Taxi und Heller

Das Taxi rumpelt durch die Außenbezirke von Havanna, der Fahrer muss dreimal Passanten nach der Straße fragen, weil es keine Straßennamen oder -nummern gibt. Allerdings gibt es Hausnummern, die Nummer unseres Ziels ist etwas höher als 18 000. Unsere Gastgeberin übersetzt deutsche Gedichte, Heine, Rilke, Lasker-Schüler und wollte gerne mal einen der wenigen Deutschen in Havanna kennen lernen. Zum Mittagessen legt sie eine deutsche CD ein. Ich erkenne die Stimme sofort: „Reinhard Mey !“ – „Nein, André Heller.“ Sie spricht weiter von Heller, ich höre nicht so genau hin (Das Truthahn-Hack ist zwar schlicht, aber sehr lecker). Erst als sie von ihrem Aufenthalt in seinem Ferienhaus am Gardasee erzählt, wache ich auf: „Sie kennen ihn persönlich ?“ – „Ja, ich bin doch seine Übersetzerin.“ In diesem hintersten Winkel Havannas hatte ich wirklich nicht erwartet, jemanden zu treffen, der mal eben schnell den WM-Künstler in seinem Ferienhaus besucht. Nachher zeigt sie noch Fotos von ihren Besuchen in Berlin, Wien, Dresden, Leipzig und Mülheim an der Ruhr.
Auf der Rückfahrt habe ich mit einem Anfall von „Nostalgia“ (Heimweh) zu kämpfen, das durch den Sturzregen, der alle Farben und Formen Havannas abwischt und nur das Grau des Asphalts, das Grau des Himmels und das Grau der Mauern mit einzelnen blauen Flecken übrig lässt, auch nicht besser wird. Mitten auf einer überschwemmten, menschenleeren Kreuzung bleibt der Wagen stehen und springt nicht wieder an. Offensichtlich hat das Wasser, das bis an die Trittbretter reicht, den alten Lada lahmgelegt. Weit und breit ist niemand in Sicht außer einem Mädchen, das sich am Fenster zeigt. „Mädchen, läuft das Wasser hier schnell ab ?“, schreit der Fahrer ihr zu. Sie versteht ihn offensichtlich nicht. Langsam nähert sich ein zweirädriger Pferdewagen. Nur das schwarze Gesicht des Kutschers lugt aus seinem gelben Ölzeug hervor (Warum habe ich jetzt nicht meine Kamera dabei, und warum ist ausgerechnet jetzt der Akku meines Foto-Handys leer ?). Der Fahrer bittet ihn, etwas aus dem Kofferraum zu holen (ein Blick auf seine blitzblanken, weißen Schuhe verrät mir, warum er nicht selbst aussteigen will). Der Kutscher watet zu uns, nimmt die Autoschlüssel entgegen, öffnet den Kofferraum, findet aber das Gesuchte (ich habe nicht genau verstanden, was) nicht. Ich kremple schon mal meine Hosenbeine hoch, um beim Schieben zu helfen, da bringt der Kutscher das Auto leicht zum Schwingen, der Fahrer dreht zum sechsten Mal den Zündschlüssel, und diesmal springt der Motor an.
Vorsätze: Rilke lesen und Akku rechtzeitig aufladen.

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