Archive for the ‘Schule’ Category

Dumm gelaufen

13. Oktober 2008

Einen Monat vor dem praktischen Examen in Physik bekommen die Lehrer eine Materialliste mit den Gegenständen, die sie bereit halten müssen. Oben auf der Liste steht in fetter Schrift, dass die Schüler auf keinen Fall über den Inhalt der Liste informiert werden dürfen. Mir als Deutschem erscheint das so logisch und klar, dass ich nicht weiter nachfrage. Die Schülerinnen bitten mich, 8 Tage vor dem Examen ein Experiment mit ihnen zu üben, das vor einigen Jahren in der Prüfung vorgekommen ist. Ich wundere mich ein wenig, dass dieses Experiment genau zu meiner Materialliste passt, und habe schon den Verdacht, dass die Prüfungsaufgaben vorzeitig bekannt geworden sind. Erst am Mittag vor dem Examen erzählt mir mein Vorgänger zufällig, dass natürlich alle Lehrer hier im Land mit ihren Schüler/innen die Experimente üben, die zur Materialliste passen. Er hat das auch so gehalten, damit seine Schülerinnen keinen Nachteil haben. Damit scheint klar, dass meine Schülerinnen die Information von Freunden an einer anderen Schule haben.

Als am Morgen des Examenstages (letzter Freitag) der Umschlag mit den Aufgaben geöffnet wird, ist die zweite Aufgabe genau die, die wir geübt haben. Da gibt es keine Probleme. Aber die erste Aufgabe ist so kompliziert, dass man sie eigentlich nur bewältigen kann, wenn man vorher gemeinsam mit dem Lehrer gemogelt hat. Immerhin: Vier von den 20 Schülerinnen bekommen einen vernünftigen Versuchsaufbau zustande. Alptraum eines Lehrers: Bei einer von ihnen fällt ständig ein Ständer um. Ich würde ihr so gerne sagen, dass sie ihn nur umdrehen muss, aber das geht bei drei fremden Lehrern im Raum halt schlecht.

Das Foto habe ich während des Examens gemacht. An den fünf Tischen auf der rechten Seite wird das erste Experiment bearbeitet, auf der linken Seite (davon sind nur die hinteren beiden Tische sichtbar), arbeitet die andere Hälfte der Schülerinnen gleichzeitig am zweiten. Von den hier abgebildeten Schülerinnen hat keine das schwierige, erste Experiment geschafft. Diesen Donnerstag kommt der theoretische Teil der Prüfung, hoffentlich läuft der besser.

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Gut bewacht

11. Oktober 2008

Gestern war der praktische Teil der Abschlussprüfung in Physik für meine Klasse. Die Aufsicht wurde von drei Lehrern von anderen Schulen geführt. Da wir nicht genug Geräte im Physikraum haben, waren die Schülerinnen in zwei Gruppen zu je zehn eingeteilt, die nacheinander die Prüfung durchführten. Drei Lehrer als Aufsicht für zehn Schülerinnen – da hatte ich genauso wenig zu tun wie der Polizist, der mitgekommen war, um die Prüfungsaufgaben zu bewachen. Wir unterhielten uns also freundlich, und ich machte dieses Foto.

Alle Sicherheitsvorkehrungen nützen natürlich nichts, wenn die Mitarbeiter des Schulministeriums die Prüfungsaufgaben schon vorher an interessierte Schüler verkaufen. Das ist im Fach Mathematik passiert (Gerüchte behaupten, die Käufer hätten 700.000 Shilling bezahlt, etwas mehr als das Monatsgehalt eines Lehrers hier in Peramiho), und aufgeflogen. Die Mathematik-Prüfung, die für vergangenen Montag angesetzt war, ist deshalb um drei Wochen verschoben worden, die Schülerinnen werden daher eine Woche länger als geplant hier an der Schule bleiben müssen.

Nobelpreis

8. Oktober 2008

Gestern wurden die diesjährigen Träger des Physik-Nobelpreises bekanntgegeben. Dieses Foto von Frida Mtwele (links) und Juliana Wilson ist ebenfalls gestern entstanden – sind sie die Nobelpreisträgerinnen der Zukunft ? Es geht übrigens um die Bestimmung des Brechungsindex von Glas.

