Wenn ein Kind plötzlich vors Auto läuft

Eigentlich sollte ich endlich mal schreiben, was ich hier in Peramiho mache. Aber erst einmal muss ich die Ereignisse von gestern und vorgestern loswerden. Martin, mein Vorgänger, der mich in den letzten beiden Wochen hier eingearbeitet hatte, ist vorgestern, Donnerstag, früh um Fünf mit dem Auto nach Dar es-Salaam abgereist. Sein Drei-Jahres-Vertrag hier war abgelaufen, und er tritt eine neue Stelle in Deutschland an. Sein Motorrad hatte er der Abtei verkauft, aber als er kurz vor der Abreise zum ersten Mal seit einigen Tagen wieder in die Garage schaute, war es nicht mehr da. P.Fidelis rief also die Polizei, und ich staunte nicht schlecht, als am Donnerstag um 9 Uhr sechs Polizeibeamte in Zivil in unserem Besprechungsraum saßen. Um 11 kamen dann zwei davon in mein Büro. „Wenn Sie jetzt etwas sagen, was nicht der Wahrheit entspricht, können Sie vom Gericht bestraft werden,“ klärt der jüngere der beiden mich über meine Rechte auf. Dann schreibt er umständlich handschriftlich ein Protokoll, Name, Alter, Stammesangehörigkeit, Religion, „Ich nehme an, das Sie Christ sind“, vermutet er richtig. Ich gebe zu Protokoll, dass ich das Motorrad nie gesehen habe, und dass Martin alles ordentlich hinterlassen hat. Der ältere und dickere Polizist sitzt mit geschlossenen Augen daneben und hält offensichtlich ein Nickerchen. Nach einer guten halben Stunde darf ich zum ersten Mal in meinem Leben ein polizeiliches Vernehmungsprotokoll unterzeichnen. Die beiden gehen, dann kommt der jüngere noch einmal alleine zurück, weil er einen Zettel auf meinem Schreibtisch vergessen hat. Ob ich nicht einen Terminkalender für ihn hätte, fragt er, „aber das ist nicht notwendig.“ Offensichtlich erwartet er eine kleine „Belohnung“ für seine viele Schreibarbeit. Leider, sage ich ihm wahrheitsgemäß, habe ich keinen. Ich meine zu Br.Dominicus, der das Land schon seit 50 Jahren kennt, „Wenn die so ineffektiv sind, dann kann man ihnen alles zutrauen, auch, dass sie behaupten, Martin selbst habe das Motorrad beiseite geschafft, um es zweimal zu verkaufen.“ Dominicus meint, dass die gar nicht so ineffektiv seien, und dass es gut möglich sei, dass sie das Motorrad finden.

Martins Reise verläuft nicht glücklich: Gegen Mittag, auf halbem Weg, in der Nähe von Iringa, läuft ein Kind vor das Auto und stirbt. Martin hat es als Beifahrer mitansehen müssen. Den Fahrer, Romuald, trifft keine Schuld, wie Martin mir am Telefon sagt. Mit Romuald bin ich schon vor vier Jahren oft gefahren, er fuhr immer besonders vorsichtig und verantwortungsbewusst. Damals hatte er mir gesagt, er wolle 2009 in Rente gehen. Das hat er dann doch noch nicht getan, und jetzt ist ihm zum ersten Mal in seiner Karriere das passiert, was man keinem Autofahrer wünscht, dem Kind und den Eltern natürlich auch nicht.
Als ich Martin am Nachmittag anrufe, sind sie immer noch auf der Polizeiwache von Iringa, wollen aber noch am selben Tag weiterfahren. Der nächste Anruf am Abend ergibt, dass er nun doch in Iringa übernachtet, während Romuald ins Gefängnis gesteckt wurde. In der Zwischenzeit organisiert P.Fidelis hier in Peramiho die Hilfe: P.Laurenti und ein Ersatzfahrer fahren nach Iringa, zwei Mönche werden am Montag an der Beerdigung des Kindes teilnehmen. Beim letzten Telefonat gestern Abend saß Martin schon im Flughafen; er hatte zwischen der Ankunft in Dar es-Salaam und dem Abflug sogar noch Zeit zum Duschen; inzwischen dürfte er in Frankfurt angekommen sein. Gestern Morgen hieß es noch, Romuald müsse bis mindestens Montag im Gefängnis bleiben, P.Laurenti würde sich aber darum kümmern, dass er wenigstens etwas zu essen bekomme (!). Aber bis gestern Abend ist es Laurenti dann doch gelungen, ihn freizubekommen.
Das Foto zeigt eine typische, unübersichtliche Verkehrssituation; ich bin mir sicher, dass Romuald keine Schuld trifft.

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Eine Antwort to “Wenn ein Kind plötzlich vors Auto läuft”

  1. Preise « Ein Mescheder in Tansania Says:

    […] von links.“ Er meint natürlich den Unfall, als er Martin zum Flughafen bringen sollte, siehe den entsprechenden Artikel vom Februar. Ich sage: „Martin hat mir sofort gesagt, dass du keine Schuld hattest.“ Er: „Das hat sogar […]

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