Archive for Dezember 2010

Weihnachten und Silvester

31. Dezember 2010

Der Silvesterabend wird von allen Kubanern sehr ernst genommen. Man feiert zuhause und lädt großzügig Freunde ein. Auch wir haben schon ein paar Einladungen zu Silvesterfeiern erhalten, aber da wir selbst Besuch haben (Erzabt Jeremias verbringt diesmal den Jahreswechsel bei uns, P.Javier aus St.Ottilien begleitet ihn), mussten wir absagen. „Wenn mein Sohn Silvester bei seinen Freunden feiern will, soll er das ruhig tun, aber die Noche Buena (‚die Gute Nacht‘ ist spanische Wort für Heiligabend) gehört der Familie,“ sagte uns eine Kubanerin, die der Kirche und den christlichen Traditionen sehr verbunden ist. Bei anderen Kubanern ist das anders: Ein Freund, der am Weihnachtstag vorbeikam, um uns zu seiner Silvesterfeier einzuladen, wurde von Jacques gefragt, ob er denn in der Christmette gewesen sei. Die Antwort: „Nein, wir wussten nicht, ob die Christmette gestern oder heute Abend ist. Wir waren ja arm vor der Revolution, ich hatte als Junge nicht einmal Schnürsenkel, meine Schuhe wurden mit Draht zusammengehalten. Nach der Revolution ging es uns besser, daher bin ich der kommunistischen Jugend beigetreten und konnte also nicht mehr zur Kirche gehen. Aber meine Enkel sind getauft und wir haben in der Familie immer zur heiligen Barbara, zum heiligen Lazarus, zur Jungfrau Maria und zur Jungfrau von Cobre gebetet.“ (Dass die Jungfrau von Cobre und Maria identisch sind, ist vielen Kubanern nicht bewusst). Er hat eine Tüte dabei, das gerade eingekaufte Geschenk für seinen Enkel. Der bekommt es aber erst am 6.Januar, denn Kuba folgt dem spanischen Brauch, dass die Heiligen Drei Könige die Geschenke bringen.
Das Foto zeigt die Pfarrkirche von Guajai, außerhalb von Havanna, wo ich am 21.12. einen Vortrag gehalten habe. Beachte die Ostereier am Weihnachtsbaum !

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Zweite Weihnacht auf Kuba

26. Dezember 2010

Letztes Jahr habe ich über die Sensation berichtet, dass im größten Kaufhaus der Innenstadt ein Weihnachtsbaum zu sehen war. Dieses Jahr gibt es fast überall Weihnachtsbäume oder anderen Schmuck in allen Abstufungen von geschmackvoll (eher selten) bis nordamerikanisch-kitschig (eher häufig). Sogar die kleine Bäckerei, wo wir immer unsere Brötchen kaufen, ist geschmückt: Eine Luftschlange ist an die Wand hinter dem Tresen genagelt. In den Kirchen wird der Weihnachtsbaum (aus Plastik, gerne mit blinkenden Lämpchen) schon Mitte Dezember aufgestellt. Das alles kommt mir recht komisch vor, denn auf Kuba sind alle Bäume das ganze Jahr über grün, im Moment ist es zwar etwas kühler, aber Temperaturen unter 5 Grad plus kommen in Havanna nie vor, nicht einmal am frühen Morgen. Das „weiße Zeugs“ zu Füßen des Weihnachtsmannes auf dem Foto ist für den Kubaner also unbekannt, und „Merry Christmas“ kann er sowieso nicht aussprechen.
Das Interesse für die deutsche Art, Weihnachten zu feiern, ist groß: Dienstag habe ich einen Vortrag vor einer Pfarrgemeinde auf dem Land gehalten, die erste Frage im Anschluss lautete, wie denn Weihnachten in Deutschland gefeiert würde. Eine Sängerin unseres Kirchenchores, hat mich vor der Christmette nach dem Text von „Noche de Paz“ auf Deutsch gefragt. Der Leser und die Leserin wird sich wohl denken können, welches international bekannte deutsche (bzw. österreichische) Weihnachtslied sich hinter dem spanischen Titel „Nacht des Friedens“ verbirgt. In Deutschland finde ich es ja immer sehr kitschig, aber es hier in der Christmette auf Deutsch zu hören, war dann doch schön. (Siehe auch das Weihnachtsfest in Peramiho vor drei Jahren.)

