Archiv für die Kategorie ‘Schule’

Leben wir doch im 21.Jahrhundert ?

1. November 2008

Ob es wohl eine gute Idee wäre, die Fotos vom Schulfest auf eine CD zu brennen und den Schülerinnen für 500 Shilling zum Verkauf anzubieten ? So habe ich erst mich und dann einen älteren Kollegen an der Schule gefragt. Er meinte, das sei eine gute Idee, aber sein Tonfall sagt eher, „Das wird sowieso keinen interessieren.“ Ein anderer Kollege fragt mich, ob man die CDs auch mit einem Fernseher anschauen könne. Als ich vor einem Jahr angeboten hatte, Fotos auf den Schulcomputer zu überspielen, hat die stellvertretende Schulleiterin ganz erschreckt gefragt, was das denn kosten würde. Naja, was soll man auch mit Digital-Fotos auf einer CD anfangen, wenn es in den meisten Häustern nicht einmal Strom gibt ? Ich habe also meine Zweifel, trotzdem erkläre ich beim Abendappell den versammelten Schülerinnen das Angebot. Als ich am Schluss den Preis nenne (500 Shilling, 30 Euro-Cent, sind der Preis für eine kleine Flasche Cola oder für eine Busfahrt in die Bezirksstadt Songea, ein CD-Rohling kostet 400 Shilling), schallt mir lauter Jubel entgegen. In den nächsten Tagen muss ich knapp 50 CDs brennen, um die Nachfrage zu befriedigen. Also wissen wenigstens die jungen Leute hier, wie man mit moderner Technik umgeht. Einige schauen die CDs in unserer neuen Computerklasse an, andere wissen, dass es in Songea und anderen Großstädten Internet-Cafés gibt, wieder andere haben irgendeinen Verwandten, der an seinem Arbeitsplatz Zugang zu einem Computer hat. Und vermutlich gibt es auch einige, die nur deshalb die CD kaufen, weil ihre Mitschülerinnen das auch tun.

Das obere Foto habe ich gewählt, weil es so schön das Aufeinandertreffen von zwei Zeitaltern zeigt. Die Masken sind uralte afrikanische Volkskultur. Sie erschienen während des Schulfestes zu einem lustigen Sketch, bei dem es um Religion ging (auf dem unteren Bild betet der linke Maskenträger, der rechte segnet). Leider weiß ich sonst gar nichts über afrikanische Masken.

Preisverleihung

29. Oktober 2008

Wahrscheinlich geht es den meisten Lehrern so: Wenn die Schüler die Schule verlassen haben, vergisst man sie noch lange nicht, und irgendwo vermisst man sie auch. Also noch ein Wort zu ihrer Abschlussfeier:

Die besten Abgängerinnen bekommen einen Preis. Es gibt den Preis für die Schülerin mit dem besten Notendurchschnitt, dann je einen Preis pro Hauptfach (Physik gehört nicht dazu). Regina hatte den besten Durchschnitt und bekam natürlich auch noch einige Preise für die Fächer, insgesamt fünf. Die Mitschülerinnen schienen sich mit ihr zu freuen, von Neid konnte ich nichts merken. In Physik saß Regina immer ganz still in der ersten Reihe, und wenn ich sie angesprochen habe, haben die Mitschülerinnen ihr nochmal erklären müssen, was ich gesagt hatte.

Sie ist schwerhörig, aber ihre schriftlichen Leistungen waren auch in Physik immer hervorragend. Außerdem gibt es noch Preise, die wir in Deutschland den Kopfnoten zuordnen würden – einen Preis für Führungsqualitäten, einen für Disziplin usw. Felister (das Mädchen im Vordergrund auf dem Foto von gestern), die eindeutig zu den tonangebenden Schülerinnen gehört, erhielt den Preis für „Service“. Sie hatte immer die Schülerinnen angeführt, die bei den diversen Schulfeierlichkeiten bedient haben. Und Beatrice, die aufgeweckte Schülerin, die sich als einzige traute, mir zu widersprechen, die Anführerin des Physikkurses, bekam auch einen Preis. Ich hoffe nur, dass er ihr nicht so peinlich war, wie er mir damals gewesen wäre – den Preis für usafi (Sauberkeit, Ordentlichkeit).

Das Foto oben zeigt, wie eine Absolventin gerade einen Festkranz aus Plastikblumen bekommt, das Foto unten zeigt die Übergabe des Preises für die besten Leistungen in Englisch an Rhoda (auch um ihren Hals hängen schon einige Festkränze). Die Übergabe der Preise und der Abgangszertifikate gehört zu den Aufgaben des Ehrengastes, also diesmal des Bischofs.

Wie feiert man hier eigentlich Feste ?

27. Oktober 2008

Drei Eindrücke von unserem Jubiläum am Mittwoch: Ordentlich, selbstbewusst und gemeinsam.

Ordentlich: Eigentlich läuft jedes Fest hier nach demselben Schema ab, einzelne Elemente können allerdings wegfallen, wenn es nur ein kleines Fest ist. Festzug – Gottesdienst – Essen (es gibt eigentlich immer das Gleiche) – Anschneiden des Kuchens (mit viel „Brimborium“) – Sketche und Tänze – Reden (am Schluss die Rede des Ehrengastes). Bei kleinen Festen kann es auch einfacher sein: Essen – Anschneiden des Kuchens – Rede des Ehrengastes. Das Foto zeigt den hinteren Teil des Festzuges, damit klar ist, was ich mit „ordentlich“ meine. Steif war es aber nicht, es hat Spaß gemacht.

Selbstbewusst: Wahrscheinlich überall auf der Welt dienen Feste auch dazu, zu zeigen, wer man ist, und was man hat. Zwei Tage vorher gab es keinen Unterricht, alle Schülerinnen und Lehrer/innen waren nur damit beschäftigt, die Schule schön „herauszuputzen“. Die Gäste zeigen auch den Einfluss der Schule an: Der Erzbischof von Songea ist als Ehrengast geladen worden. Und derjenige Vater, der als Vertreter der Elternschaft eine Rede hält, ist auch nicht irgendwer, sondern Parlamentsabgeordneter (deshalb reicht ein Mikrofon nicht, zusätzlich muss die Wichtigkeit seiner Rede noch durch einen Recorder betont werden, siehe Foto).

Gemeinsam: Bei einem deutschen Schulfest würde es die Gelegenheit geben, zwischendurch in kleinen Gruppen oder alleine durch das Schulgebäude zu gehen, verschiedene Räume und Stände zu besichtigen. Hier sind alle immer am selben Ort (auf dem Foto rechts die Abgängerinnen, an ihrer Stoff-Rose zu erkennen, im Hintergrund die anderen Schülerinnen), nur nach dem offiziellen Festschluss gibt es die Gelegenheit, einen Klassenraum mit einer Ausstellung von Schulbüchern, Unterrichtsmaterialien und Schülerbildern zu besichtigen.

Schul-Tradition

24. Oktober 2008

Vor ein paar Tagen habe ich Beatrice gefragt, warum sie in Peramiho zur Schule geht, obwohl sie doch in Dar es-Salaam wohnt. „Meine Großmutter ist hier zur Schule gegangen, die ältere Schwester meiner Mutter auch. Und meine kleine Schwester kommt vielleicht auch hierher.“ Wir feiern ja gerade das 40-jährige Bestehen, deshalb wundere ich mich über die Großmutter, aber Beatrice klärt mich auf: Sie ist auf die „Middle School“ gegangen, die von den Benediktinern vorher an der gleichen Stelle geführt wurde. Beim Mittagessen am Festtag (vorgestern) sitze ich dann neben einer Ehemaligen der „Middle School“. Im Laufe des Nachmittags überrascht sie wohl nicht nur mich, als sie bei einer Tanzvorführung der Schülerinnen aufsteht und mittanzt (siehe Foto). Weil sie so uralt aussieht, vermute ich, dass sie in ihrem Leben etwas härter hat arbeiten müssen als die Klempner aus dem vorigen Artikel. Auch für sie gibt es eine Überraschung, nämlich als ich ihr sage, dass ihre ehemalige Lehrerin, Sr.Sigwina, noch hier in Peramiho lebt und in zwei Wochen 100 Jahre alt wird.

40 Jahre Girls’ Secondary School

22. Oktober 2008

Heute haben wir die Abschlussprüfungen der Form IV (11.Klasse) gefeiert, obwohl die Prüfungsergebnisse noch lange nicht vorliegen und die Prüfungen noch nicht einmal zu Ende sind. Gleichzeitig haben wir das 40-jährige Bestehen unserer Schule so kräftig gefeiert, dass für das Goldene Schuljubiläum kaum noch eine Steigerung denkbar ist. Ich habe 375 Fotos gemacht, jetzt bin ich recht müde und verschiebe daher weitere Berichte auf morgen. Aber schön war’s.