Vom Diskutieren

17. September 2008

Am Sonntag saß ich zum letzten Mal in meiner Eigenschaft als „Teacher on Duty“ in der Schule und langweilte mich, als laute Musik aus den Schlafsälen dröhnte. Auch wenn ich die Schulordnung viel zu streng finde, wollte ich sie nicht ganz ignorieren – Musik ist vor dem Abendappell nicht gestattet. Männliche Lehrer haben im Wohnbereich nichts zu suchen, also sagte ich zu einer vorbeigehenden Schülerin: „Rufe mir Mariam Mponda.“ Mariam ist prefect, und füllt dieses Amt ziemlich kompetent aus – die Rolle eines prefects hier ist übrigens genau dieselbe wie bei Harry Potter: Die Mitschüler im Auftrag der Lehrer zu kontrollieren. Außerdem kenne ich sie aus dem Physikunterricht und hoffte also, mit ihr irgendeinen Kompromiss schließen zu können. „Es ist Sonntag, außerdem sind Ferien, aber gestern hat Herr Lugongo gesagt, dass vor dem Abend keine Musik erlaubt ist. Jetzt sag mir deine Meinung dazu“, so stelle ich ihr die Sache dar. Reingefallen ! „Ich mache die Musik aus“, sagt sie, denn mit der Frage nach einer eigenen Meinung habe ich sie anscheinend überfordert.

Das Foto zeigt Schülerinnen beim Wasserholen zum Blumengießen, Strafarbeit für Schülerinnen, die beim letzten Ferienende zu spät gekommen sind.

Vom Strafen

16. September 2008

Dass Form 4 (Klasse 11) am Samstag nach Songea fahren würde, hatte ich schon am Donnerstag im Physikunterricht erfahren. Was sie denn da wollten, fragte ich. „Shopping“ – der Tonfall erinnerte mich an die Mescheder Schüler vor der Stufenfahrt nach Florenz. Wahrscheinlich ist Shopping in Songea für unsere Schülerinnen genauso aufregend wie Shopping in Florenz für deutsche.

Die Genehmigung der Schulleiterin (siehe den Artikel von gestern) war dann aber nicht ganz so einfach. Wenn sie nach Songea fahren, dann werden in den nächsten fünf Wochen bis zum Schulabschluss keine Genehmigungen für Ausflüge mehr erteilt. Kaum hat mein Kollege ihnen diese Bedingung erläutert, da erschallt schon ein lautes „Yes“ aus 57 Kehlen. Deutsche Schüler hätten sich erst beraten, aber diese wissen anscheinend genau, was sie wollen, und wollen auch alle das Gleiche.

Um 16:30 ist Abendappell: Nur ein Drittel ist rechtzeitig aus Songea zurückgekommen. Die anderen – darunter fast alle meine Physikschülerinnen – trudeln erst im Laufe der nächsten halben Stunde ein. Mein Kollege führt sie gleich in die Bananenplantage und weist ihnen verschiedene Aufräumarbeiten als Strafe an, vor allem das Beseitigen und Verbrennen der abgestorbenen Pflanzenteile (siehe Foto). Alles läuft ohne Murren und ohne Verzögerungstaktik ab. Ich denke mir, dass sie vielleicht doch etwas von deutschen Schülern lernen könnten: Ich habe auch einmal Schülern aus meiner Mescheder Klasse eine Strafarbeit im Schulgarten gegeben. Ich musste mich dabei so anstrengen, um sie zum Arbeiten zu bringen, dass es eher eine Strafe für mich war. Aber die Fähigkeit, sich zu wehren, ist bei unseren Schülerinnen unterentwickelt.

Vom Warten

15. September 2008

Irgendwo habe ich gelesen, dass in Afrika die Wartezeit den Rang einer Person anzeigt. Je höher die Person steht, die man sprechen will, desto länger lässt sie einen warten. Auf meiner letzten Busfahrt nach Peramiho gab es die bisher längste Polizeikontrolle. Vor uns warteten noch einige Busse. Ich vertrat mir draußen ein wenig die Beine und beobachtete, wie ein Mann in Zivil umständlich die Ausweise der einzelnen Fahrer kontrollierte. Als ein Fahrer nicht respektvoll genug war, sagte er wörtlich: „Ich bin Inspektor. Das ist ein sehr hoher Rang.“

