Archive for Oktober 2008

Damit alles seine Ordnung hat

16. Oktober 2008

Gestern bei der Teepause im Lehrerzimmer: Alle unterhalten sich mit ihren Nachbarn oder essen still ihr Brötchen. Ein Foto geht rum. P.Dieter möchte etwas zu diesem Foto sagen. Also wendet er sich an die Schulleiterin. Die wendet sich an den diensthabenden Lehrer: „P.Dieter möchte etwas zu dem Foto sagen.“ Der diensthabende Lehrer schlägt gegen seine Tasse, „Ich bitte um Aufmerksamkeit für P.Dieter.“ Es sind weniger als zwanzig Personen im Raum, aber es ist nunmal die Aufgabe des diensthabenden Lehrers, das Wort zu erteilen. Und wer offiziell für etwas beauftragt worden ist, der soll das auch tun, siehe die Elektriker-Geschichte von vorgestern.

Manchmal sind „die Tansanier“ (Vorsicht: Pauschale Verallgemeinerung) also sehr förmlich, an anderen Stellen können sie ziemlich spontan sein.

Alle reden vom Wetter

15. Oktober 2008

Heute mussten die Schülerinnen von Form 3 (10.Klasse) mal wieder ihren monatlichen Physik-Test schreiben. Lustlos hingen sie über ihren Aufgaben. Auch ich war nicht so ganz fit, ich hatte auf dem Aufgabenzettel eine Frage zweimal gestellt. Wir waren nicht die einzigen, deren Leistungsfähigkeit in diesen Tagen etwas abgenommen hat. Die Butter bei Tisch ist schon seit einigen Tagen durch Margarine ersetzt, weil die Kühe nicht genug Milch geben. Alles das hat nur eine Ursache: In einem guten Monat wird die Regenzeit beginnen, und davor liegt die „heiße Zeit“, das Land ist relativ trocken, die Kühe finden nicht mehr allzu viel Gras, und die Menschen, egal welcher Hautfarbe, fühlen sich schlapp. Also warten wir auf den Beginn der Regenzeit, dann sinken die Temperaturen wieder und auch die Luftfeuchtigkeit.

Das Foto stammt aus der letzten Regenzeit.

Elektriker

14. Oktober 2008

Wenn ich nicht zufällig neulich in Songea Sr. Mkombolewa getroffen hätte, hätte ich mich wahrscheinlich geärgert. So habe ich nur etwas dazugelernt. Aber von vorne:

Sr.Mkombolewa ist die Schulleiterin unserer Nachbarschule in Chipole, 40 km entfernt. Sie hat mir erzählt, dass Chipole seit einem Monat keinen Strom hat. Der einzige Generator ist kaputt. Die Schülerinnen können nach Einbruch der Dunkelheit (und das ist schon kurz vor Sieben der Fall) nicht mehr lernen – das Licht fehlt halt. Ein Grund mehr, mal wieder auf unsere Elektriker hier in Peramiho stolz zu sein. Die Befürchtung mancher alter deutscher Missionare, die Qualität würde nachlassen, wenn die Elektrowerkstatt erst einmal unter afrikanischer Leitung stehen würde, hat sich nicht bewahrheitet. Schon seit über zehn Jahren arbeitet kein deutscher Elektriker mehr in Peramiho, die Meisterin widerlegt als Frau, Afrikanerin und Ordensschwester alle Vorurteile, die man vielleicht mal gegen diese Menschengruppen in Bezug auf Technik gehabt haben könnte.

Letzte Woche sollte ich mich um einen Internetanschluss für das Gästezimmer der Schwestern kümmern. Kein Problem, dachte ich, die Elektrikerin kann ja das Kabel legen, ich muss nur die Einstellungen an dem Gastcomputer entsprechend anpassen. Der Gast kommt, das Kabel ist da, aber die Spezial-Stecker fehlen. Ich schicke ihr also eine SMS: „Bitte bringe die Stecker an.“ Ihre Antwort: „Bitte bitte ihn, dass er die Stecker anbringt.“ Mit „ihn“ meint sie den afrikanischen Mönch, der mir bei Tisch gegenüber sitzt. Seine Antwort: „Sage ihr, dass sie das genauso gut kann wie ich.“

Sie gibt schließlich nach, weil aber ein Fehler im Kabel vorliegt, muss ein neues Kabel gelegt werden, und – das Spielchen wiederholt sich. Sie will die Stecker nicht anbringen, er auch nicht. Soll ich mich jetzt ärgern und die Stecker selbst anbringen oder soll ich mich nur ärgern ? Ich entscheide mich für die dritte Möglichkeit, gehe zu ihr und schaue zu, wie sie die Stecker anbringt, gekonnt und schnell. „Warum wolltest du die Stecker nicht selbst anbringen, du kannst das doch ?“ – „Ich habe das nicht gelernt. Das gehört in den Fachbereich electronics and computers. Er war dafür zwei Jahre zur Fortbildung in Nairobi.“ Aha, ich verstehe, sie hat kein Cheti, keine Urkunde, die ihr bestätigt, dass sie diese spezielle Art von Steckern anschließen kann.