Reisen ohne Radio

21. Oktober 2008

Auf der Rückfahrt von Likingo (siehe Artikel von gestern) bitten mich die Schülerinnen, das Radio anzustellen. Da es nicht funktioniert, sage ich ihnen: „Dann müsst ihr selbst singen.“ Die Fahrt dauert eine knappe Stunde (was nicht an mir liegt, sondern an der Qualität der 26 km langen Straße), und während der ganzen Zeit singen sie ohne Unterbrechung. Sie haben ein unglaubliches Gedächtnis für Lieder; das Repertoir reicht von den aktuellen Hits (Die Stilrichtung nennt sich „Bongo Flavour“, eine Art Suaheli-Pop mit Rap-Elementen, benannt nach dem Spitznamen Dar es-Salaams, der sich ungefähr mit „Cleverness“ übersetzen lässt) bis zu Kirchen- und Volksliedern. Hinten auf den Notsitzen (siehe Foto) werden die Essens-Eimer als Trommeln benutzt. Die Stimmung ist so gut, dass ich mehrmals mit meiner Nase die Luft auf Alkoholgeruch überprüfe. Aber sie haben wirklich nur Cola und Limonade getrunken, der Spaß ist ohne Radio und Alkohol selbst produziert. Der modernere Landrover von Br.Samuel hat einen funktionierenden CD-Spieler, dort laufen die mitgebrachten Bongo-Flavour-CDs (ich habe hier noch keine gekaufte CD gesehen, nur gebrannte), und es ist dort wohl etwas langweiliger als bei uns.

Zivilisation und Wildnis

20. Oktober 2008

Schon vor Monaten hatten mich die Schülerinnen gefragt, ob ich auch mit ihnen nach dem Abschlussexamen nach Likingo fahren würde. Diese Tradition stammt von meinem Vorgänger, und daher konnte ich gar nicht anders, als zuzustimmen. Die Reaktion war genauso, wie ich das von Deutschland her kannte: Freudestrahlende Gesichter und lauter Jubel. Likingo ist ein ziemlich abgelegener Ort, 26 km von hier. Dort steht unser Wasserkraftwerk, und es gibt einen Picknick-Platz. Br.Samuel und ich fahren je einen Landrover, vollgepackt mit Schülerinnen, Lebensmitteln und – Kleidern. Die Schülerinnen suchen offensichtlich Anschluss an die westliche Zivilisation, bei der Ankunft werden gleich die Schuluniformen gegen schickere Kleidung ausgetauscht. Es müssen natürlich Jeans sein, obwohl die für das Klima hier eigentlich viel zu dick sind. Und bitte, liebe Leser (besonders: liebe Leserinnen), erzählt der Schulleiterin nicht, dass fast alle Hosen getragen haben (Foto oben; muss ich extra erwähnen, dass das rechte von den drei am Boden hockenden Mädchen die Anführerin der Gruppe ist ?).

Br. Samuel und ich versuchen dagegen, uns von derselben Zivilisation zu entfernen, wir lassen die Schülerinnen einige Zeit allein und steigen in die ziemlich wilde und sehr schöne Schlucht hinab (Foto unten).

Examen überstanden

17. Oktober 2008

Gestern Nachmittag zogen unsere Schülerinnen laut singend Richtung Berufsschule – kein Wunder, nach 13 Prüfungen innerhalb von zwei Wochen (an einigen Tagen gab es Vor- und Nachmittags je eine zweieinhalbstündige Prüfung) musste der aufgestaute Druck herausgelassen werden. Jetzt fehlt nur noch die Matheprüfung, die verschoben wurde, weil die Aufgaben vorzeitig bekannt geworden waren.

Vor einer Prüfung nehmen sie nicht an der Morgenversammlung der Schülerinnen teil, sondern treffen sich etwas abseits, sprechen zusammen ein Gebet und singen ein Kirchenlied. Auf dem Foto (unmittelbar nach dem Lied vor der Physikprüfung letzten Donnerstag) sehen sie eigentlich ganz entspannt aus, aber ich vermute, dass der Eindruck trügt, und sie in Wirklichkeit ziemlich nervös waren. Der Rosenkranz, den viele um den Hals hängen haben (bei Margarete vorne rechts ist er deutlich sichtbar), erfüllt wohl auch eine ähnliche Funktion wie der Talisman oder Fetisch-Beutel in früheren Zeiten bzw. wie der Teddy-Bär bei manchen deutschen Schülerinnen.