Vorgestern früh an der Schule sah das so aus: Als ich um Acht ankam, wartete schon eine Schülerin auf mich: „Die Schwester will wissen, wie viele Essen sie kochen soll.“ – „Das weiß ich auch noch nicht, weil Form 4 heute nach Songea fahren will, aber die Schulleiterin die Erlaubnis noch nicht erteilt hat.“ Wenn Form 4 wegfahren darf, werden 62 Mittagessen gebraucht, wenn die Schulleiterin die Erlaubnis verweigert, werden es 119 sein. Die Schulleiterin aber ist nicht zu sehen. Eine gute Stunde später, inzwischen ist es nach Neun, beraten sich die stellvertretende Schulleiterin, mein Kollege als „Lehrer vom Dienst“, die Schulsekretärin und ich, ob die Schulleiterin wohl gleich kommt, oder ob sie die Sache vergessen hat, und ob man sie wohl stören darf. Nach eigehender Beratung geht die Sekretärin zur Schulleiterin nach Hause (sie wohnt direkt gegenüber; eigentlich könnte man sie auch über das Haustelefon anrufen), und fragt nach. Um halb Zehn weiß die Schwester dann endlich, dass sie nur 62 Essen (Ugali mit Bohnen, wie jeden Tag) kochen muss. „Das stört,“ sagt sie zu mir, vielleicht sollte man besser übersetzen, „das nervt.“

Aus lauter Langeweile habe ich zwischendurch die Schubkarre hinter der Küche fotografiert.

Ferien – aber nicht für alle

13. September 2008

Gestern haben die Ferien begonnen, allerdings nur für eine Woche. Prisca meinte: „Endlich mal anderes zu essen.“ Ich dachte daran, dass sie in Australien den Ugali vermisst hatte, und fragte: „Gibt es zuhause keinen Ugali ?“ Ihre Mitschülerin Irene mischte sich ein: „Zuhause schmeckt der Ugali viel besser.“

Vor den Ferien ist gründliches Aufräumen angesagt, das Foto oben zeigt Schülerinnen der Tischgruppe 30 beim Abspülen.

Für meine Physikschülerinnen in Form IV (11.Klasse) aber gibt es keine Ferien, denn sie müssen sich auf das Abschlussexamen nächsten Monat vorbereiten. Als ich gestern Nachmittag in ihrem Klassenraum vorbeischaue, hängen sie lustlos über ihren Büchern (siehe Foto) und geben deutlich zu erkennen, dass sie lieber weggefahren wären. Manche hätten sowieso keine Chance auf Ferien gehabt: Beatrice wohnt in Dar es-Salaam. Hin und zurück zwei ganze Tage Busfahrt für 70.000 Shilling (40 Euro) – das lohnt sich nicht, wenn die Ferien nur sieben Tage umfassen. Dass das Mädchen aus Mbinga (eine Strecke vielleicht zwei Stunden Busfahrt, 10.000 Shilling hin und zurück) aber auch nicht fährt, finde ich schon seltsam.

Ich bin diese Woche mal wieder „Lehrer vom Dienst“, und da gibt es immer wieder Überraschungen. Nachdem die stellvertretende Schulleiterin die Schülerinnen in die Ferien entlassen hat, kommt Frida mit einigen Mitschülerinnen auf mich zu: „Sir, wir wollen eine Strafe.“ – „Was ist denn los ?“ – „Wir sind eine halbe Stunde zu spät gekommen.“ – „Wann seid ihr zu spät gekommen ?“ – „Am ersten Schultag.“ – „Im Juli ? Wieso kriegt ihre eure Strafe erst jetzt ?“ – „Wir müssen die Ferien über hierbleiben.“ – „Ach so, ihr wollt nach Hause fahren und dafür eine andere Strafe haben.“ Ich spreche mit der stellvertretenden Schulleiterin, die sagt mir, ich solle mit der Schulleiterin selbst sprechen. In der Zwischenzeit kommt aber Frau Haule vorbei, die den schönen Titel „Master of discipline“ trägt. „Ich habe vorhin schon mit der Schulleiterin gesprochen, ihr bleibt hier.“ Falls es jemand nach einmaligem Lesen noch nicht glaubt: Für eine halbe Verspätung am ersten Schultag werden die nächsten Ferien gleich ganz gestrichen.

