„Mein Alter ? Als die Straße gebaut wurde, habe ich Ziegen gehütet.“

Als ich vorgestern in Hanga einen Hügel hinaufstieg, schob dieser Junge sein Fahrrad neben mir her. „In welche Klasse gehst du ?“ – „Form 1“. Also Sekundarschule, wir würden sagen, 8.Klasse Gymnasium. Weil das Schuljahr im Januar beginnt, frage ich weiter: „Dann ist heute dein erster Schultag auf der Sekundarschule ?“ – „Ja, ich bin auf dem Weg zur Schule.“

In meinem Beitrag von gestern war wohl schon zu merken, dass ich die Begegnung mit P.Gregory ziemlich faszinierend fand. Er hat mir auch erzählt, wie das damals mit der Schule war. Als er mit seinen Freunden zum ersten Mal P.Joseph Damm ankommen sah, haben sie nach einem Versteck gesucht. P.Joseph war nämlich weiß und Weiße waren dafür bekannt, dass sie bei der geringsten Verfehlung gleich „Fünfundzwanzig“ befahlen. Das altmodische Suaheli-Wort dafür, „Hamsa-ishirini“ wiederholt er mehrmals, es muss ihm als Kind wirklich Furcht eingeflößt haben. Ich denke zuerst an eine Geldstrafe, dann fällt mir ein, dass ich davon schon gelesen habe: 25 Hiebe mit der Nilpferdpeitsche. Der Busch war zu dicht, es gab kein Versteck, sie konnten dem Weißen nicht entkommen. P.Joseph hat die verschreckten Kinder nur freundlich angeschaut und „Jambo, watoto“ gesagt, „Hallo, Kinder.“ Von so viel unerwarteter Freundlichkeit waren alle beeindruckt, und 1934 ließ P.Gregory sich von P.Joseph taufen. Wie alt er damals war, frage ich. „Das weiß ich nicht. Als die Straße gebaut wurde, das war 1925, da habe ich schon Ziegen gehütet, ich muss also 1925 ungefähr fünf gewesen sein.“

Später schickte P.Joseph ihn zur Schule nach Peramiho. Einmal im Jahr gab es Ferien, dann ging es nach Hause. Sechs Tage Fußmarsch, natürlich barfuß, das Essen im Gepäck. Ich rechne nach: Er stammt aus der Gegend von Uwemba. Das sind 300 km bis Peramiho. „Und der Raimund ist auch mitgegangen. Da haben viele gesagt, der ist doch viel zu klein. Vielleicht war er zehn, er konnte gar nichts tragen. Aber er hat sich nie beklagt.“ Immerhin: P.Gregory läuft heute noch ohne Stock, weiß auch noch die nützlichen Dinge, die er in der Schule gelernt hat: „Philosophia est scientia omnium rerum per altissimas causas humana ratione acquisita.“ Ihr Lehrer, der spätere Abt Eberhard, war sehr streng, man durfte keinen noch so kleinen Fehler bei der Betonung der lateinischen Wörter machen. Per aspera ad astra, der kleine Raimund wurde später Bischof in Njombe.

Verglichen damit, hat es der Junge auf dem Foto doch besser. Wenn er nicht in der Schule ist, wird er aber vermutlich auch Ziegen hüten müssen.

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