisse aus den größeren Wahlkreisen vom Festland korrigieren das schnell: Magufuli 60 %, Magufuli 70 %. Im Norden des Landes, dem es wirtschaftlich gut geht, aber sieht es wieder anders aus: Lowassa 65 %. Hochrechnungen gibt es nicht, bis Donnerstag soll alles ausgezählt sein. Die jungen Leute, auch die jungen Brüder im Kloster, zeigen deutlich ihre Sympathie für die Opposition, die älteren neigen der Regierungspartei zu.
Hier in Ndanda liegt Magufuli vorne, aber in das Parlament wird Ndanda einen Mann von der Opposition schicken – die Wähler und Wählerinnen machen also durchaus Gebrauch von der Möglichkeit, bei der Präsidentenwahl so zu stimmen, und bei der Parlamentswahl anders. Sieben Minister haben bereits ihre Parlamentssitze verloren.
Ich finde es faszinierend, mit wie viel Interesse die Leute dabei sind, wie sie alle stolz die blaue Tinte an ihren kleinen Fingern zeigen (eine Markierung, die verhindern soll, dass jemand mehrfach wählt), und wie eine Stimmung in der Luft liegt, die deutlich sagt, „Bisher haben wir uns alles von der Regierungspartei gefallen lassen. Aber jetzt nehmen wir die Sache selbst in die Hand.“

Morgen wird gewählt

24. Oktober 2015

wahlkampf Jetzt muss ich meinen Reisebericht aus Mosambik mal eben unterbrechen, um noch rechtzeitig das Thema aufzugreifen, von dem hier wirklich alle sprechen: Die Wahlen am morgigen Sonntag. Seit der Unabhängigkeit vor über 50 Jahren wird Tansania von ein und derselben Partei regiert, der CCM. Es gab vier Präsidenten, der erste hat als Diktator geherrscht, dann aber seine Macht freiwillig abgegeben, die drei folgenden haben jeweils die zwei Wahlperioden, die die Verfassung vorsieht, im Amt verbracht, und sind dann abgetreten, ohne den Versuch zu machen, mit irgendwelchen Tricks noch länger im Amt zu bleiben. Auch ist es der CCM gelungen, beide große Religionsgruppen im Land an der Macht zu beteiligen – die Präsidenten waren immer abwechselnd Christen und Muslime. Das ist für afrikanische Verhältnisse eine beinahe unglaubliche Leistung.
Im Juni hat die CCM ihren Kandidaten benannt. Wochen vorher wurden die Anwärter in den Zeitungen vorgestellt, alle Wetten lauteten auf Edward Lowassa, einen früheren Ministerpräsidenten. Doch am Schluss nominierte die CCM den deutlich unbekannteren John Magufuli.
Drei Wochen später führte ich folgendes Gespräch mit einem der Angestellten in Peramiho: „Heute Nachmittag habe ich Herrn Zenda gesucht, aber er war nicht in seinem Büro.“ – „Nein, er war im Fernsehraum der Mönche.“ – „Was hat er im Fernsehraum der Mönche zu suchen ?“ – „Er hat sich angesehen, wie die Opposition Mgombea aufgestellt hat.“ Ich verstehe Mgombea als Namen und frage nach: „Aha, und wer ist dieser Mgombea ?“ – „Edward Lowassa.“ Wieder etwas gelernt: Mgombea ist kein Name, sondern heißt „der Kandidat“. – „Wie bitte, Lowassa war doch eben noch bei der CCM !“ – „Ja,“ klärt er mich auf, „er hat aus Wut die Partei gewechselt. Und er bringt viele Anhänger mit zur Opposition.“
Jetzt gibt es zum ersten Mal eine ernstzunehmende Alternative, zumal alle wichtigen Oppositionsparteien hinter Lowassa stehen. Auf den Straßen sieht man überall Fahnen der CCM (grün-gelb, auf dem Foto ziemlich in der Mitte, links daneben die Kandidatin für die Vizepräsidentschaft und noch weiter links Magufuli) und der Chadema (weiß – blass-rot – blass-blau mit einer Hand, die das Victory-Zeichen zeigt, auf dem Foto oben sind mehrere davon zu sehen). Einige sagen, „Ich mag die CCM nicht, aber Magufuli ist ein Arbeitstier, der wird mit der Korruption in der CCM schon aufräumen, deshalb wähle ich ihn.“ Als ich am Montag jemanden am Busbahnhof (wo das Foto entstanden ist) abholte, kamen gleich einige Motarradtaxifahrer auf mich zu, um mich als Kunden zu gewinnen. Nachdem das gescheitert war, erzählten sie mir dann, dass sie alle Lowassa unterstützen, denn die CCM habe keinen Fortschritt gebracht, keine Häuser. „Wir wollen den Wechsel (Mabadiliko)“
Ich finde es lustig, dass ein früherer Ministerpräsident jetzt den „Wechsel“ bringen will – das hätte er früher machen können. Er wird allerdings von seinem Konkurrenten von der Dauer-Regierungspartei übertroffen, der allen Ernstes mit „Mabadiliko ya kweli“ – „Echter Wechsel“ wirbt. Das Wort ist übrigens eine Übersetzung von Obamas Erfolgsslogan „Change“.
Morgen wird es spannend, vor allem, ob der Verlierer – wahrscheinlich wird er Lowassa heißen – seine Niederlage akzeptiert. Immerhin – religiöse Spannungen, die andere Staaten in Afrika und im Nahen Osten belasten, sind nicht zu befürchten. Die CUF, die Kontakte zu radikalen Muslimen hat, hat sich mit der christlich dominierten Chadema auf den Lutheraner Lowassa geeinigt, dem gemäßigten Nationalen Islam-Rat wird seit langem eine Nähe zur CCM mit ihrem Kandidaten Magufuli, einem Katholiken, nachgesagt.

