Warum hat mir keiner gesagt, dass Löwen gefährlich sind ?

Am Abend des Wahltages kommt Finiki. Pater Bernard, der frisch gewählte Prior, sagt mit einem Leuchten in seinen Augen, das gar nicht so recht zu seinem zurückhaltenden Wesen passen will, „Die ist aus meinem Dorf.“ Finiki lässt wohl jedes Männer-Herz im Kabiyé-Volk höher schlagen – sie ist eine bekannnte Sängerin. Er kündigt das Konzert für 10 Uhr am folgenden Tag an. Erzabt Jeremias kommentiert: „Na, gehen wir mal um 11 Uhr hin, vorher ist sicher keiner da.“ Beim Mittagessen sagt Prior Bernard, „Das Konzert beginnt um halb Drei“. Als ich gegen halb Vier an der Schule ankomme, wo das Konzert stattfinden soll, wird meine Aufmerksamkeit sofort von einer Gruppe junger Männer, die gerade ihre Initiation vollzogen haben, angezogen. Sie tanzen; ich hole gleich die Kamera heraus. Nach den ersten Fotos sagt mir ein älterer Mann, „Das ist nicht gut, du musst erst zahlen, bevor du fotografierst.“
Ich kenne ähnliche Situationen aus Peramiho (Tansania), da hat immer ein freundlicher Scherz ausgereicht, um die Situation zu entspannen. Außerdem bin ich Gast des Klosters, auf dessen Gelände wir uns befinden. Aber diesmal klappt das mit dem Entspannen nicht, die Stimmung kippt, die Situation wird heikel. Zum Glück ist Br.Eugène in der Nähe; ich gebe ihm ein Zeichen, dass ich ihn dringend brauche. Eugène kommt, spricht mit den Leuten. Auch der Chef-village („Dorf-Häuptling“) kommt dazu. Man diskutiert ein wenig, dann sagt Eugène mir: „Du kannst fotografieren. Der Chef erteilt dir die Erlaubnis. Aber vielleicht willst du dir ja erst einmal die Schule anschauen.“ Ich begreife, dass es wohl besser ist, wenn ich mich erst einmal etwas entferne. Eugène erklärt mir: „Die jungen Männer sind Löwen. Die haben besondere Rechte. Wenn zum Beispiel jemand unangemeldet ihr Elternhaus besucht, dann können sie ihn festhalten, bis er ein Lösegeld bezahlt.“ Die Kabiyé sind ein Krieger-Volk, lerne ich.
Als das Konzert dann um halb Fünf wirklich beginnt, treten außer Finiki und drei männlichen Sängern auch die jungen Männer mit ihren Kriegstänzen auf. Viele einheimische Zuschauer (der Erzabt und ich sind die einzigen Gäste aus Übersee) holen ihre Handys oder Kameras heraus, um sie zu fotografieren, auch zwei oder drei professionelle Fotografen sind dabei. Den Chef-village treffe ich am nächsten Tag zufällig wieder. Er begrüßt mich sehr freundlich und bittet mich, ein Foto von ihm zu machen.
Gestern forderte hier in Havanna unser Klempner seinen Lohn für eine notwendige Reparatur, die er während meiner Abwesenheit durchgeführt hatte. Ich holte Cyrille hinzu, und der wies darauf hin, dass niemand von uns diese Reparatur in Auftrag gegeben hatte. Das tat er mit allem Nachdruck, wie es sich für den Angehörigen eines Krieger-Volkes gehört, der in die Rolle eines Löwen geschlüpft ist, als er zum Mann wurde. Der Klempner bot schließlich an, auf seinen Lohn zu verzichten. Ich spielte den Chef-village und sorgte dafür, dass er am Schluss doch zufrieden unser Haus verließ. Reisen bildet.



Eine Antwort to “Warum hat mir keiner gesagt, dass Löwen gefährlich sind ?”

  1. „Mit Schwestern muss man immer Geduld haben“ « Ein Mescheder auf Kuba Says:

    […] sich die Bemerkung nicht verkneifen kann: „Gestern hat man mir gesagt, das Konzert (siehe den Artikel über die „Löwen“) würde um 14 Uhr anfangen, und dabei hat es erst zwei Stunden später angefangen. Das ist nicht in […]

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