Lieber Leser, liebe Leserin, vielleicht dachtet ihr bisher, wir Deutschen würden die Dinge etwas zu genau nehmen, wir wären unflexibel, kompliziert und sehr auf eine formelle, schriftliche Bestätigung unserer Fähigkeiten fixiert. Die Tansanier übertreffen uns mühelos.

Das Foto zeigt den Netzwerkknotenpunkt („Switch“) auf dem Dachboden der Schwestern (Der übrigens von allen „Speicher“ genannt wird; auch wenn sie Suaheli oder Englisch sprechen, benutzen sie das deutsche Wort).

Dumm gelaufen

13. Oktober 2008

Einen Monat vor dem praktischen Examen in Physik bekommen die Lehrer eine Materialliste mit den Gegenständen, die sie bereit halten müssen. Oben auf der Liste steht in fetter Schrift, dass die Schüler auf keinen Fall über den Inhalt der Liste informiert werden dürfen. Mir als Deutschem erscheint das so logisch und klar, dass ich nicht weiter nachfrage. Die Schülerinnen bitten mich, 8 Tage vor dem Examen ein Experiment mit ihnen zu üben, das vor einigen Jahren in der Prüfung vorgekommen ist. Ich wundere mich ein wenig, dass dieses Experiment genau zu meiner Materialliste passt, und habe schon den Verdacht, dass die Prüfungsaufgaben vorzeitig bekannt geworden sind. Erst am Mittag vor dem Examen erzählt mir mein Vorgänger zufällig, dass natürlich alle Lehrer hier im Land mit ihren Schüler/innen die Experimente üben, die zur Materialliste passen. Er hat das auch so gehalten, damit seine Schülerinnen keinen Nachteil haben. Damit scheint klar, dass meine Schülerinnen die Information von Freunden an einer anderen Schule haben.

Als am Morgen des Examenstages (letzter Freitag) der Umschlag mit den Aufgaben geöffnet wird, ist die zweite Aufgabe genau die, die wir geübt haben. Da gibt es keine Probleme. Aber die erste Aufgabe ist so kompliziert, dass man sie eigentlich nur bewältigen kann, wenn man vorher gemeinsam mit dem Lehrer gemogelt hat. Immerhin: Vier von den 20 Schülerinnen bekommen einen vernünftigen Versuchsaufbau zustande. Alptraum eines Lehrers: Bei einer von ihnen fällt ständig ein Ständer um. Ich würde ihr so gerne sagen, dass sie ihn nur umdrehen muss, aber das geht bei drei fremden Lehrern im Raum halt schlecht.

Das Foto habe ich während des Examens gemacht. An den fünf Tischen auf der rechten Seite wird das erste Experiment bearbeitet, auf der linken Seite (davon sind nur die hinteren beiden Tische sichtbar), arbeitet die andere Hälfte der Schülerinnen gleichzeitig am zweiten. Von den hier abgebildeten Schülerinnen hat keine das schwierige, erste Experiment geschafft. Diesen Donnerstag kommt der theoretische Teil der Prüfung, hoffentlich läuft der besser.

Gut bewacht

11. Oktober 2008

Gestern war der praktische Teil der Abschlussprüfung in Physik für meine Klasse. Die Aufsicht wurde von drei Lehrern von anderen Schulen geführt. Da wir nicht genug Geräte im Physikraum haben, waren die Schülerinnen in zwei Gruppen zu je zehn eingeteilt, die nacheinander die Prüfung durchführten. Drei Lehrer als Aufsicht für zehn Schülerinnen – da hatte ich genauso wenig zu tun wie der Polizist, der mitgekommen war, um die Prüfungsaufgaben zu bewachen. Wir unterhielten uns also freundlich, und ich machte dieses Foto.

Alle Sicherheitsvorkehrungen nützen natürlich nichts, wenn die Mitarbeiter des Schulministeriums die Prüfungsaufgaben schon vorher an interessierte Schüler verkaufen. Das ist im Fach Mathematik passiert (Gerüchte behaupten, die Käufer hätten 700.000 Shilling bezahlt, etwas mehr als das Monatsgehalt eines Lehrers hier in Peramiho), und aufgeflogen. Die Mathematik-Prüfung, die für vergangenen Montag angesetzt war, ist deshalb um drei Wochen verschoben worden, die Schülerinnen werden daher eine Woche länger als geplant hier an der Schule bleiben müssen.

