„Das erste Haus auf der Linie“

Freitag habe ich Teresa besucht, unsere kranke Köchin. Am Telefon hatte sie mir die Adresse gegeben: „Straße Lombillo, zwischen den Querstraßen Vistremoza und Mariano, ganz einfach zu finden, im Obergeschoss, das erste Haus auf der Linie“. Weil ich keine Ahnung habe, wo Lombillo ist, nehme ich das Taxi. Ob ich Franzose bin, fragt der Fahrer. Aha, Deutscher, was ich hier machen würde. Ach, für die Kirche arbeiten ? Die Kirche hat das ja sehr gut gemacht mit den Gefangenen, sagt er. Gemeint ist die erfolgreiche Vermittlung unseres Kardinals und des spanischen Außenministers mit dem Ergebnis der Freilassung von Gefangenen. Die kommunistische Zeitung „Granma“ brachte letzte Woche auf der Titelseite das Foto des Staatspräsidenten Raúl Castro mit Kardinal und Außenminister und auf Seite 2 die Presseerklärung des Kardinals.
Im Zielgebiet angekommen, frage ich den ersten Passanten nach Teresa Sanchez. Der ist nicht aus der Gegend, ich frage den nächsten. Der fragt für mich den dritten. Der wiederum nimmt mich mit zu einer älteren Dame, deren Haustür nach kubanischer Sitte weit offen steht (in den meisten Häusern führen die Haustüren direkt zum Wohnzimmer, meistens befindet sich noch ein Gitter vor der offenen Tür, das ungebetene Gäste abhält). „Teresa Sanchez ? Nie gehört.“ Mein freundlicher Helfer führt mich zu einem Haus auf der anderen Straßenseite, da wiederholt sich das Spiel. „Aber ich bin sicher, dass sie hier wohnt. Das erste Haus auf der Linie,“ sage ich, obwohl ich immer noch nicht verstanden habe, was damit gemeint sein soll. Das Gesicht meines Begleiters hellt sich auf, er führt mich zehn Meter weiter und dann sehe auch ich, dass ich besser auf den Boden geschaut hätte, statt nach einem Obergeschoss zu suchen: Alte Gleise einer Eisenbahn-Linie ! Und zwanzig Meter abseits der Straße steht ein Haus auf den Schienen. Mein Begleiter – freundlich und hilfsbereit wie fast alle Kubaner – hat keinerlei Zeichen von Ungeduld erkennen lassen. Dass Teresa in ihrer Straße so wenig bekannt ist, mag daran liegen, dass Kubaner fast nie die Nachnamen benutzen und auch die Vornamen erstaunlich oft nicht kennen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: