Archive for Februar 2008

Andere Länder, andere Strafen

16. Februar 2008

Donnerstag, 15:20 Uhr. Unterrichtsschluss. 15:30 Uhr: Außerordentliche Versammlung aller Schülerinnen auf dem Schulhof. Der diensthabende Lehrer (die junge Mathe-Lehrerin sagt über ihn: „Die Schülerinnen verehren ihn. Ich war früher auch seine Schülerin.“) ruft zunächst die Schülerinnen näher heran, damit sie im Schatten des Vordachs stehen können, und nicht die tropische Sonne erdulden müssen. Dann erzählt er, dass eine 14-jährige Schülerin sich nachts die Haare auf einer Seite abgeschnitten hat. Am Morgen hat sie dann erzählt, sie wisse nicht, wer ihr die Haare abgeschnitten habe. Daraufhin entstand große Unruhe (oder leichte Panik), denn die Mitschülerinnen riefen: „Ein Geist, Hexerei.“ Mein freundlicher Kollege fährt fort: „Damit hat die Schülerin nicht nur gelogen, sondern auch eine schwere Verfehlung gegen den Schulfrieden begangen.“ Er erklärt noch länger, warum die Tat so schlimm war, dann: „Hildegunda* Komba, komm her und entschuldige dich.“ Hildegunda muss sich also ungefähr eine Armlänge vor den Lehrer stellen, der ihr dann so Fragen stellt wie „Wogegen hast du dich verfehlt ?“. Ich habe nicht auf die Uhr schaut, wie lange diese Quälerei dauert, aber es kommt mir ziemlich lange vor. Als Strafen muss sie sich dann auch noch die anderen Haare abschneiden lassen. Immerhin: Die werden schnell wieder ihre normale (sehr kurze) „Länge“ erreicht haben und am nächsten Tag kann ich bei der regulären Abendversammlung beobachten, dass Hildegunda im Mittelpunkt ihres Freundinnenkreises steht.

Das Foto zeigt die Schülerinnen bei der normalen Versammlung, wie sie an jedem Morgen stattfindet.

* Name von der Redaktion geändert.

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Reisefieber

14. Februar 2008

Auch bei uns laufen die Vorbereitungen für den Internationalen Benediktinischen Jugendkongress und Weltjugendtag in Australien. Am Sonntagabend hat Sr.Rosann, die Schulmanagerin, den versammelten Schülerinnen erklärt, worum es sich handelt, und dann auch gleich die Namen der beiden Schülerinnen vorgelesen, die von den Lehrern für die Reise nach Australien ausgewählt wurden. Es gab heftigen Applaus für die beiden, die vorher von nichts wussten. Sie sind beide in meiner Physik-Klasse in Form III, waren beide noch nie im Ausland, aber immerhin schon in Dar es-Salaam. Außer den beiden fährt Sr.Agatha mit, die hier Internats-Erzieherin (so übersetzt man „matron“ wohl am besten) ist, und ich. Sr.Agatha war auch noch nie im Ausland. Gestern habe ich mir ihr schon gescherzt, was wir wohl machen, wenn wir die beiden Schülerinnen verlieren. Dann sagt sie, ich wäre schuld, und ich fliege direkt von Australien nach Deutschland zurück, hoffentlich zusammen mit der Mescheder Delegation (spezieller Gruß an Br.Julian !).

Das Foto ist vor ein paar Tagen an unserer Nachbarschule in Chipole entstanden. Ich war zu Besuch dort, die Schulleiterin, Sr.Mkombolewa, hat den Schülerinnen erklärt, dass wir uns vom TIBYC (für Nicht-Eingeweihte: Third Internat. Benedictine Youth Congress) her kennen, und dann gefragt, wer denn zum nächsten Kongress nach Australien fliegen möchte.