Freundliche Menschen

9. Oktober 2008

Das Foto stammt vom Busbahnhof in Songea. Die Händlerin im Vordergrund sah, dass ich einen Bus fotografierte, und rief mir zu: „Mach auch ein Bild von mir !“ Solche Wünsche erfülle ich natürlich gerne. An einer anderen Stelle fotografierte ich die Waren eines Geschäfts. Jemand rief mir zu: „Bezahlst du auch für das Foto ?“ Ich: „Fotografieren ist Arbeit, und ich bezahle nicht dafür, dass ich arbeiten darf.“ Er: „Das war nur unsere normale freudliche Neckerei (utani)“. Letzten Samstag habe ich die Menschen in Songea als besonders freundlich empfunden, das etwas unruhige Gefühl, das die fremde Großstadt bei früheren Besuchen in mir erzeugt hat, ist inzwischen völlig verschwunden. Dazu trägt natürlich bei, dass ich jetzt in den meisten Situationen die richtigen Worte finden kann.

Recycling

8. Oktober 2008

Vielleicht hatten einige Leser/innen den Eindruck, in meinem „Toiletten-Artikel“ von vorgestern hätte ich mich über das Restaurant in Songea lustig machen wollen. Hmmmm. Ich habe am Samstag in Songea jedenfalls auch Leute getroffen, über die ich mich nicht lustig machen will. Eine Gruppe von Händlern am Straßenrand (siehe das Foto oben) erinnerte mich an die Aussage von Sr. Hildegard: „Früher war das Land so arm, dass wir sogar Sandalen aus alten Autoreifen getragen haben.“ Dieses Schuhwerk ist auch heute noch manchmal zu sehen, und hier am Straßenrand wird es hergestellt. Ich mache zunächst das Foto, dann frage ich einen der Handwerker nach dem Preis. 6.000 Shillinge will er haben, nicht ganz 4 Euro. Da ich gerade ein Paar normale Sandalen für 10.000 Shillinge erstanden habe, kommt mir dieser Preis arg überteuert vor, und ich handle ihn auf 4.000 runter. In dem Preis ist dann netterweise auch eine Vorführung enthalten, was man aus Autoreifen sonst noch so herstellen kann, in diesem Fall ein Teil für einen primitiven Stoßdämpfer (Foto unten). Als ich noch ein paar Fotos mache, ruft ein Kollege: „He, der macht Fotos.“ Mein Händler antwortet: „Lass nur, er hat mich schon bezahlt.“ Ich bewundere diese Leute, die aus fast nichts mit großem handwerklichem Geschick nützliche Dinge herstellen. Schade, dass die aus Asien eingeführten Billigwaren dieses Handwerk wohl bald erdrücken werden. Andererseits: Nachdem ich meine neu erworbenen Sandalen einmal anprobiert habe, bedauere ich das absehbare Verschwinden dieses Produktes vom Markt nicht mehr ganz so stark.

Nobelpreis

8. Oktober 2008

Gestern wurden die diesjährigen Träger des Physik-Nobelpreises bekanntgegeben. Dieses Foto von Frida Mtwele (links) und Juliana Wilson ist ebenfalls gestern entstanden – sind sie die Nobelpreisträgerinnen der Zukunft ? Es geht übrigens um die Bestimmung des Brechungsindex von Glas.

Ein Ort der Zivilisation

6. Oktober 2008

Samstag in einem Restaurant in unserer Bezirksstadt Songea. Die abgebildeten Aushänge lauten beide:

„Mitteilung

Die Geschäftsführung und die Mitarbeiter freuen sich sehr, Sie an diesem Ort der Zivilisation zu begrüßen, since* Sie ein zivilisierter Mensch sind. Wir glauben, dass Sie diesen Erklärungen folgen werden und es nicht übelnehmen, Erklärungen zu bekommen.

Zeichnung (A) ist nur für das Sich-Selbst-Helfen** bei einem großen Bedürfnis, oder wenn Sie sich danach fühlen, zu urinieren, dann heben Sie den toiletseat hoch, weil es schwierig ist, zu zielen Wenn Sie es nicht so machen, hinterlassen Sie gelbe Tropfen Ihres Urins, das ist keine Zivilisiertheit. Zeichnung (B), die hier links von Ihnen ist, ist nur für das Urinieren, das Zielen ist leicht, und wenn unglücklicherweise ein Tropfen Urin herabtropft, werden wir wischen.

Danke für das Lesen dieser Mitteilung und wir glauben, dass Sie uns gut verstanden haben, die Toilette ist ein Ort der Höflichkeit und der Zivilisation. Wenn Sie ihn schmutzig vorfinden würden, würden Sie nicht enjoy-en, wo Sie waren. Werden Sie ihn schlecht behandeln oder nicht ? Also, pflegen wir ihn. OK“

Unten sind die beiden Zeichnungen nochmal vergrößert zu sehen.

