Die wahren Alpträume des Reisenden

„Haben Sie sich schon einmal davor gefürchtet, von einem Gemälde aus dem 16.Jahrhundert belästigt zu werden ?“, so spottete vor längerer Zeit der WDR (für Nicht-Nordrhein-Westfalen: Das ist mein heimatlicher Sender). Anlass war eine Entscheidung der Londoner U-Bahn, die Werbeplakate für eine Kunst-Ausstellung nicht aufzuhängen. Man befürchtete allen Ernstes, die Fahrgäste könnten sich durch die nackte Frauenbrust eines frühneuzeitlichen Gemäldes belästigt fühlen. „Die wahren Alpträume eines Reisenden sind doch ganz andere,“ so ging es weiter im WDR, „zum Beispiel, dass man nach der Pinkelpause im Dschungel vom Bus vergessen wird.“ Womit wir beim Thema wären: Das Reisen hier in Afrika und die natürlichen Bedürfnisse.

Bei meiner Rede vor einer Woche habe ich den Polizeikommissar, der unseren Bus so lange kontrolliert hatte, den Schülerinnen als schlechtes Beispiel vor Augen geführt, habe aber wahrheitsgemäß eingefügt, „ich grub Medizin“. Das Lachen der Schülerinnen hatte ich erwartet, aber nicht in der Heftigkeit, in der es mir dann entgegenscholl. Ein Kollege meinte nachher, sie hätten so heftig gelacht, weil sie nicht erwartet hatten, dass ein Weißer diesen Ausdruck kennt. Wer den Ausdruck „chimba dawa – Medizin graben“ nicht kennt, der ist hier noch nie mit dem Bus gefahren, denn diesen Ausdruck benutzen die Schaffner jedes Mal, wenn der Bus (alle zwei, drei Stunden) hält. Gehalten wird entweder auf freiem Feld oder an einem Busbahnhof, der dann eine öffentliche Toilette hat, für deren Benutzung man 100 oder 200 Shillinge zahlen muss, also 5 bis 10 Cent. Angesichts dieser Toiletten danke ich jedes Mal meinem Schöpfer, dass ich ein Mann bin (hoffentlich nehmen meine Leserinnen mir diese Bemerkung nicht übel).

Die Sache mit dem „Alptraum“ liegt schon etwas zurück: Der Bus hielt zum Tanken, ich sagte vorsichtshalber dem Fahrer Bescheid, dass ich „Medizin grabe“. Als ich wieder einsteigen wollte, war kein Bus mehr da. Da allerdings meine Schwester und ihr Freund noch im Bus waren, machte ich mir keine allzu großen Sorgen, und sehr bald kamen zwei Leute auf mich zu, um mir zu sagen, dass der Bus nochmal zum Busbahnhof gefahren sei und bald wieder vorbeikomme. Fazit: Die meisten Alpträume werden nicht wahr, ein Traum sind die Toiletten hierzulande aber auch nicht.

Das Foto ist wohl selbsterklärend, der Ausdruck „Medizin graben“ geht darauf zurück, dass die „Heiler“ hier auf freiem Feld manchmal heil- oder zauberkräftige Wurzeln ausgraben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: