Drei Häuptlinge in drei Stunden

Nach drei Reisetagen in Folge (Donnerstag Abend bis Freitag Nachmittag Havanna – Bonn, Samstag Bonn – Lomé, Sonntag Lomé – Agbang) hatte ich für Montag, 2.August, mit einem ruhigen Tag gerechnet. Bis 16 Uhr passierte auch nichts, dann nahmen die Brüder Réné, Eugène und Blaise Erzabt Jeremias und mich zu einem Ausflug mit. Zuerst ging es zu einem „Chef-Quartier“. Der erwartete uns ins seiner Rundhütte, wo er hinter einem breiten Tisch allein auf einem Plastikstuhl saß. Das Amt des traditionellen Häuptlings ist in Tansania gleich nach der Unabhängigkeit von der sozialistischen Regierung Nyerere abgeschafft worden, in Togo dagegen wird die Rolle der Häuptlinge von Staat garantiert. Der Chef-Quartier erzählt uns mehr: Über ihm steht der Chef-Village („Dorf-Häuptling“), darüber der Chef-Canton. Die Chefs sind für Hochzeiten zuständig, für die Initiationsfeiern und für alle kleineren Streitereien oder Vergehen. Als Beispiele nennt er Streit um Land, Streit um Frauen, Anklagen wegen Zauberei oder Diebstahl. Wenn aber Blut geflossen ist, dann ist die Gendarmerie zuständig. Ob das Amt erblich sei oder ob die Chefs gewählt würden, will der Erzabt wissen. „Das Amt wird auf Lebenszeit vergeben.“ (Das galt wohl auch für den vorigen Staatschef: Der war von 1967 bis zu seinem Tode 2005 im Amt) „Wenn es Probleme gibt, kann man ihn allerdings absetzen“ (Mit dem vorigen Staatschef gab es Probleme, aber das mit dem Absetzen hat nicht geklappt.) „Der Chef wird gewählt“ (Der Staatschef kam 1967 durch Militärputsch an die Macht.) „Das Amt ist nicht erblich, ein Chef wird gewählt.“ (Der jetzige Staatschef ist der Sohn des vorigen – die Parallelen zwischen Staats- und Dorfchef sind also begrenzt).
Da der Chef bisher von seinem Sitz nicht aufgestanden ist, auch nicht zur Begrüßung, bin ich doch überrascht, als er uns bis zum Auto begleitet. Auf der Fahrt frage ich Br.Eugène, welcher Religion das „Quartier“ angehört, das wir gerade besucht haben. „Unterschiedlich. Der Chef gehört zu den Assemblies de Dieu, ebenso der Chef-Canton (einer auch in Tansania bekannten christlichen Sekte). Aber der Chef-Village ist ein Charlatan.“ „Was heißt das ?,“ fragt der Erzabt. „Er heilt und steht in Kontakt mit den Geistern, man sagt auch Marabou zu solchen Leuten. Auch der Chef, zu dem wir jetzt unterwegs sind, heilt, vor allem seelische Krankheiten. Er hat sogar Patienten aus Lomé.“
Die Bewohner des nächsten Quartiers gehören zum Volk der Peuhl (sprich „Pöhl“), einem Nomaden-Volk, das in vielen Ländern Westafrikas anzutreffen ist. Der Chef kommt uns entgegen, erteilt seine Anordnungen, dann werden die Stühle für uns auf den Platz unter dem großen Baum vor der Ansiedlung getragen. Gerne hätte ich ihn in seinem farbenprächtigen Chefsgewand fotografiert. Aber als Br.Eugène meine Frage übersetzt, ob ich fotografieren darf, sagt er: „Da ziehe ich aber mein Festgewand an.“ Das ist zwar eindrucksvoll und sicher viel teurer als das andere, aber das andere hätte sich auf dem Foto besser gemacht.
„Wie viele Söhne hat er ?“, fragt der Erzabt. Br.Eugène übersetzt. Der Chef fragt seine älteren Söhne, die im Hintergrund stehen. Die gehen in den Hof, um die fünf Frauen des Chefs zu fragen. Schließlich kommt die Antwort: 14, die noch leben. Viele sind gestorben. Über die Anzahl der Töchter erhalten wir keine Auskunft, aber die Frauen verlassen den inneren Bereich der Ansiedlung auch gar nicht.
Zum Abschied drückt einer der jüngeren Söhne (der in Agbang auf die Schule des Klosters geht) dem Erzabt ein lebendes Huhn in die Hand, das in Agbang in den Kochtopf wandern wird. Auch das ist ein Unterschied zu Tansania: Dort gibt es eine starke Erwartungshaltung, dass der Gast aus Europa etwas gibt. Und wenn man dem Europäer etwas schenkt, dann macht man dort sehr deutlich, dass man ein größeres Gegengeschenk erwartet („Diese Hemden sind der Dank für die Gottesdienste, die du zwei Monate lang bei uns sonntags gehalten hast. Du erinnerst dich doch, dass wir einen Strom-Generator für die Kirche brauchen ?“)
Es geht zurück zum Kloster, um 18:15 ist Messe. Prior Boniface, der Gründer des Klosters Agbang, hat zum 25-jährigen Jubiläum seinen Rücktritt angekündigt. Für übermorgen ist die Wahl seines Nachfolgers angesetzt. Seine völlig frei gesprochene Predigt klingt wie ein Vermächtnis. Man könnte eine Stecknadel fallen hören, so still ist es in der Kirche: „Auch eine Gemeinschaft hat das Recht auf ihre Intimität. Sollen wir daher sagen, wir sorgen für uns selbst ? Oder sollen wir unserem Volk dienen, das sein Elend herausschreit (qui crie sa misère) ?“
Erzabt Jeremias hatte die Pause, als der Vater der 14 lebenden Söhne sich umzog, genutzt, um die Brüder zu fragen, wie er denn in seiner Predigt am Jubiläumstag den Leuten vermitteln könne, dass der „Häuptling“ des Klosters zurücktritt und nicht wie seine „Kollegen“ im Chef-Amt bis zum Tode an seinem Posten klebt. In der Kirche ist das anders, er setzt ein Zeichen, dass es auch anders geht, lautet die Antwort. „Das verstehen die Leute ?“, fragt der Erzabt nach. „Ja, das verstehen sie.“ Die Antwort kommt voller Überzeugung. Offensichtlich kommt es heute auch in Togo nicht mehr so gut an, wenn ein und dieselbe Person über Jahrzehnte im Amt bleibt.

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