Mal wieder in den Nachrichten

13. Februar 2008

Seit ich hier bin, beziehe ich meine Nachrichten von der Tagesschau und BBC im Internet, ausserdem kommt jede Woche „Die Zeit“, allerdings mit ziemlicher Verspätung. Das Ereignis, was hier im Moment heftig diskutiert wird, hat Tansania vorige Woche zum zweiten Mal seit meiner Ankunft in die BBC-Nachrichten gebracht (für die Tagesschau hat es nicht gereicht): Weil die Wasserkraftwerke in der Trockenzeit zu wenig Strom produzieren, wurde eine Firma Richmond beauftragt, mit Dieselgeneratoren einzuspringen. Die Firma hat dafür vom Staat Tansania viel Geld erhalten, aber wenig Strom geliefert. Zum Ausgleich hat sie einigen Politikern Geld auf deren private Konten gezahlt. Das Parlament von Tansania hat einen Untersuchungsausschuss eingesetzt, der hat vorige Woche Bericht erstattet: „Der Hauptschuldige ist der Premierminister.“ Dem blieb daraufhin nichts übrig, als sofort zurückzutreten. Dazu kann man jetzt entweder sagen: „Ist doch klar, die Afrikaner sind alle korrupt.“ Oder: „Schön, dass hier die demokratische Kontrolle funktioniert.“ Eine Kollegin sagte mir heute noch: „So friedlich läuft das bei uns ab, in Kenia machen sie bei so etwas gleich einen Krieg.“

Schutzlos

12. Februar 2008

Was macht man eigentlich mit gebrauchten Batterien ? Als ich einmal Br.Edmund, den afrikanischen Elektriker und Computerexperten, danach fragte, ahnte ich schon vorher, was er sagen würde. Und tatsächlich: „In die Mülltonne.“ Aber im Gegensatz zu vielen anderen Menschen hier kennt Edmund wenigstens das Problem: „Das ist schlecht für die Umwelt, aber wir haben keine andere Möglichkeit.“

Das Tor vor unserer Autowerkstatt fährt mit einem Rad auf einer Schiene. Das Rad ist neulich geölt worden. Seitdem ist auch der Lehmboden auf beiden Seiten der Schiene tiefschwarz, zu jeder Seite ungefähr 10 cm weit. Da hat wohl der Lehrling gedacht: „Viel hilft viel“. Unser Trinkwasser kommt zum Glück nicht von dort.

Ebenso wie „Umweltschutz“ scheint auch „Datenschutz“ ein Fremdwort zu sein. Auf http://www.necta.go.tz/ stehen alle Ergebnisse der Schulexamina – schön nach Schulen geordnet und mit Namen sämtlicher Schüler/innen (auf Matokeo ya kidato cha nne klicken). Ich habe es auch erst geglaubt, als ich es sah.

One of the top schools of the nation

11. Februar 2008

Falls jemand aus meinen Beiträgen letzte Woche geschlossen hat, es ginge hier an der Schule etwas chaotisch zu: Mag sein, aber wenn man die Umstände mitbedenkt, muss man sagen, dass hier unter schwierigen Bedingungen gute Arbeit geleistet wird. Als ich Freitag ins Lehrerzimmer kam, gab es Applaus. Der galt aber nicht mir, sondern den Examensergebnissen, die gerade vorgelesen wurden. Von den 1500 Sekundarschulen in Tansania werden alle Ergebnisse zusammengestellt, und dann wird die Reihenfolge der Schulen veröffentlicht. Das passiert für die Prüfungen nach Form 2 (ungefähr 9.Klasse) und für die nach Form 4. Form 4 ist das wichtigste Examen, und da steht unsere Schule landesweit auf Platz 47. Da wir eine Mädchenschule sind, bedeutet das auch, dass wir in „diesem Macho-Land“ (so drückte es neulich eine Ärztin aus) für etwas mehr Gleichberechtigung sorgen.

Das Bild zeigt zwei fleißige Schülerinnen.

Problem gelöst

8. Februar 2008

Es heißt manchmal, hier in Afrika würde alles von oben bestimmt: Was früher der Häuptling war, ist heute der Chef. Kein Wunder also, dass die Schulleiterin ein Problem damit hat, wenn ich mich ständig weigere, ihrem Wunsch zu folgen. Aber so schlimm ist das gar nicht: Es gibt da nämlich noch Herrn Chaula an der Schule. Der kommt am nächsten Tag zu mir in den Physikraum und klärt mich ganz sachlich über das Problem auf: Einige Schülerinnen, die im letzten Jahr gute Noten hatten, sind nicht in meinen Kurs gekommen, einige mit schlechten Noten sind reingekommen. Das lag an der Liste, die ich gemeinsam mit meinem Physik-Kollegen zusammengestellt hatte. Wir finden dann zusammen die passende Lösung: Ich mache einfach eine kleine Aufnahmeprüfung. Das Gespräch mit Herrn Chaula kommt mir sehr europäisch vor: Rational und lösungsorientiert. Am Ende sind Herr Chaula und ich absolut zufrieden, die Schülerinnen, die nicht bestehen, akzeptieren das Ergebnis der schriftlichen Aufnahmeprüfung ohne Murren (anscheinend glauben sie noch, schriftliche Arbeiten wären objektiv), und falls die Schulleiterin unzufrieden sein sollte, zeigt sie es zumindest nicht.