Außerdem bleiben noch alle Schülerinnen da, die bei den Klassenarbeiten des letzten Monats einen Durchschnitt von weniger als 40 Prozent hatten.

Damit klar ist, über wen ich mich beschwert habe

14. August 2008

Am Montag habe ich geschrieben, dass unsere Schülerinnen ohne Aufsicht beim Essen ungefähr halb so laut sind wie deutsche beim Essen mit Aufsicht. Damit jetzt niemand denkt, ich hätte mich über deutsche Schüler/innen beschweren wollen: Die Kinder hier sind mir einfach zu brav und zu still. Selbst in der Pause auf dem Schulhof ist es so ruhig, dass es mir fast unheimlich wird. Zur Erziehung in Tansania gehört es, dass Kinder still zu sein haben, wenn Ältere in der Nähe sind. Wenn sie Ältere ansprechen, haben sie leise zu sprechen und entschuldigen sich erst einmal (das tun sie auch noch als Erwachsene. Ich erhielt mal eine SMS von einem jüngeren Arzt: „Sorry, my name is Dr.Komba“).

Für mich als Lehrer ist das ziemlich umständlich: Ich muss immer nachfragen, weil sie einfach zu leise sprechen, und außerdem fragen die Schülerinnen nicht, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Immerhin: Heute habe ich einen Vorschlag gemacht, habe in Beatrices Gesicht gesehen, dass sie irgendetwas sagen wollte, habe sie ermutigt, das auch zu sagen, und sie hat dann tatsächlich einen Gegenvorschlag gemacht. Beatrice ist aber die Mutigste von allen, das hängt wohl damit zusammen, dass sie als einzige aus der Großstadt (aus Dar es-Salaam) stammt.

Eine Tansanierin (Asha-Rose Migiro) ist stellvertretende Generalsekretärin der Vereinten Nationen. Ob die früher an Festtagen auch so brav zur Kirche marschiert ist wie die Schülerinnen auf dem Foto ?

Teddybären

12. August 2008


Das Foto oben zeigt Rebeca (sie geht in Imiliwaha zur Schule, 400 km von hier) bei der Zwischenlandung in Johannesburg. Den Teddy hat sie sich in Australien gekauft. Im Hintergrund Prisca. Prisca ist auch auf dem zweiten Foto zu sehen, während sie am letzten Samstag den Mitschülerinnen das erste Foto erklärt. Mariam (aus Priscas Klasse), die bei der Präsentation gerade neben mir saß, fragte mich spontan: „Was hat der Teddy gekostet ?“ Ihr Tonfall dabei klang nach, „den will ich auch haben.“ Wieder ein Beleg für meine These, dass Schülerinnen überall gleich sind.

Für Männer verboten

11. August 2008

In Rom gab es 62 v.Chr. einen Skandal, als P.Clodius Pulcher in Frauenkleidern an der Feier zu Ehren der Bona Dea („Gute Göttin“) teilnehmen wollte, denn nur Frauen durften die geheimen Riten sehen. In Peramiho ist der Wohnbereich der Schülerinnen für Männer grundsätzlich verboten, außerdem müssen alle männlicher Lehrer um 17 Uhr die Schule verlassen. Vorgestern hatte ich die Gelegenheit, einmal in diesen verbotenen Raum hineinzuschauen. Als ich kurz nach Einbruch der Dunkelheit im Speisesaal ankam, fühlte ich mich tatsächlich ein bisschen wie ein Eindringling. Die knapp 400 Schülerinnen waren beim Abendessen, einige waren bereits fertig, räumten ab und stellten ihre Hocker auf die Tische, andere saßen direkt daneben und waren noch dabei, ihren Ugali mit Bohnen zu löffeln. Ich war ziemlich überrascht, dass keine Aufsicht im Raum war, aber alles sehr ruhig und friedlich ablief. In einer deutschen Schule hätte ich ungefähr die doppelte Lautstärke erwartet – natürlich in Anwesenheit von Aufsicht führenden Lehrern.

Erst nach Ende des Essens kam Sr.Agatha, die als Internatserzieherin arbeitet, herein, und wir haben zusammen mit Tumaini und Prisca über unsere Reise berichtet. Einen Skandal hat es nicht gegeben. Das Foto zeigt den Speisesaal, nachdem alles abgeräumt war.