Wo Grenzen noch Grenzen sind

21. Oktober 2015

grenzfluss Die Abtei Ndanda liegt im Süden von Tansania, nahe der Grenze zu Mosambik. Sie hat voriges Jahr ein neues Projekt in Mosambik gestartet. Irgendein Besserwisser hat mir mal gesagt, Ndanda hätte sich vor einer echten Herausforderung gedrückt, denn das neue Projekt sei gleich hinter der Grenze, bei denselben Stämmen, die auch in der Umgebung von Ndanda leben. Dann wird es wohl ganz leicht sein, dort hinzukommen.
Der Weg von Dar es-Salaam nach Mtwara, der letzten Großstadt auf tansanischer Seite, ist tatsächlich problemlos mit dem Linienbus zu bewältigen. In Mtwara nimmt mich P.Tuzinde sehr freundlich auf, informiert die Brüder in Mosambik, was wegen der unterschiedlichen Telefonnetze nicht so einfach ist, und stellt mir am nächsten Morgen sein Auto zur Verfügung. Fahrer Ben bringt mich die 50 km bis zur Grenze. Der tansanische Grenzposten befindet einen guten Kilometer davor, ein paar Fragen nach Dingen, die ich schon deutlich lesbar ins Ausreiseformular geschrieben habe (Beruf, Reiseziel), ein Stempel, das war’s.
kivuko Die Grenze wird vom Fluss Ruvuma (oberes Foto) gebildet, der hier in den Indischen Ozean mündet. Die Autofähre (zweites Foto) kann nur bei Flut fahren, also erst am Nachmittag. Daher heißt es umsteigen vom bequemen Auto in ein kleines Boot mit Außenbordmotor. Die anderen vier oder fünf Passagiere sind schon an Bord, los geht’s. Zu meiner Überraschung geht es aber nur über einen schmalen Flussarm, dann kommen wir an einer großen Sandfläche an, und wir müssen erst einmal ein Stück über den Sand laufen. Ein Teil des Trupps geht nach rechts, der andere Teil nach links. Ich folge den Leuten, die nach links gehen, weil uns gesagt wurde, dass dort das nächste Boot liegt. Warum die anderen nach rechts gegangen sind, wird mir erst klar, als ich den Priel (für Nicht-Norddeutsche: Wasserlauf) sehe, der auf unserem Weg liegt. Knietief, aber machbar. Meine letzte Wattwanderung war vor 30 Jahren. Damals ging es von Amrum nach Föhr. Bald kommen wir an den Hauptarm des Flusses, wo das nächste Boot schon bereit liegt, fehlt nur noch der Motor, der dann schließlich per Träger (unteres Foto) ankommt.
Am anderen Ufer geht es dann mit dem Taxi zum Grenzposten. Im Gebäude selbst geht es schnell: Reisepass vorzeigen, Stempel rein, fertig. Dann will aber auch der Grenzwächter, der gemütlich auf der Bank vor dem Gebäude sitzt, meinen Pass nochmal kontrollieren. Diesmal dauert es etwas länger, aber irgendwann hat auch er meinen ganzen Pass durchgelesen. Jetzt hatte ich eigentlich gehofft, dass P.Valentino mich abholt, aber weit und breit ist niemand zu sehen. Ich setze mich also vor dem Grenzposten in den Schatten, da kommt noch ein Grenzwächter zu mir: „Sorry, mein Boss sagt, Sie hätten Ihren Pass noch nicht vorgezeigt.“ Also die dritte Passkontrolle und die hochintelligente Frage, ob ich aus Tansania komme. Ich widerstehe der Versuchung, „Nein, aus Indien“, zu antworten, und bin positiv überrascht, als er um Entschuldigung für die „Unannehmlichkeit“ bittet. Mein Telefon zeigt mit tansanischer SIM-Karte „Roaming“ und „Sehr schwaches Signal“ an, also lege ich die mosambikanische SIM-Karte ein, die man mir in Ndanda mitgegeben hat. Aber auch mit dieser Karte ist das Signal sehr schwach, und in keinem der beiden Läden gibt es Handy-Guthaben zu kaufen. Jetzt fange ich langsam an, mich nach Tansania zurückzuwünschen. Irgendwann kommt dann aber doch eine SMS von Valentino: „Wir sind unterwegs.“ Auch für die Information mit meiner genauen Ankunftszeit war es anscheinend schwierig, die Grenze zu überwinden.
Allen Leuten in Europa, die von Grenzen mit viel Kontrollen und wenig Verkehr träumen, wünsche ich die Erfahrung, mal von Tansania nach Mosambik zu reisen. Den Leuten von Pegida wünsche ich, dass sie danach gleich in Mosambik bleiben müssen.
aussenborder

