Sooo korrupt sind wir gar nicht

Gerade liegt „Die Zeit“ vom 19.6. vor mir. Da gibt es eine schöne Weltkarte, wo jedes Land eine von 8 Farben hat. Je dunkler die Farbe, desto heftiger wütet die Korruption in diesem Land. Die Schweiz ist – genau wie das Vorurteil sagt – eines der saubersten Länder der Erde, Farbe 1, kaum Korruption. Deutschland hat Farbe 3, das ist immer noch besser als die meisten Länder der Welt, aber schlechter als die meisten Nachbarländer. Tansania hat Farbe 6, das ist relativ gut (besser als alle Nachbarländer, nicht schlechter als Polen oder Rumänien), aber absolut schlecht.

Die folgende Geschichte hat etwas damit zu tun: Br.Andreas baut unter der Woche die neue Bäckerei in Chipole auf. Das Wochenende verbringt er normalerweise hier und fährt dann am Montag wieder die 40 km bis Chipole. Ein älterer Mann hier hat ihm einen Briefumschlag mit 50.000 Shilling mitgegeben, für seine Enkelin, die in Chipole auf die Internats-Schule geht (das sind 30 Euro, für hiesige Verhältnisse unglaublich viel; eine Schulkameradin von ihr hat von ihrem Vater weniger als ein Zehntel bekommen). Br.Andreas hat diesen Umschlag einer Lehrerin dort übergeben und erfuhr dann später, dass das Geld nicht angekommen war. Doch Br.Andreas ist Schweizer, hat also gar kein Verständnis für Korruption (siehe oben) und sich deshalb bei der Direktorin beschwert. Die Lehrerin hat die Sache gar nicht bestritten, sondern gesagt, sie könnte den Umschlag nicht mehr finden. In den nächsten Wochen hat Br.Andreas auf die freundlichen Grüße seitens der Direktorin immer sehr zurückhaltend reagiert. Vorgestern dann konnte er berichten: Das Geld ist „wiedergefunden“ worden – nach ungefähr zwei Monaten.

Wie kann ich das jetzt erklären, ohne dass der deutsche (oder gar schweizerische) Leser (oder Leserin) die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und ruft: „Jetzt will er auch noch Lehrerinnen verteidigen, die ihre Schülerinnen ausrauben !“ Nein, verteidigen will ich das nicht, aber verstehen. Denn es ist nicht das erste Mal, dass ich von so einer Geschichte erfahre, bzw. selbst betroffen bin. Die ersten beiden Male habe ich mich noch geärgert, beim dritten Mal habe ich nur ganz freundlich dafür gesorgt, dass das Geld zurückkommt. Alle Geschichten laufen nach demselben Muster ab: Jemand, der mehr Geld hat, vertraut jemandem, der weniger hat, dieses Geld an. Der Empfänger bestreitet gar nicht, dass er das Geld zurückgeben muss, gibt es aber erst nach hartnäckigem Drängen zurück. Ein Europäer, der zwanzig Jahr als Pfarrer in einem abgelegenen Dorf war, sagte mir mal, dass man grundsätzlich erst dann die Dinge zurückgibt, wenn der Verleiher sie braucht. Die Leute wissen hier, dass diese Art des Umgangs mit Dingen oder Geld heute ein Hindernis für eine moderne Wirtschaftsweise ist (z.B. muss hier fast alles sofort bar bezahlt werden, weil der Verkäufer weiß, dass er sonst nur schwer an sein Geld kommen würde), aber alte Traditionen sind halt hartnäckig.

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