Minister

Die aufmerksame Leserin und der aufmerksame Leser haben schon gemerkt, dass ich bisher nur von den ersten vier Tagen in Agbang berichtet habe: Montag, 2.8., Besuch bei den Häuptlingen der Umgebung, Mittwoch, 4.8., Wahl des neuen Priors, Donnerstag, 5.8., Konzert. Der Jubiläumstag, der 6.8., der eigentliche Anlass meiner Reise, brachte einen Festgottesdienst und ein Festessen, aber nur der Abend war interessant genug, um etwas ins Notebook zu tippen:

„Um Viertel nach 6 fahren wir,“ sagt Père Bernard, der neue Prior, zu mir. Um Viertel vor 7 schallt dann wirklich seine Stimme über den Flur: „Frère Robert !“ Er rennt mit mir über den dunklen und unebenen Platz zum Kleinbus. Der Erzabt hat mir inzwischen verraten, dass wir bei einem Minister eingeladen sind, und den sollte man vielleicht besser nicht warten lassen. Wir – das sind der alte und der neue Prior, ein Priester des Bistums, dessen gewichtiges Auftreten seinem Körpergewicht entspricht, der Erzabt, die Sängerin Finiki und ich.
Als wir die Bezirksstadt Kara erreicht haben, telefoniert der gewichtige Priester mit „Monsieur le ministre“, und kurz danach halten wir vor einem Haus, das sich hinter einer hohen Mauer versteckt. Der Erzabt, der (im Gegensatz zu mir) perfekt Französisch versteht, erklärt mir, dass wir vor dem Besuch beim Minister erst noch einen ehemaligen Minister besuchen, der jetzt Chef der landesweiten Sozialversicherung ist. Der vielleicht 50-jährige Ex-Minister empfängt uns in seinem fürchterlich kahlen Wohnzimmer, das nur eine Sitzgruppe mit gemütlichen Sesseln, einen Esstisch mit ein paar Stühlen und einen riesigen LCD-Fernseher enthält. Finiki setzt sich abseits an den Esstisch und verlässt nach kurzer Zeit den Raum. „Sie verträgt die Klimaanlage nicht“, meint einer der Anwesenden. Der Hausherr bringt eine Flasche Champagner, nach einiger Zeit kommt ein älterer Herr, der für den Hausdiener eigentlich etwas zu würdig aussieht, mit einem Tablett ausgesuchter Fleischstücke herein. Kurz darauf kommt der wirkliche Hausdiener: „Elle vomit“ (Sie übergibt sich). Der alte und der neue Prior eilen in den Vorgarten, um unserem Star beizustehen. Der erste „Hausdiener“ hat sich inzwischen als der Regionalchef der Sozialversicherung herausgestellt. Auf die Frage, ob man jetzt essen solle oder gleich zum Minister fahren, meint unser Gastgeber mit Wichtigkeit in der Stimme, er könne ja mal eben den Minister anrufen. Es braucht etwas, bis der Anruf klappt, dann wird sofort das unberührte Tablett vom Tisch genommen, man drückt uns zwei Salatplatten unter Klarsichtfolie in die Hand und schnell geht es zum Auto, wo Finiki elend auf der Rückbank sitzt. Der Ex-Minister und sein Regionalchef kommen im eigenen Auto nach.
An der Einfahrt zum Minister-Grundstück kommt ein Soldat auf uns zu. „Der Minister erwartet uns,“ sagt P.Boniface. Während sich langsam das Tor öffnet, meint er, „Wir steigen hier aus.“ Der Erzabt tut es und der Soldat läuft wütend auf ihn zu: „Steigen Sie wieder ein, wieder einsteigen, sofort !“ Er wirkt völlig überfordert mit der Situation, dass jemand schon vor dem Tor aussteigt, aber Boniface erklärt ihm ruhig: „Das Auto fährt noch woanders hin.“ Wir gehen zu Fuß durch das Eingangstor, das Auto bringt Finiki nach Hause, Boniface begleitet sie. Auf der anderen Seite der Mauer Musik und eine Gruppe von jungen, gerade initiierten Männern, die zum selben eintönigen Rhythmus denselben Tanz tanzen, den wir schon gestern gesehen haben. Von dem gepflasterten Platz, auf dem sie tanzen, geht eine steile Treppe zum Haus, das schroff wie eine mittelalterliche Burg den Platz überragt, aber in kargem, modernem Stil gehalten ist. Die Haustür führt direkt ins Wohnzimmer, in dem eine riesige Polstergarnitur (Erzabt: „Dubaier Barock“) und der LCD-Fernseher den Reichtum des Besitzers verkünden. An den Wänden stehen Bilder (Ich meine später zum Erzabt, wir sollten als Entwicklungshilfe mal Nägel nach Togo schicken, und er versteht sofort: „Um die Bilder aufzuhängen ?“), eines zeigt den Hausherrn beim Kniefall vor Johannes Paul II., ein anderes beim Händeschütteln mit Benedikt XVI.
Nachdem man einige Zeit gesessen hat, fragt der Erzabt nach den Tänzern vor der Tür (siehe Foto). „Die sind extra für euch da,“ sagt der. „Dann sollten wir uns die doch mal ansehen,“ meint der Erzabt. Der Minister hält eine kurze Ansprache auf Kabiyé, von der ich aber die Namen „Agbang“, „P.Boniface“ und „P.Bernard“ verstehe und auch „25 Jahre“, weil er das auf Französisch sagt. Dann gehen die Tänzer nach Hause, wir tun uns am anspruchslosen Buffet gütlich und versuchen herauszufinden, welche beiden Fußballmannschaften auf dem LCD-Schirm gegeneinander spielen. Der Erzabt bemüht sich tapfer, die Konversation in Gang zu bringen, aber wegen des laufenden Fernsehers, der durch die riesigen Möbel bedingten Entfernungen und des Halbschlafes, in den die erschöpften Mönche von Agbang inzwischen verfallen sind (nur P.Boniface, der noch eingetroffen ist, wirkt hellwach), gelingt das nicht so recht.
Finiki hatte übrigens Malaria, wie ich erst später erfahren. Sie hatte schon am Nachmittag Chinin erhalten, das älteste und stärkste Malariamedikament, das man eigentlich nur noch einsetzt, wenn nichts anderes mehr hilft. Bei meiner Abreise hat sie mir ihre DVD geschenkt, seitdem gehöre ich zu ihren Fans.
Erst nachher erfahre ich, dass auch der „Minister“ aus diesem Artikel nur ein ehemaliger Minister ist, allerdings einer, der nach wie vor zum Beraterstab des Präsidenten gehört. Beide stammen aus demselben Dorf wie Boniface, der sie deshalb mit „Grand-frère“ anredet, „Großer Bruder“.

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