Plötzlich auftretende Feiertage

19. Oktober 2015

Die letzten Tage habe ich in Mosambik, Tansanias südlichem Nachbarland verbracht. Hier folgt der erste Teil des Reiseberichtes:
Mittwoch komme ich in Dar es-Salaam in unserem Haus in Kurasini bei Br.Bakanja und P.Titus an, Donnerstag soll Ruhetag sein, Freitag will ich dann Richtung Mosambik aufbrechen. „Halt, für Mosambik kriegst du das Visum nicht an der Grenze, sondern nur hier in Dar es-Salaam“, warnt Bakanja mich am Donnerstag Nachmittag.
Also gehe ich am Freitag erst einmal zur Botschaft von Mosambik, ein Touristenvisum bekommt man für die meisten Länder ja ziemlich leicht, zumindest, wenn man einen deutschen Pass hat. An der Botschaft erfahre ich, was ich alles brauche: Einen formlosen Antrag – wird sich wohl machen lassen; Nachweis der Gelbfieberimpfung – meinen Impfpass habe ich dabei. Eine Buchung in einem Hotel in Mosambik und ein Kontoauszug, der nachweist, dass ich genug Geld für den Aufenthalt dort habe – oh Schreck, vielleicht gehört Mosambik nicht zu den „meisten Ländern“, von denen ich oben geschrieben habe.
Also erst einmal zurück. Titus hat schon Erfahrung mit Visa für Mosambik, er ist ohne Weiteres bereit, mir den Kontoauszug von Kurasini zu geben, allerdings muss er den erst von der Bank holen – als ich ihn dann in der Hand halte, ist es schon Freitag Abend, das Wochenende ist also verloren.
Am Montag bin ich um 9 frohgemut erneut bei der Botschaft. Der freundliche Herr hinter der schwarzen Glasscheibe, der meine Unterlagen entgegennimmt, lehnt meinen handgeschriebenen Antrag ab – der formlose Antrag muss mit Computer getippt sein. Außerdem stört ihn, dass ich zwar die Adresse eines Hotels angegeben habe, aber keine Reservierung vorweisen kann. Nachdem wir einige Zeit über das Hotel diskutiert haben, rät er mir, in einem Schreibwarengeschäft in der Nähe den Antrag in den Computer zu tippen und dann wiederzukommen. Um 10 bin ich wieder da, der freundliche Herr ist inzwischen in seine Zeitung vertieft, dafür nimmt seine Kollegin sich meiner an: „Sie müssen morgen wiederkommen, heute ist Feiertag. Wir haben es gerade per Telefon erfahren. Unser Chef ist schon weggegangen. Ohne Reservierung bekommen Sie kein Visum, da hätten Sie sich den Aushang mal besser durchlesen sollen.“ Ich weise den zeitunglesenden Herrn darauf hin, dass er mich nicht besonders gut beraten hat, dann kehre ich frustriert zurück. Bakanja und Titus lachen herzlich über die Sache mit dem Feiertag und erklären mir, dass die Mosambikaner sehr kompliziert sind, bei Tansaniern machen sie genauso viele Schwierigkeiten wie bei Europäern.
Am Dienstag winkt mich die Wache am Tor der Botschaft einfach durch, ohne dass ich mich – wie sonst – ins Besucherbuch eintragen muss. Offensichtlich kennt man mich inzwischen. Oh Wunder, diesmal wird alles akzeptiert. Ich darf mich auf den Fußweg zur Bank machen, 95 Dollar einzahlen, und mit dem Einzahlungsbeleg zurückkehren. Morgen um Drei, so verspricht man mir, ist das Visum fertig. Bakanja und Titus lachen wiederum, als sie erfahren, dass es bei booking.com einige Hotels gibt, die man auch ohne Kreditkarte oder sonstige Bezahlung reservieren kann. Am nächsten Tag – es ist mein sechster Besuch – übergibt mir der Herr sehr freundlich meinen Pass mit Visum, und als ordentlicher Deutscher storniere ich auch gleich die Hotelbuchung.

