Andere Sitten, andere Kinder

Als ich aus dem Kloster von Agbang herausgehe, passe ich nicht richtig auf. Ich merke erst, was los ist, als die Tasche mit meiner Kamera meine Schulter schon fast verlassen hat. Der Fünftklässler, der sie sich mit einem strahlenden Lächeln über die eigene Schulter hängt, stellt sich als Jean-Marie Vianney vor. Ich hatte ihn vor einer Stunde fotografiert, sonst ist er mir noch nicht begegnet. Dass Jüngere einem immer die Lasten abnehmen, bin ich schon aus Tansania gewohnt, aber irgendetwas stimmt hier nicht. In den nächsten Tagen finde ich heraus, was hier nicht stimmt: Ein Mönch neigt sich zu einem Kleinkind runter, das auf dem Boden sitzt, ein anderer fährt einem Kind auf dem Arm seiner Mutter freundlich über das Haar, ein Junge kommt nach dem Essen an unseren Tisch und unterhält sich mit P.Boniface: Lauter Szenen, die in Deutschland völlig normal wären, die ich aber aus Tansania gar nicht kenne. In Tansania beachten Erwachsene die Kinder viel weniger als in Deutschland, und die Kinder sind entsprechend viel scheuer. Aber hier in Togo, beim Volk der Kabiyé, wirken die Kinder fast „deutsch“.
Das Foto zeigt die Zuschauer bei dem schon erwähnten Konzert. Man hatte mir – einem der beiden einzigen Gäste aus Europa – einen Platz in der ersten Reihe freigehalten, vor den Häuptlingen. Ein Stuhl blieb frei, und schon saß mein junger Begleiter darauf (der schwarze Gurt auf seiner Brust gehört zu meiner Kameratasche). Später kam dann noch eine Schwester und reklamierte den Stuhl für sich. Jean-Marie organisierte sich einen weiteren Stuhl und stellte ihn in den Gang auf meiner anderen Seite. So dreist war ich in dem Alter nicht.

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