„Spanisch machen“

Der Anrufer sagt, „Ich will mich spanisch machen“. Den Ausdruck habe ich noch nie gehört, aber die Sache ist mir gut bekannt. Da er schon dazu ansetzt, mir seine ganze Familiengeschichte zu erzählen, unterbreche ich ihn schnell: „Alle Urkunden befinden sich im Archiv der Pfarrei. Bitte rufen Sie dort an, 8303958.“ Es geht mal wieder um den Erwerb der spanischen Staatsbürgerschaft. Dazu benötigt man ein spanisches Großelternteil.
Letzte Woche sagte mir unsere Köchin ganz begeistert: „Mein Urgroßvater ist im Bischofshaus aufgetaucht.“ Nach langer Suche war endlich die Heiratsurkunde von 1882 im bischöflichen Archiv gefunden worden. Und die bezeugt klar, dass der längst verstobene Herr in Granada in Spanien geboren wurde. Ich verstehe nicht ganz und frage nach: „Aber Sie sind doch schon Spanierin. Wozu brauchen Sie noch weitere Urkunden ?“ Sie: „Ich bin Spanierin durch meinen Großvater väterlichseits. Aber meine Mutter will auch Spanierin werden. Und dafür braucht sie halt ihren Großvater.“ Die 84-jährige Mutter braucht die spanische Staatsbürgerschaft, um ihre Schwester in den USA besuchen zu können. Die Ausreise aus Kuba stellt kein großes Problem dar, ein Visum für die USA bekommen Kubaner aber höchstens nach jahrelanger Wartezeit. Mit einem spanischen Pass können sie natürlich ohne Probleme in die USA reisen. Und die kleine Zusatzrente, die Spanien zahlen wird, ist hier auf Kuba auch eine große Hilfe. Ich gönne es der alten Dame von Herzen, aber etwas komisch kommt es mir schon vor. Der Urgroßvater ist also als junger Mann von Spanien nach Kuba ausgewandert und hat 1882 hier eine Kubanerin geheiratet. Damals war Kuba noch spanische Kolonie, und es gab noch die Sklaverei. 1895 bis 98 haben die Kubaner dann heftig um ihre Unabhängigkeit von Spanien gekämpft. Fast hätte ich geschrieben: „Und heute werfen die Spanier ihre Staatsbürgerschaft ausgerechnet denen hinterher, die sich damals unbedingt von ihnen befreien wollten !“ Aber ganz so erwünscht scheinen die Neubürger denn doch nicht zu sein. Bevor man sich nämlich „Spanisch machen“ kann, braucht man einen Termin in der Konsularabteilung der spanischen Botschaft. Und den muss man sich über das Internet besorgen. Aber als Kubaner kommt man nicht so einfach an einen Internetzugang. Es sei denn, man kennt einen Ausländer – wie zum Beispiel mich – der einen hat. Heute Mittag saß ich also gemeinsam mit unserer Köchin vor meinem Computer. Name, Telefonnummer, E-Mail-Adresse eingeben, auf „Weiter“ klicken, und schon kommt die Botschaft: „Zur Zeit sind keine Termine frei. Bitte versuchen Sie es später noch einmal“. Wenn Spanien seine eigenen Staatsbürgerinnen (unsere Köchin ist ja bereits Spanierin !) so behandelt, dann bin ich doch froh, dass ich kein Spanier bin.

Eine Antwort to “„Spanisch machen“”

  1. Wir bleiben unserer Geschichte treu « Ein Mescheder auf Kuba Says:

    […] ins Jahr 1936 und dann noch tiefer in die Vergangenheit, bis ins Jahr 1854. Vor einiger Zeit habe ich geschrieben, dass die 84-jährige Mutter unserer Köchin die spanische Staatsbürgerschaft erwerben möchte. […]

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