Das Foto zeigt die Schülerinnen, die jetzt gerade ihre „mittlere Reife“ erlangt haben, mit der Schulleiterin im Physikraum.

Vom Feilschen

7. Februar 2008

Mein Vorgänger als Physiklehrer, P.Bonifaz, hatte in jedem Jahrgang nur 20 Schülerinnen unterrichtet. Bei dieser geringen Zahl zu bleiben, war für ihn immer wieder ein Kampf gewesen. Ich hatte diese Zahl daher gleich im Oktober bei meinem ersten Gespräch mit der Schulleiterin und der Verwaltungschefin vereinbart. Ende Dezember, also kurz vor Beginn des neuen Schuljahres, hatte ich dann nochmal ein nettes Gespräch mit der Schulleiterin. Zu Beginn fragt sie mich, ob ich nicht doch mehr Schülerinnen nehmen könnte. Ich sagte freundlich, dass das nicht möglich sei. Eine Viertelstunde später stellt sie nochmal die Frage, und erhält dieselbe Antwort. Dann lädt sie mich zu sich nach Hause ein (sie wohnt direkt neben der Schule), und bevor wir zu ihr rübergehen, wiederholen wir das Spiel noch einmal. Als das Schuljahr dann losgeht, finden sich 28 Schülerinnen im Physikraum ein. Ich schicke alle wieder fort, die nicht auf meiner Liste stehen. Am nächsten Tag meldet sich dann mein Kollege, der die beiden jüngeren Jahrgänge in Physik unterrichtet, im Lehrerzimmer zu Wort. Es gebe da ein Problem mit der Anzahl der Physikschülerinnen. Ich unterbreche ihn: Das sollten wir nicht vor allen Kollegen besprechen. Die Schulleiterin unterstützt mich und ich bin ihr dankbar, bis sie mich kurz danach anruft: Ob ich noch ein paar Schülerinnen mehr nehmen könnte ? In diesem Moment halte ich es dann doch für angebracht, mich auf unsere Vereinbarung vom Oktober zu berufen. Das Foto zeigt Beatrice und Asnath aus Form IV (damals noch Form III, das zeigt die III auf der Hemdtasche von Asnath) und die Fortsetzung folgt morgen.

Sie hätten ja fragen können

6. Februar 2008

Zu dem Treffen am Samstag (siehe den Eintrag von gestern) hatte mein Kollege Ngonyani mir in Druckbuchstaben aufgeschrieben, was ich schreiben sollte, und ich hatte es dann in den Computer getippt: Für jede Schule drei verschiedene Einladungs-Briefe (für die Gruppenleiter, für die Betreuer, für die Schulleitung, letzterer unbedingt mit Stempel vom Pfarramt). Kurz vor dem Treffen lese ich die Briefe noch mal nach und werde bleich: Da steht keine Uhrzeit drin ! Wie kann ich so blöd sein, so viel Suaheli kann ich doch inzwischen, dass ich das hätte merken müssen ! Aber irgendeine Stimme aus der Erfahrung der letzten Monate sagt mir, dass es schon klappen wird. Tatsächlich: Für 14 Uhr hatten wir das Treffen angesetzt, um 14:30 sind alle da, außer den Schwesternschülerinnen von der Krankenpflegeschule. Als ich am Abend mit Br.Mukasa, dem Direktor der Berufsschule, darüber spreche und sage, dass ich einen Fehler gemacht hatte, antwortet er: „Wieso Fehler ? Die hätten doch fragen können.“ Inzwischen habe ich erfahren, dass sie nur wegen eines Schulausflugs nicht gekommen sind. Hatte ich mich neulich in diesem Blog darüber beschwert, dass ich von manchen Dingen nichts mitgekriegt hatte ? Vorläufige Erkenntnis zum Thema „Weitergabe von Informationen“: Ist gar nicht nötig, die Leute kommen meistens sowieso irgendwie an die Informationen.

