Initiation

Wahrscheinlich hat jedes Volk seine Riten für die Übergangszeit vom Kind zum Erwachsenen. Starke Emotionen (Angst, Schmerz, Gewalt, Lust) sind bei unserer Firmung oder Konfirmation eher nicht zu erwarten, bei Abitur oder Führerscheinprüfung wird immerhin Angst geboten.
Bei vielen Völkern Afrikas werden die Jugendlichen durch die traditionelle Initiation zum Erwachsenen, bei der ihnen ein charakteristisches Muster in die Backen geschnitten wird, dessen Narben sie ihr ganzes Leben lang als Angehörige ihres Volkes ausweisen. Für Schmerz ist also gesorgt, bei manchen Völkern kommt die Beschneidung hinzu. Wer nicht initiiert worden ist, bleibt in den Augen seiner Mitmenschen sein Leben lang ein Kind.
Bei den Kabiyé in Togo wird ein Junge durch die Initiation zum Krieger und darf an den Beratungen der Erwachsenen teilnehmen. Vor der Initiation, die nur alle fünf Jahre stattfindet (die nächsten Gruppen werden also erst 2015 initiiert), müssen die Jungen 3 Jahre lang den traditionellen Ringkampf praktizieren. Manche, so auch unser Br.Martin, betreiben ihn anschließend als Sport, für den es sogar internationale Wettkämpfe in verschiedenen Staaten Westafrikas gibt, weiter (Ein – vermutlich etwas konservativer – Mönch in Agbang sagte mir, dass Martin damit gegen die Tradition verstoßen hat.)
Bei den Kabiyé werden auch die Mädchen initiiert, auch die Frauen tragen die Narben in ihrem Gesicht. Meine Nachbarin im Bus nach Lomé, eine junge Holländerin, die an einem Projekt in einem Dorf mitgearbeitet hat, erzählte mir davon: „Die Mädchen tanzen nackt.“ Ich frage: „Ganz nackt ?“ – „Ja, und alle schauen zu.“ – „Auch die Männer ?“ – „Ja.“ Ich werde neidisch. „Aber es war ausdrücklich verboten, Fotos zu machen.“
Die Kirche hatte lange Zeit Probleme mit der Initiation. Abt Siegfried von Ndanda (in Tansania) hat mir erzählt, wie die Missionare dort gemeinsam mit den tradtionellen Autoritäten an einer Form der Initiation gearbeitet haben, die mit christlichen Vorstellungen vereinbar war. Als junger Dorfpfarrer war er vor 40 Jahren der erste Priester, der in seinem Dorf an der Zeremonie teilnahm. Zwischen zwei Beschneidungen kümmerte er sich um die Desinfektion des Messers. Der Erfolg war durchschlagend, zum ersten Mal erkrankte keiner der Jungen am Wundfieber, und P.Siegfried gehörte mit einem Schlag zu den angesehensten Männern im Dorf.
Allerdings: Das sind alte Geschichten. In weiten Teilen Tansanias stirbt diese Tradition inzwischen aus. In Togo scheint man etwas konservativer zu sein als in Tansania, aber auch da ändern sich die Traditionen. Als ich einen 12-Jährigen frage: „Und – bist du in fünf Jahren dabei ?“, sagt er nur: „Nein.“ In Agbang sind die meisten Mönche, auch die jungen, initiiert worden. P.Bernard ist eine der wenigen Ausnahmen, laut Tradition dürfte er also gar nicht an den Beratungen teilnehmen. Aber daran hat sich niemand gestört, als man ihn zum Prior gewählt hat. Hier auf Kuba haben wir einige Studenten und Studentinnen aus Togo kennen gelernt. Wenn ich sie mit ihren Initiationsnarben sehe, denke ich manchmal, dass diese archaischen Rituale nicht so recht in die Zeit von Auslandsstudium, Handy und Digitalkamera passen. Vermutlich empfinden viele Afrikaner ähnlich. Andererseits denke ich manchmal, dass es dem einen oder anderen pubertierenden deutschen Schüler guttun würde, mal in die Rolle eines Löwen (siehe den vorletzten Artikel) zu schlüpfen.
Das Foto zeigt zwei Ringkämpfer während des Konzerts. Mein ganzer Stolz, endlich den Evala, den Ringkampf, von dem Martin so oft erzählt hatte, gesehen zu haben, schwand dahin, als ich ihm das Foto zeigte: „Die machen doch nur Show. Niemand würde ernsthaft in Plastiklatschen ringen,“ sagte er.

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