Archive for Juni 2011

„Versuchen Sie, nicht unterzugehen“

13. Juni 2011


Vorgestern bin ich mal wieder mit der Barkasse auf die andere Seite der Bucht gefahren (Fahrpreis 20 Centavos, also ungefähr ein Pfennig oder ein halber Euro-Cent). Hinten befindet sich eine Hinweistafel für die 4 häufigsten Notfälle: Feuer, Zusammenstoß, Maschinenschaden und „Mann über Bord“ (spanisch „Hombre al agua“, also „Mann zum Wasser“). Bei jedem Notfall ist genau erklärt, was der Schiffsführer, der Maat und die Passagiere jeweils tun sollen. Bei den Passagieren steht meistens so etwas wie „Ruhe bewahren und den Anweisungen der Besatzung folgen“. Bei „Mann über Bord“ lautet die Anweisung „Versuchen, sich über Wasser zu halten.“ Gut, dass ich’s weiß.

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Spaziergänge in der Altstadt

10. Juni 2011


Spaziergang durch die Altstadt: In der Straße Obispo, der von Touristen ebenso wie von Einheimischen stark frequentierten Einkaufsstraße, bleibe ich stehen, um einer Gruppe von Straßenkünstlern zuzuschauen. Ein alter Mann, der rechts auf einer kleinen Mauer sitzt, hält mir einen 3-Peso-Schein mit dem Bild von Che Guevara in Rot entgegen: „Sehen Sie, Che Guevara. Geben Sie mir einen Dollar dafür.” Er hält mich offensichtlich für völlig ahnungslos, denn in der Wechselstube nebenan bekomme ich für einen Dollar genau 24 Peso. Ich fange scheinbar an zu feilschen, indem ich mein Portemonnaie hervorhole und ihm zwei 1-Peso-Scheine zeige, mit dem Bild von José Martí, dem großen Schriftsteller und Unabhängigkeitshelden: „Sehen Sie, ich biete zwei José Martí für einen Che Guevara.” Meine Hoffnung, ihn damit loszuwerden, hat mich getäuscht. Er holt jetzt die 3-Peso-Münze hervor, die ebenfalls das Bild von Guevara trägt, und will schon wieder einen Dollar dafür. In der Zwischenzeit hat mich eine der Straßenkünstlerinnen entdeckt und hält mir ihren Sammelbeutel unter die Nase. Ich stecke nun meinen eigenen 3-Peso-Schein hinein, womit sie anscheinend zufrieden ist (jedenfalls hat sie für das Foto, das ich gleich danach gemacht habe, gelächelt, siehe oben), auch wenn die meisten Touristen wohl einen ganzen Dollar geben würden. Jetzt spricht mich von links ein jüngerer Mann an. Er sei Reggae-Musiker und trete jeden Abend im „Las Vegas” in der und der Straße auf. Er habe auch schon in Deutschland gespielt, auf der Reeperbahn und in der „Killerstraße”. Von letzterer habe ich noch nie gehört, aber eine „Kieler Straße” wird es irgendwo in Deutschland wohl geben. Was ich denn auf Kuba mache ? Ah, Missionar, ob ich nicht seine Freundin bekehren könne, die sei auf Abwege geraten. Er selbst sei Rastafari (das hätte ich eigentlich schon an seinem Aussehen erkennen können). Die Freundin kommt hinzu, macht aber nicht den Eindruck, als wollte sie gerade bekehrt werden. Als ich mich verabschiede, kommt endlich das, was ich schon die ganze Zeit erwartet hatte: „Kannst du uns nicht noch eine Cola ausgeben ?” Ich lehne freundlich ab, gehe zur Plaza Vieja, dem alten Zentralplatz Havannas, der besonders schön restauriert ist. An einem großen Eingangsportal hält mich der uniformierte Wächter an: Ob ich nicht einen Blick hineinwerfen wolle, ich könne auch gerne ein Foto machen. Ich weiß schon, was kommt, und lehne dankend ab. Ob ich ihm nicht einen Dollar geben könne, damit er etwas zu essen habe. Es wird Zeit, dass ich die von Touristen überlaufenen Gegenden verlasse, denn besonders angenehm ist nicht, ständig in Gespräche gezogen zu werden, die mit „Gib mir !” enden. Ich biege also in die Straße mit dem unangenehmen Namen „Inquisitor” ein, eine Wohnstraße mit dem Charme des Verfalls. Kaum halte ich an, um ein Foto zu machen, fragt der vielleicht 10-jährige Junge neben mir nach einem Peso, damit er etwas zu essen habe. Sein Haarschnitt folgt der neuesten Mode, und besonders verhungert sieht er auch nicht aus.
Anderer Spaziergang: Ein älterer Mann (52 Jahre alt), mit nur noch 2 Zähnen, schwarz und hager, spricht mich an, woher ich komme. Ich sage es ihm, er auf Deutsch: „Ah, aus deutsche Land !“ Schon wieder so einer, der von jeder Sprache drei Wörter kennt, und damit die Touristen um einen Dollar anbettelt, denke ich, doch dann redet er auf Deutsch weiter. Die Aussprache ist kubanisch, die Grammatik grauenhaft, doch er spricht flüssiges Deutsch ! In den 80er Jahren hat er 9 Jahre lang in Leipzig im Maschinenbau gearbeitet, während dieser Zeit ist sein Sohn zur Welt gekommen, der in Deutschland geblieben ist, aber seinen Vater öfter mal auf Kuba besucht. „Deutschland ist ein schönes Land. Die Menschen arbeiten richtig, die reden nicht so viel bei der Arbeit. Und wenn das Signal zur Brotzeit kommt, dann ist Pause, und wenn wieder das Signal zur Arbeit kommt, dann geht es gleich weiter mit der Arbeit.“
Weil Deutschland so ein schönes Land ist, fliege ich am Montag in meinen Heimaturlaub. Wenn ich die Zeit dafür finde, schreibe ich vorher noch den Artikel zum sexuellen Missbrauch auf Kuba und den zum Rassismus.

Ausländer sprechen Ausländisch

1. Juni 2011

Bei Terry Pratchett erklärt eine Britin ihren beiden Reisegefährtinnen, die zum ersten Mal im Ausland sind: „In Foreign you say ’silverplate‘ instead of ‚please‘.“ – „Auf Ausländisch sagt man ‚Silberteller‘ (S’il vous plaît) statt ‚Bitte‘.“
Gestern in der Altstadt: Ein Mann spricht mich auf Englisch an. Solche Gespräche enden normalerweise damit, dass er mir Zigarren verkaufen oder einfach so Geld von mir haben will. Also antworte ich ungehalten auf Spanisch: „Was ist das für eine hässliche Sprache, die du da sprichst ?“ Er: „Das ist deine Sprache. Woher kommst du ?“ Als ich ihm sage, dass ich Deutscher bin, sagt er, dass er einen deutschen Freund namens Truschten aus München hat. Ich schlage Thorsten als Namen vor, und nach einiger Zeit verabschiedet er sich tatsächlich, ohne mich angebettelt zu haben. Kurz darauf sehe ich drei Kinder im Grundschulalter mitten in der belebten Einkaufsstraße Obispo auf dem Boden knien und sich mit der verhakten Kette eines Fahrrades abmühen. Ich sage auf Spanisch: „Ihr braucht etwas aus Metall.“ und setze meinen Schlüssel ein. Als die Kette endlich freikommt, schauen sie mich mit dem besterzogenen Kinderblick an und sagen: „Thank you.“ Klar, man sieht mir an, dass ich Ausländer bin, also muss man ausländisch mit mir sprechen.