Auf Mitleid machen hilft manchmal

21. Dezember 2010

Schon wieder muss ich meinen Artikel vom 11.Dezember korrigieren. Ich gehe in ein Schreibwarengeschäft. Auf meine Frage „Haben Sie Briefumschläge ?“, lautet die Antwort nicht einfach wie sonst, „No hay“ (Gibt es nicht), sondern sehr ausführlich „Ya no hay“ (Gibt es nicht mehr). Das animiert mich zu einer Nachfrage: „Ach, neulich hatten Sie welche ? Ich suche schon seit zwei Monaten, und nirgendwo gibt es Briefumschläge.“ Da entbrennt das Mitleid der Verkäuferin: „Warten Sie, ich frage mal die Verwalterin.“ Nach einiger Zeit kommt die Verwalterin aus dem hinteren Teil des Ladens, hört sich mein Anliegen an, geht wieder nach hinten, kommt mit 10 Umschlägen zurück und fragt: „Wie viele brauchen Sie denn ?“ Ich sage ohne große Hoffnung: „Eigentlich brauche ich 100.“ Sie: „Kein Problem“, geht wieder nach hinten, zählt zusammen mit der Verkäuferin umständlich 100 Stück ab und nach nur 15 Minuten verlasse ich den Laden zufrieden mit 100 Briefumschlägen für zusammen 15 CUC (12 Euro). Also: Entschuldigung, liebe Verkäufer, die Aussage, Ihr wolltet gar nichts verkaufen, war ein Irrtum.

Als Kubaner getarnt

17. Dezember 2010

Wenn ich mit europäischen Gästen unterwegs bin, passiert es schon mal, dass ein paar Taxis an uns vorbeifahren, bevor das vierte oder fünfte uns mitnimmt. Der Grund scheint zu sein, dass die Sammeltaxis nur für Kubaner bestimmt sind und keine Touristen mitnehmen dürfen.
Aber als ich mit P.Bernard und P.Christian in die Stadt fuhr, hielt gleich das erste Taxi. In der Stadt fragten die Kubaner nicht wie sonst an jeder Ecke „Where are you from ?“ oder forderten gar „One dollar !“. Stattdessen hieß es, „Wo hält der Bus Nummer 20 ?“ Man hielt uns tatsächlich für Kubaner ! Die Mischung der Hautfarben in unserer Gruppe (ich dunkelweiß, Christian hellschwarz, Bernard mittelschwarz) löst den Reflex aus: „Das müssen Kubaner sein.“ Den endgültigen Beweis aber liefert mein weißer Regenschirm. Anhänger der Santeria, der afro-kubanischen Religion, kleiden sich oft ganz in weiß, und der Schirm gehört dazu (siehe Foto). Auch der Schirm allein löst offensichtlich schon die Assoziation „Santeria, also Kubaner“ aus.
Alexis, ein katholischer Freund, hat sich übrigens einmal lieber nassregnen lassen, als mein Angebot anzunehmen, ihm den weißen Schirm für den Heimweg zu leihen – damit niemand ihn mit der anderen Religion in Verbindung bringt.

„Auf Deutsch“

15. Dezember 2010

Samstag ist Br.Jacques zum Priester geweiht worden (Foto). Deshalb haben wir im Moment wieder Gäste aus aller Welt, die etwas Abwechslung in unseren sonst langweiligen (siehe vorigen Artikel) Alltag bringen. Und das zwingt mich, den vorigen Artikel zu korrigieren. Als ich P.Bernard, den neuen Prior von Jacques‘ Heimatkloster Agbang in Togo (dieses Blog berichtete „live“ von der Wahl) und P.Christian die Stadt gezeigt habe, fragte ich, in welcher Sprache wir uns denn verständigen sollten. Christian stammt vom Kilimandscharo (Tansania) und arbeitet als Sekretär der Kongregationsleitung in St.Ottilien (Oberbayern, Deutschland). Er spricht kein Französisch, Bernard dagegen hat mit Englisch mindestens so viel Probleme wie ich mit Französisch. Daher sagt er klar und bestimmt: „Auf Deutsch.“ Auch mit P.Abraham, dem Spanier in unserer Gemeinschaft, unterhalten Bernard und Christian sich auf Deutsch. Also: Wer Deutsch und Spanisch kann, hat bei uns im Haus keine Verständigungsprobleme, abgesehen von temporären Aussetzern, wie z.B. gestern, als ich Bernard gefragt habe, „Ton vol, c’est le lundi ?“, und mich dann zur Köchin umgedreht habe: „Er fliegt am Montag zurück.“ Erst an ihrem verwunderten Blick habe ich gemerkt, dass ich wohl doch lieber Spanisch mit ihr sprechen sollte.