Flüchtlinge – aus unterschiedlichen Perspektiven

6. Oktober 2015

Sechs Wochen war ich in Deutschland, vor ein paar Tagen bin ich wieder in Dar es-Salaam angekommen. Schön war’s. Ein Thema hat viele Gespräche bestimmt, natürlich: Flüchtlinge. In Meschede hatten wir zwei Besucher aus Tansania, junge Mönche, die zur Ausbildung in Deutschland sind. Auch sie hatten Flüchtlinge getroffen, „sogar drei aus Tansania. Dabei gibt es wirklich keinen Grund, aus Tansania zu fliehen.“ Sie meinen, wir sollten nicht so viele Flüchtlinge aufnehmen, sondern lieber unsere Kultiviertheit wahren. Ich wende ein, dass man Flüchtlinge, die aus Syrien vor dem Bürgerkrieg fliehen, schlecht zurückweisen kann. Ja, das sehen sie ein, aber die anderen sollte man nicht aufnehmen. Ich bin überrascht, denn ich hätte von Afrikanern mehr Verständnis für afrikanische Flüchtlinge erwartet. Aber das Gespräch ist auch typisch für die Mentalität der Tansanier: Ihr Land gehört zu den glücklichen, die weder Bürgerkrieg noch schwere staatliche Unterdrückung kennen. Der durchschnittliche Tansanier kommt gar nicht auf den Gedanken, irgendwo anders leben zu wollen (abgesehen von jungen Männern, die für einige Zeit in den afrikanischen Nachbarländern Geld verdienen), und wenn jemand im Ausland sagt, dass er nicht in Tansania leben konnte, sieht man ihn eher als jemanden, der Schande über das eigene Land bringt.
Beim Priesterjubiläum meines alten Heimatpfarrers sitze ich neben dem freundlichen SPD-Bürgermeister einer nordrhein-westfälischen Kleinstadt. „Das ist schon eine Herausforderung, wenn man den Anruf kriegt, ‚In ein paar Stunden kriegen Sie 3 Busse mit Flüchtlingen, bringen Sie die unter‘. Aber ich weiß, dass ich mich auf die Beamten verlassen kann. Deutsche Beamte sind gut ausgebildet, wir haben genug Ressourcen, wir kriegen das hin.“ Der Mann vermittelt den Eindruck, dass er schon schlimmere Herausforderungen gemeistert hat – wenn ich in seiner Stadt wohnte, würde ich ihn wählen.
Auf dem Rückflug las ich in der New York Times anerkennende Worte über die österreichische und deutsche Flüchtlingspolitik. Schön, wenn man so etwas über sein eigenes Land lesen kann.
Jetzt bin ich in Kurasini, unserem Gästehaus in Dar es-Salaam, wo praktisch jeder Europäer, der in Tansania irgendetwas mit den Benediktinern zu tun hat, absteigt. Beim Frühstück sitze ich mit einer ungarischen Wissenschaftlerin und einem ungarischen Bischof zusammen. Mir zuliebe unterhalten sie sich auf Deutsch. Die Wissenschaftlerin fängt an, wenn sie zeichnen könnte, würde sie eine Karikatur zeichnen, wie die Ungarn sich streiten und dazu noch von christlichen Werten reden. Ich befürchte zunächst, die beiden würden jetzt anfangen, die Abschottungspolitik ihrer Regierung zu verteidigen, und weiß gar nicht, wo ich hinschauen soll. Aber weit gefehlt: Sie erzählt, wie sie als junge Frau nicht studieren durfte, weil ihr Vater drei Angestellte hatte und deshalb von der kommunistischen Regierung als „Ausbeuter“ und „Klassenfeind“ bezeichnet wurde. Wie sie deshalb eine Ausbildung machte und in ihrem Betrieb gedrängt wurde, in die Kommunistische Partei einzutreten. „Wenn ich in die Partei eingetreten wäre, hätten sich alle meine Freunde von mir zurückgezogen.“ 1956 floh sie in den Westen, kam in Österreich in der Turnhalle einer Klosterschule unter, viele Betten in einem Raum, „aber sauber“. Der Bischof sagt, dass er beinahe in Deutschland geboren worden wäre, weil seine Eltern bei Kriegsende dorthin geflohen waren. Heute engagiert er sich bei der Hilfe für Flüchtlinge. Wieder ein Vorurteil weniger, diesmal war es eines gegen Ungarn.