*: Die Wörter since (weil), toiletseat (Klobrille) und enjoy (genießen) stehen auch im Aushang auf Englisch.

**: Was dieser Ausdruck bedeutet, wird sich der Leser / die Leserin wohl denken können.

Neuer Feiertag

2. Oktober 2008

Die Zahl der Feiertag ist hier in einem ständigen Auf und Ab begriffen. Vor einigen Jahren war es noch so, dass Feiertage, die auf das Wochenende fielen, am kommenden Montag nachgeholt wurden. Dann hat man gemeint, dies schade der Wirtschaft, weil ja Arbeitszeit ausfällt, und hat diese Regelung abgeschafft. Jetzt scheint man zu meinen, dass es zu wenig Feiertage gibt. In diesem Jahr gibt es daher zwei Feiertage mehr als noch im letzten. Der eine ist dem ersten Präsidenten des Landesteils Sansibar gewidmet, der zweite findet heute statt, das muslimische Id el-Fitr (Ramadan-Fest) wird in diesem Jahr zum ersten Mal an zwei Tagen gefeiert, aus diesem Anlass seien der anderen großen Religion hier in Tansania ein paar Zeilen gewidmet.

Muslimische Araber sind schon vor 1000 Jahren als seefahrende Händler an der Küste eingetroffen, dabei hat sich eine arabisch-afrikanische Mischkultur mit blühenden Stadtstaaten und der Sprache Suaheli (das heißt „Küstensprache“) entwickelt. Die Sprache ist von der Grammatik her afrikanisch, hat aber sehr viele arabische Wörter. Die Araber galten als zivilisiert (das Wort „Ust-arabu“, also „Arabisch-Sein“ heißt bis heute „Zivilisation“), die Bewohner des Hinterlandes waren die Shenzi, die Wilden. Einige Schüler hier in Peramiho kommen von der Küste, und man merkt ihnen auch heute noch an, dass sie von ihrem Elternhaus mehr an Bildung und Selbstbewusstsein mitbekommen haben, als die Schüler, die hier aus der Gegend selbst stammen. Wer damals „zivilisiert“ sein wollte, nahm natürlich auch den Islam an. Im Hinterland machten sich die islamischen Händler allerdings nicht so besonders beliebt, denn ihre „Ware“ waren vor allem dessen Bewohner, die als Sklaven verkauft wurden.

Die Bewohner unserer Gegend, die Ngoni, traten nach der Ankunft der Missionare recht schnell zum Christentum über. Die Bevölkerung 30 km weiter östlich von hier, also gerade östlich der Bezirksstadt Songea, dagegen entschied sich mehrheitlich für den Islam. Über die Gründe für diese Entscheidung gibt es zwei Theorien. Die eine sagt, dass sie von den Ngoni lange unterdrückt worden waren, und deshalb eine andere Religion annehmen wollten als ihre Unterdrücker. Die andere Theorie gibt dem ersten Abt von Peramiho, Gallus Steiger, die „Schuld“, der nämlich in den 1920er und 30er Jahren nicht genügend Missionare nach Osten geschickt habe. Er habe sich ganz darauf konzentriert, die Gegend westlich von Peramiho, bis hin zum Nyasa-See, zu missionieren, weil er den anglikanischen Missionaren dort zuvorkommen wollte. In Peramiho erzählt man bis heute, er habe gesagt, „Schmeißt die Anglikaner in den Nyasa-See“.

Die seltsamen Zeiten, in denen man den fremden Glauben vor allem als Konkurrenz empfand, die man bekämpfen müsste, sind in Bezug auf die anglikanischen Christen sicherlich überwunden. Auch in Bezug auf die Muslime scheint sich das Verhältnis gebessert zu haben – sowohl der afrikanische P.Stephan, der gestern die Messe gefeiert hat, als auch der deutsche P.Dieter, der heute an der Reihe war, haben das muslimische Fest mit sehr freundlichen Worten erwähnt, und auch ich habe heute meiner einzigen muslimischen Schülerin, Shakila, freundlich gratuliert. Ohne zu wissen, dass heute Feiertag sein würde, hatte ich letzte Woche angeboten, dass Schülerinnen, die noch für das praktische Examen üben wollten, heute Morgen in den Physikraum kommen könnten – alle sind gekommen, denn das Examen nächste Woche macht sie ziemlich nervös.

Das Foto zeigt die wichtigsten Kirchen (mit einem K markiert, links die evangelisch-lutherische, rechts die katholische) und Moscheen (mit einem M markiert, links die auf dem Foto von gestern) in Dar es-Salaam.