Mittwoch wird erst einmal gefeiert, dann gibt es vier Monate Ferien, im Februar erst kommen die Ergebnisse, mit denen sich unsere Schülerinnen dann für die Aufnahme in die „High School“ bewerben werden, das heißt für die Aufnahme in Form 5 (12. Klasse). Dafür werden die allermeisten auf eine andere Schule wechseln, nur ganz wenige werden Form 5 bei uns machen. Am Ende von Form 6, also in gut zwei Jahren, werden sie mit dem „A-Level“ ihre Schulzeit beenden.

Dumm gelaufen

13. Oktober 2008

Einen Monat vor dem praktischen Examen in Physik bekommen die Lehrer eine Materialliste mit den Gegenständen, die sie bereit halten müssen. Oben auf der Liste steht in fetter Schrift, dass die Schüler auf keinen Fall über den Inhalt der Liste informiert werden dürfen. Mir als Deutschem erscheint das so logisch und klar, dass ich nicht weiter nachfrage. Die Schülerinnen bitten mich, 8 Tage vor dem Examen ein Experiment mit ihnen zu üben, das vor einigen Jahren in der Prüfung vorgekommen ist. Ich wundere mich ein wenig, dass dieses Experiment genau zu meiner Materialliste passt, und habe schon den Verdacht, dass die Prüfungsaufgaben vorzeitig bekannt geworden sind. Erst am Mittag vor dem Examen erzählt mir mein Vorgänger zufällig, dass natürlich alle Lehrer hier im Land mit ihren Schüler/innen die Experimente üben, die zur Materialliste passen. Er hat das auch so gehalten, damit seine Schülerinnen keinen Nachteil haben. Damit scheint klar, dass meine Schülerinnen die Information von Freunden an einer anderen Schule haben.

Als am Morgen des Examenstages (letzter Freitag) der Umschlag mit den Aufgaben geöffnet wird, ist die zweite Aufgabe genau die, die wir geübt haben. Da gibt es keine Probleme. Aber die erste Aufgabe ist so kompliziert, dass man sie eigentlich nur bewältigen kann, wenn man vorher gemeinsam mit dem Lehrer gemogelt hat. Immerhin: Vier von den 20 Schülerinnen bekommen einen vernünftigen Versuchsaufbau zustande. Alptraum eines Lehrers: Bei einer von ihnen fällt ständig ein Ständer um. Ich würde ihr so gerne sagen, dass sie ihn nur umdrehen muss, aber das geht bei drei fremden Lehrern im Raum halt schlecht.

Das Foto habe ich während des Examens gemacht. An den fünf Tischen auf der rechten Seite wird das erste Experiment bearbeitet, auf der linken Seite (davon sind nur die hinteren beiden Tische sichtbar), arbeitet die andere Hälfte der Schülerinnen gleichzeitig am zweiten. Von den hier abgebildeten Schülerinnen hat keine das schwierige, erste Experiment geschafft. Diesen Donnerstag kommt der theoretische Teil der Prüfung, hoffentlich läuft der besser.

Gut bewacht

11. Oktober 2008

Gestern war der praktische Teil der Abschlussprüfung in Physik für meine Klasse. Die Aufsicht wurde von drei Lehrern von anderen Schulen geführt. Da wir nicht genug Geräte im Physikraum haben, waren die Schülerinnen in zwei Gruppen zu je zehn eingeteilt, die nacheinander die Prüfung durchführten. Drei Lehrer als Aufsicht für zehn Schülerinnen – da hatte ich genauso wenig zu tun wie der Polizist, der mitgekommen war, um die Prüfungsaufgaben zu bewachen. Wir unterhielten uns also freundlich, und ich machte dieses Foto.

Alle Sicherheitsvorkehrungen nützen natürlich nichts, wenn die Mitarbeiter des Schulministeriums die Prüfungsaufgaben schon vorher an interessierte Schüler verkaufen. Das ist im Fach Mathematik passiert (Gerüchte behaupten, die Käufer hätten 700.000 Shilling bezahlt, etwas mehr als das Monatsgehalt eines Lehrers hier in Peramiho), und aufgeflogen. Die Mathematik-Prüfung, die für vergangenen Montag angesetzt war, ist deshalb um drei Wochen verschoben worden, die Schülerinnen werden daher eine Woche länger als geplant hier an der Schule bleiben müssen.