Persistencia, Paciencia, Prudencia

Kubaner, die bei uns anrufen, erzählen normalerweise ihre ganze Familiengeschichte. Ich unterbreche meistens im zweiten Satz: „Wenn Sie ihr Kind taufen lassen wollen, rufen Sie bitte bei unserer Pfarrei an, die Nummer ist 830 3958.“ Für meinen erneuten Besuch bei der staatlichen Telefongesellschaft vorgestern hatte ich mir überlegt, mal auf die kubanische Weise vorzugehen: „Wir sind eine Gemeinschaft der katholischen Kirche, wir sind seit anderthalb Jahren auf Kuba …“ Die Angestellte unterbricht mich im zweiten Satz: „Wenn Sie von der Kirche sind, müssen Sie den Internet-Anschluss über das Büro für Religiöse Angelegenheiten beantragen.“ Ich lasse mich nicht aus der Ruhe bringen, und als ich meine komplette Geschichte erzählt habe, lässt sie mich erst einmal für einige Minuten in ihrem Büro allein. Dann kommt sie mit drei Akten zurück, durchsucht die jeweiligen Inhaltsverzeichnisse und sagt mir dann, dass mein Antrag (siehe den Artikel „Internet-Probleme“) nicht unter den genehmigten Anträgen sei. Persistencia, Beharrlichkeit, ist das erste der drei „P“, die Raulito, unser Kontaktmann zum Kardinal, mir ans Herz gelegt hat. Ob sie denn wisse, ob meine Antrag nicht vielleicht verloren gegangen sei, frage ich, und mit wem ich noch sprechen könne. Mit der Chefin, bietet sie freundlich an, und sucht dann ihre Chefin im Obergeschoss. Nach einiger Zeit kommt eine andere Angestellte und sagt mir, die Chefin sei leider gerade in einer Besprechung, aber ich könne gerne morgen oder übermorgen wiederkommen. Paciencia, Geduld, ist das zweite der „P“s von Raulito. Sie nimmt nochmals meinen Antrag auf, ich schreibe unten auf das Blatt, dass ich nicht wisse, ob mein Antrag von September verloren sei.
Verschiedene Kubaner hatten schon von illegalen Möglichkeiten, an einen Anschluss zu kommen, geraunt, aber da haben wir uns doch lieber an das dritte „P“ von Raulito gehalten: Prudencia, Vorsicht.
Gestern Abend schellt mein Telefon: Ich könne vorbeikommen, um den Vertrag für den Internet-Anschluss zu unterschreiben. Was hat das Wunder nach anderthalb Jahren Wartezeit bewirkt ? Schlechtes Gewissen, weil mein Antrag wirklich verloren gegangen ist ? Oder war „Chefin“ das Zauberwort ? Oder hatte die Angestellte gestern Morgen die Zeitung aufgeschlagen und sich angesichts der Titelgeschichte – Einweihung des neuen Priesterseminars durch den Kardinal in Anwesenheit von Präsident Raul Castro – daran erinnert, dass ich was von „Kirche“ gesagt hatte ?
Heute Morgen jedenfalls war ich zum siebten Mal dort, und jetzt blogge ich zum ersten Mal von meinem kubanischen Schreibtisch aus.
Der Junge auf dem Foto (Uferstraße des Stadtzentrums, vor zwei Wochen) hat nichts mit dem Thema zu tun, er drückt nur meine derzeitige Stimmung aus.

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