Archive for April 2013

Deutsche Handwerksmeister und ihre Sekretäre

13. April 2013

Deutsche Handwerksmeister stehen bekanntlich für Qualität und stellen in diesem Bereich hohe Ansprüche. Das gilt auch für den 75-jährigen Leiter unserer Schreinerei. Die Probleme begannen, als er im letzten Sommer zum ersten Mal seit drei Jahren in den dreimonatigen Heimaturlaub fuhr. Die Vertretung übernahm Br.Kizito. Dieser ertappte den Sekretär und einige Facharbeiter bei einem Diebstahl, entließ sie und stellte neue Kräfte ein. Der alte Meister kehrte aus dem Urlaub zurück und merkte bald, dass der neue Sekretär ihm nicht behagte. Also wurde auch der neue Sekretär entlassen, statt seiner sollte nun der junge Br.Bosco die Briefe am Computer schreiben. Als Bosco daran scheiterte, den Brief im Blocksatz zu formatieren, rief unser alter Meister den entlassenen Sekretär zurück. Am nächsten Tag hatte er diverse geschäftliche Angelegenheiten mit mir zu besprechen und sagte am Schluss leichthin, „Ach übrigens, ich hab meinen Sekretär wieder eingestellt.“ Ich hielt es für klüger, erst einmal nicht zu antworten, und mich mit Br.Petro und Br.Augustino zu beraten. Einerseits war klar, dass der alte Herr auf einen zuverlässigen Helfer angewiesen war, andererseits stellt Diebstahl bei uns ein sehr großes Problem dar, und jemanden, der wegen Diebstahls entlassen worden war, wieder einzustellen, hätte ein ziemlich falsches Signal an die anderen Arbeiter ausgesendet.
Wir baten unseren Pförtner, Herrn Ngosongo, der wegen seiner spritzig-witzigen Art bei jeder Feier durch das Programm führt, und die besten Kontakte ins Dorf hat, sich nach einem anderen Sekretär umzuschauen. Der alte Meister sagte, er brauche keinen anderen, mit dem jetzigen sei er zufrieden, und außerdem hätte er ja nur ein paar Wellblechplatten gestohlen, das wär‘ ja nicht so viel. So ging es eine knappe Woche lang hin und her, dann passierte etwas Erschreckendes: Der Sekretär starb. Er hatte an Sichelzellenanämie gelitten, einer Erbkrankheit, die in den Tropen recht häufig vorkommt, da die entsprechende genetische Veränderung einen gewissen Schutz gegen Malaria bietet. Weil man hier gerne nach einem Schuldigen für jeden Todesfall, und besonders für einen plötzlichen, sucht, kam das – natürlich völlig blödsinnige – Gerücht auf, Br.Kizito hätte den Ärzten im Krankenhaus gesagt, sie sollten ihm bei einer der Bluttransfusionen, wie sie zur Milderung der Krankheit eingesetzt werden, die falsche Blutgruppe geben.
Ein paar Tage nach diesem tragischen Todesfall kam dann Herr Ngosongo zu mir: Auf drei Zetteln hatte er je einen Namen notiert: „Die hier hat Form 6 (entspricht unserem Abitur), aber sie kann nur für kurze Zeit arbeiten, dann wird sie studieren. – Der hier hat nur Form 4 („Mittlere Reife“), und er kennt sich nicht mit Computern aus. – Und dann gibt es noch diese hier, eine Binti, die hat auch Form 4 und kennt sich mit Computern aus.“ Damit ist klar, dass nur die Binti in Frage kommt. Binti heißt „Tochter“, oft bedeutet das Wort aber „Junge Frau“. Als ich mir den Zettel genauer anschaue, sehe ich den Namen, „Dorice Ngosongo“. Damit ist klar, dass er nicht „eine Binti“, sondern „meine Binti“ gemeint hatte, und der Trick, erst zwei unmögliche Kandidaten zu nennen, und dann den (oder die), der (die) es werden soll, ist auch nicht schlecht (In Bezug auf die Bischofswahlen in Deutschland soll Kardinal Frings einmal gesagt haben: „Rom benennt drei Kandidaten, einen Chinesen, einen Japaner, und den, der es werden soll“).