Deutschstunde

11. Dezember 2010

Wir warten immer noch auf ein Grundstück. Aus lauter Langeweile habe ich angefangen, Deutschunterricht zu geben. Ich hatte mich vorher etwas umgehört, an welchem Unterricht wohl Interesse bestünde – zu meiner Überraschung schlugen mehrere Kubaner vor, Deutsch anzubieten. Jetzt habe ich seit zwei Wochen montags morgens acht erwachsene Schüler und eine zweite Gruppe donnerstags nachmittags mit noch einmal sieben. Wir hatten es nach unserer Sonntagsmesse angekündigt und eine Bekannte hatte einen Aushang in einer Einrichtung der katholischen Erwachsenenbildung gemacht, und schon waren die Interessenten da. Nur bei einer einzigen Teilnehmerin, einer über sechzigjährigen Dame, ist mir klar, warum sie Deutsch lernen will – ihre drei Kinder leben in Deutschland. Die anderen sind mit Interesse dabei, ich will ihnen nicht sagen, dass man Deutsch eigentlich nicht braucht, weil die Deutschen mit Ausländern sowieso lieber Englisch sprechen.
Zu dem Beispielsatz, „Ich kann Ihnen auch den Kuchen empfehlen“, habe ich den Schülern erklärt, dass die Verkäufer in Deutschland den Kunden immer Sachen aufdrängen wollen, die diese gar nicht haben wollen, während in Kuba die Verkäufer eigentlich gar nichts verkaufen wollen. Man stimmt mir sofort zu: „Für die Verkäufer ist es schon eine Belästigung, wenn man nur eine einzige Frage stellt.“

Deutschenliste

5. Dezember 2010

P.Abraham hat sich gleich nach seiner Ankunft bei der spanischen Botschaft registrieren lassen. Das bringt mich auf die Idee, auch mal bei der deutschen Botschaft in Havanna anzurufen. Freudige Überraschung, als sich die freundliche Frau L. am Telefon meldet, die mich im März vom Empfang des Botschafters nach Hause gebracht hatte. Ich gebe ihr meine E-Mail-Adresse und finde schon am nächsten Tag ein Formular mit der lustigen Überschrift „Deutschenliste“ in meinem Posteingang, das ich nur noch ausdrucken, ausfüllen und bei der Botschaft abgeben muss.
Ganz und gar nicht lustige Überraschung einen Tag später. Da verstopft ein dicker Rundbrief mit Informationen über Deutschland auf Spanisch meine langsame Internetverbindung. Ich staune nicht schlecht, dass Frau L. mit dem Rundbrief auch meine E-Mail-Adresse an alle Empfänger, geschätzte 100 kubanische Adressen, versandt hat. Ich weise Frau L. darauf hin, dass ich von der deutschen Botschaft doch einen etwas sensibleren Umgang mit meinen persönlichen Daten erwartet hätte. Ihre Antwort: „Bisher hatte sich noch niemand über diese Verteilerliste beschwert. Im Gegenteil waren die Empfänger … eher dankbar für die Übermittlung von Informationen über Deutschland auf diesem Weg.“ Ich brauche natürlich dringend ein paar Informationen über Deutschland, und nehme es dafür gerne in Kauf, dass halb Kuba meine private, deutsche E-Mail-Adresse hat, samt vollem Namen und Titel.
Vielleicht aber sollte ich mich freuen, dass ich mit der deutschen und nicht mit der amerikanischen Vertretung in Kontakt war, denn verglichen mit den amerikanischen „Lecks“ sind die deutschen ja harmlos.