Restaurant der gehobenen Klasse

Seit Mittwoch bin ich mal wieder unterwegs. Diesen Artikel schreibe ich in Dar es-Salaam, dem wirtschaftlichen Zentrum Tansanias. Freitag war ich mit sechs Afrikanern in dem neuen Restaurant, das sich seit kurzem in der Nachbarschaft unseres Hauses im Stadtteil Kurasini befindet. In dem Restaurant der gehobenen Klasse (freitags mit Live-Musik, samstags mit Fußballübertragung auf zwei Flatscreens) kosten Speisen und Getränke (Bier, Sprite) für 7 Personen fast 45 000 Schilling (22 Euro), die Br.Petro bezahlt. Als die Kellnerin das Wechselgeld bringt, und Petro es einstecken will, greift Br.Silvester ein. Silvester leitet die Druckerei, ist Mitglied im Finanzausschuss der Abtei Peramiho und außerdem für die jungen Brüder in der Probezeit zuständig, zu denen auch Petro gehört. „Gib mir mal die Münzen,“ sagt er zu Petro. Dann reicht er die beiden Münzen (zusammen 300 Schilling) der Kellnerin. „Inaitwa tip, das heißt Trinkgeld,“ klärt er Petro auf, „Wenn man kein Trinkgeld gibt, heißt das, man hat den Service gehasst.“ Ich setze nach: „In Europa gibt man zwischen 5 und 10 Prozent Trinkgeld, aber das ist freiwillig.“ Petro staunt: „Auch wenn die Rechnung hoch ist ?“ Ich verzichte darauf, ihm zu erklären, dass man in Europa den Preis vorher weiß, weil man üblicherweise die Speisekarte studiert, bevor man bestellt. Das ist hier eher ungewöhnlich; Silvester erzählt die Geschichte von den beiden Tansaniern, die mit 30 000 Schilling in der Tasche in das Seacliff (ein direkt am Meer gelegenes, wunderschönes Restaurant der Touristenklasse) gingen, und dann angesichts der Rechnung von 160 000 in eine ziemlich peinliche Situation kamen. Zu mir meint er: „Wir müssen mal dafür sorgen, dass Petro etwas mehr von der Welt sieht als nur die Stadt Tanga“ (wo er Wirtschaft studiert hat). Petro ist alles andere als ein dummer Junge vom Lande; er erklärt in Peramiho den gestandenen Werkstattleitern, wie sie einen Preis kalkulieren sollen, oder was der Unterschied zwischen direkten und indirekten Kosten ist. Die Sache ist für ihn aber in keiner Weise peinlich, denn eine Restaurantkultur, wie wir sie kennen, entwickelt sich hier erst langsam; normalerweise essen die Menschen zuhause oder – bei der Arbeit und auf Reisen – in Garküchen, wo es nur darum geht, für möglichst wenig Geld satt zu werden.

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