Zu Ostern wieder im Internet

1. April 2013

Während Papst Franziskus in Rom Gefangenen die Füße wusch, öffnete sich für uns nach neun Tagen virtueller Gefangenschaft das Tor zur weiten Welt.
Da das Internet hier immer wieder mal ausfällt, rief ich erst am Nachmittag des ersten Tages bei Asheri, dem für uns zuständigen Techniker der Telefongesellschaft TTCL, an. „Ich bin gerade nicht im Büro, aber ich kümmere mich drum.“ Br.Wolfram, unser junger Computerfachmann, war zum Glück ein paar Tage vorher von seinem Praktikum in Dar es-Salaam zurückgekehrt. Er rief am nächsten Tag wieder bei TTCL an. Die Antwort: „Ich bin gerade nicht im Büro, aber ich kümmere mich drum.“ Am Abend hatte er dann das Ergebnis: Wir hatten unser monatliches Volumen aufgebraucht. 12 Tage vor Monatsende, ich konnte es mir einfach nicht vorstellen ! Wolfram hatte sogar herausgefunden, wer dieses Problem durch übermäßigen YouTube-Konsum verursacht hatte. Wir beschließen, dass wir unseren Anschluss auf eine unbeschränkte Verbindung mit geringerer Geschwindigkeit umstellen lassen. Kein Problem, leider aber fällt am folgenden Tag, dem 22.3., das Internet im ganzen Land aus, und danach ist erst einmal Wochenende. Am Montag kommt Techniker Asheri persönlich, denn für den neuen Tarif muss er unseren Anschluss umstellen. Am späten Nachmittag ist unser schmaler Computerraum mit vier Technikern von TTCL und Br.Wolfram zum Bersten voll. Danach geht gar nichts mehr. Am Dienstag sagt Wolfram mir, dass die Leute von TTCL ihm versprochen haben, wiederzukommen, aber nicht gekommen sind. Am Mittwoch kommt Techniker Zakayo allein, und es gelingt ihm, ein Problem im Technikhäuschen der TTCL auf der anderen Straßenseite zu beheben. Jetzt muss nur noch das „HQ“ (Hauptquartier) in Dar es-Salaam eine Umkonfigurierung vornehmen. Am Donnerstag bin ich etwas ungeduldig, denn Karfreitag und Ostermontag sind auch hier Feiertage. Wolfram muss an seiner Fachschule für Computertechnik den Praktikumsbericht vortragen, damit fällt er auch erst einmal aus. Es kommt aber ein Anruf von Zakayo bei unserem Pförtner an: Ich solle doch bitte einmal das Modem ausschalten und beim nächsten Anruf wieder einschralten. Kein Problem, nur leider haben wir danach immer noch kein Internet. Jetzt rufe ich bei der Geschäftsstelle von TTCL in Songea an, ob ich mit Zakayo persönlich sprechen könne. Nein, der sei gerade unterwegs, aber er werde mich zurückrufen. Beim zweiten Mal frage ich, ob ich seine Handy-Nummer haben könne. Nein, aber der Chef-Techniker werde mich zurückrufen. Mit besonderer Betonung fügt die Frauenstimme hinzu: „Der ist Ingenieur“. Beim dritten Anruf habe ich dann plötzlich Zakayo persönlich am Apparat, der mir verspricht, sofort zu kommen, in 40 Minuten sei er bei mir. Anderthalb Stunden später sagt mir eine Frauenstimme, Zakayo sei unterwegs, er sei verspätet losgefahren, weil sein Dreirad-Gefährt kein Benzin hatte. Tatsächlich kommt er kurz darauf, schaut sich den Computerraum kurz an und benutzt daraufhin mehr als anderthalb Stunden lang unser Telefon. „Ich musste die Konfiguration mit Dar es-Salaam (dem wirtschaftlichen Zentrum Tansanias, wo sich auch das ‚HQ‘ von TTCL befindet) und Dodoma (der offiziellen Hauptstadt, über die unsere Internet-Leitung läuft) koordinieren,“ erklärt er mir. Und tatsächlich: Wir sind endlich wieder verbunden !