Meine neue Aufgabe: Den Islam und Maria verkünden

5. Februar 2008

Da unser Br. Alfons für fünf Monate zur Fortbildung nach Ndanda gefahren ist, hat er mich gefragt, ob ich seine Aufgabe als „Betreuer der apostolischen Clubs“ an den Schulen übernehmen wolle. Was hat mich nur geritten, als ich ihm zugesagt habe ? Die Mühe, die ihm das Englisch-Sprechen bereitet hat ? Mein Wunsch, hier möglichst viele Erfahrungen zu machen ? Seine Aussage, dass ich eigentlich nichts zu tun hätte, als von Zeit zu Zeit eine Unterschrift zu geben ? Der Tanz, den die Schülerinnen bei seiner Professfeier aufgeführt hatten ? Was auch immer, jedenfalls habe ich ihm zugesagt. Am Samstag hatte ich das erste Treffen mit den Gruppenleitern und den Betreuern. Jetzt weiß ich zwar immer noch nicht, was da eigentlich auf mich zukommt, aber immerhin weiß ich endlich, welche „apostolischen Clubs“ es gibt, und an welchen Schulen. Die Gruppe „Bibel teilen“ gibt es nur an unserer Schule, sie war durch die beiden besten Schülerinnen meiner beiden Physikklassen vertreten. Dann gibt es da die „Legio Mariae“, die laut Aussage der Schüler „Maria verkündet“. Dann noch „Herz Jesu“, TYCS (was das heißt, weiß ich auch noch nicht, das C steht jedenfalls für Catholic) und BAKWATA. „Das sind die Muslime“, hatte mir mein Kollege Ngonyani, der Betreuer der TYCS, gesagt. „Das sind die Anglikaner“, sagte ein anderer Kollege. Von unserer Nachbarschule aus Maposeni waren tatsächlich zwei Gruppenleiterinnen der BAKWATA gekommen. „Seid ihr Muslime oder Anglikaner ?“, habe ich gefragt. „Anglikaner sind UKWATA, wir sind Muslime“. Ich werde wohl noch einige Einblicke in das afrikanische Vereinsleben bekommen.

Aberglaube lustig

4. Februar 2008

„Rosenmontag“ ist hier völlig unbekannt, daher will ich über lustige Verkleidungen wenigstens schreiben: Zur Tropenuniform der europäischen Soldaten gehörte vor gut 100 Jahren auch der Tropenhelm. Dieser Helm (ohne Uniform) kam auch bei den Zivilisten so sehr in Mode, dass man in alten Filmen oder auf alten Fotos aus den Tropen fast jeden Europäer mit Tropenhelm sieht, er war also so eine Art Zylinderhut für die Tropen. Weil aber ziemlich viele Europäer in den Tropen starben, hatte man Angst um seine Gesundheit. Und mit der Angst kam der Aberglaube. Man dachte also, ohne Tropenhelm würde der Europäer schnell einen Sonnenstich erleiden. In Peramiho achtete Abt Gallus Steiger besonders auf Fragen der Gesundheit, und so traute sich niemand, ohne Tropenhelm aus dem Haus zu gehen. Selbst nach seinem Rücktritt blieb die Vorschrift bestehen, und erst als er 1966 starb, verschwand von einem Tag auf den anderen auch der Tropenhelm aus Peramiho. Inzwischen hatte sich nämlich herumgesprochen, dass der Tropenhelm zwar nicht schädlich war, dass aber jede andere Kopfbedeckung mit breitem Rand genau so gut gegen Sonnenstich schützte. Die Schwestern auf dem Foto wären schon durch ihren weißen Schleier vollständig geschützt gewesen. Aber vielleicht hat der Tropenhelm ja doch genützt, immerhin hat Abt Gallus etwas mehr als 60 Jahre in Tansania gelebt, ist 87 Jahre alt geworden und hat mehrere 10 000 km zu Fuß zurückgelegt (Die Zahl habe ich aus dem Peramiho-Geschichtsbuch. Ich habe kurz überschlagen: Es stimmt).