Wieder dort

„Stimmt es, dass du der mgeni rasmi bei der Abiturfeier bist ?“, fragt die deutsche Verwalterin der Schule mich skeptisch. „Ja, das stimmt, ich soll P.Fidelis vertreten,“ sage ich. „Ach, der war doch auch schon nur der Ersatzmann für jemand anders“, meint sie. Die Rolle des mgeni rasmi, auf Deutsch „Offizieller Gast“ oder „Ehrengast“, wird normalerweise von irgendeinem „Hohen Tier“ aus der Schulbehörde ausgefüllt, aber durch die beiden Absagen war sie nun mir zugefallen. Eine Feier ohne mgeni rasmi hier wäre ungefähr wie Weihnachten ohne Baum in Deutschland – er gehört einfach dazu.
Am Mittwoch bin ich in Peramiho angekommen, am Samstag war ich schon Ehrengast an der Schule, wo ich vor vier Jahren Physik unterrichtet hatte. Die Feier hätte laut Programm acht Stunden dauern sollen, in Wirklichkeit waren es dann genau neun, Beginn mit dem Tee im Lehrerzimmer um 8:30 Uhr und der anschließenden Messe, Ende mit den Worten der Schulleiterin „Ich erkläre die Feier für geschlossen“ um 17:30 Uhr. Meine Aufgabe war es, neben der Schulleiterin in die Aula einzuziehen, am Tisch in der ersten Reihe in der Mitte zu sitzen und den Schülerinnen ihre Abschlussurkunden zu überreichen. Das Programm bestand aus Tänzen, Sketchen und Reden. Die Vertreterin der Elternschaft sprach über das Vierte Gebot („Du sollst Vater und Mutter ehren“), und schrie dabei so in das Mikrophon, dass ständig Rückkopplungen auftraten. Ständig kam das Wort „Teufel“ vor, und offensichtlich beschwerte sie sich über den Ungehorsam der Jugend von heute. Die Schulmanagerin sprach, der Vertreter des Fördervereins und zwei Schülerinnen. Die haben in ihrer Rede insgesamt neunmal den „verehrten mgeni rasmi“ und noch ein weiteres Mal den „Genossen mgeni rasmi“ angesprochen, jedes Mal mit einer Verbeugung verbunden. Auch das gehört zu der festgelegten Form einer solchen Feier, genau wie das feierliche Anschneiden des Kuchens (wobei die Schulleiterin, die Managerin, zwei Schülerinnen und ich gemeinsam das Messer führen mussten) und die Champagnerflasche. Nachdem ein großer Teil des Champagners bereits auf die Tischdecke, mein Gewand und meine Kamera geflossen war, kam der Rest in die Gläser der ersten Tischreihe. Obwohl mein Glas noch halb mit Cola gefüllt war, schüttete Herr Isaak – der auch vor vier Jahren schon für den Champagner zuständig war – den Champagner einfach dazu.
Zum Schluss lädt Herr Ngonyani – der auch vor vier Jahren schon den Conferencier gemacht hat – mich ein, meine Rede zu halten. Ich sage den Schülerinnen, sie sollten bereit sein, weiterhin zu lernen, und ihr Wissen nicht nur für sich, sondern auch für ihr Land einsetzen. Die amerikanische Managerin der Schule, die wie (fast) alle Amerikaner keine Begabung für Fremdsprachen hat, macht eine anerkennende Bemerkung über mein Suaheli. Da gestehe ich ihr dann doch, dass ich dieselbe Rede vor vier Jahren schon einmal vor einem Schüler-Club zur Verabschiedung der damaligen Abiturientinnen gehalten habe. Damals hatte ausgerechnet Herr Ngonyani die Rede korrekturgelesen, aber außer ihm war damals sicherlich kaum jemand dabei, der dieses Mal auch da war. Ich muss ihn mal fragen, ob er es gemerkt hat. Spaß hat es jedenfalls gemacht, nur fürchterlich müde war ich am Schluss.

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