Abgründe

Am Sonntag habe ich mit den beiden neu angekommenen Brüdern Martin und Cyrille das Castillo de los Tres Reyes del Morro besichtigt, die imposante Festung an der Hafeneinfahrt. Von hier aus haben die Spanier 400 Jahre lang Havanna verteidigt, nur einmal, 1762, konnten die Engländer die Festung und anschließend auch die Stadt erobern.

Als ich das Foto oben machte (unten noch mal ein Ausschnitt aus demselben Foto), habe ich mir leider nicht viele Gedanken um den Mann in der Mitte gemacht. Deshalb habe ich dann auch den Moment verschlafen, in dem er vom Felsen ins Wasser sprang (er hat den Sprung überlebt).


Gestern, am Montag, stand mir das Bild vom Sprung in die Tiefe wieder vor Augen: In unserem Haus haben wir nämlich sehr praktische Schlösser: Man braucht innen nur einen Knopf zu drücken, die Tür zuzuziehen, und schon – hat man sich ausgesperrt. Genau das ist Br.Martin passiert. Allerdings stand sein Fenster offen – im zweiten Stock rechts, siehe Foto unten. Die folgende Aktion war ein Musterbeispiel für die Klischees, die man so von verschiedenen Völkern hat. Martin als Togolese (risikobereit, optimistisch, sportlich) klettert zunächst mit seinen Badelatschen auf dem Dach zwischen Haus und Kirche herum, um das Fenster vielleicht von dort zu erreichen; mir als Deutschem (sicherheitsbewusst, pessimistisch) bleibt dabei fast das Herz stehen. Martin (optimistisch) legt dann die ausfahrbare Leiter an die Wand an, viel zu steil wie ich (sicherheitsbewusst) finde. Auch habe ich (technisch begabt, pessimistisch) natürlich sofort gesehen, dass die Leiter nicht reichen wird. Also hole ich (technisch begabt) meinen Werkzeugkasten, um das Schloss aufzubrechen.
Cyrille als Togolese (technisch noch begabter) zerlegt das Schloss mit dem Werkzeug so geschickt, dass die Aktion kaum Spuren hinterlässt. Martin (risikobereit, sportlich, kreativ) hat in der Zwischenzeit ein Seil so an eine Eisenstange gebunden, dass er sich vom Dach aus hätte zum Fenster abseilen können. „Ich schaffe 10 m in 8 Sekunden,“ sagt er (sportlich, nicht bescheiden) über seine Leistungen im Seilklettern. Ich (sicherheitsbewusst, pessimistisch) bin froh, dass er seine Kunst nicht demonstrieren musste.

P.S. Beim Thema „Klischees“ wandelt man ja über Abgründen. Falls ihr also den Eindruck habt, diese Geschichte hätte die Klischees nur bestätigt, dann habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt.

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