Archiv für die Kategorie ‘Land & Leute’

Touristenfänger und freundliche Menschen

24. Februar 2009

Sansibar, 28.1.2009

Bei meinem ersten Besuch in der Altstadt von Sansibar im Dezember waren mir vor allem die lästigen Leute aufgefallen, die den Touristen dieses und jenes aufschwatzen wollen und wie sich wie Kletten kaum abschütteln lassen.

Doch es gibt auch ganz andere Leute: Als ich mich im Gewirr der Altstadt verirrt habe, frage ich zwei seriös aussehende Männer nach dem Weg. Sie begleiten mich um mehrere Straßenecken, verabschieden sich dann höflich und sind so schnell verschwunden, dass ich gar keine Chance habe, ihnen irgendein Trinkgeld zu geben.

Oder die beiden jungen Straßenhändler, mit denen ich vor dem „House of Wonders“, dem alten Sultanspalast, ins Gespräch komme. Sie machen eine Bemerkung über die T-Shirts, die sie aus ihrem Rucksack verkaufen wollen, ich sage kurz, dass ich nichts kaufen werde, und wechsle das Gesprächsthema, frage nach ihrer Herkunft (beide sind vom Festland), Schulbildung usw. Sie lassen ihre T-Shirts im Rucksack und haben wie so viele Tansanier einfach nur Spaß an einem „Klönsnack“, wie man in der größten deutschen Hafenstadt sagen würde, die schon vor über 150 Jahren Beziehungen mit Sansibar aufgenommen hat.

Oder die Kinder auf der Straße, die sich einfach nur fotografieren lassen wollen (siehe Foto) und ihren Spaß daran haben, die Fotos auf dem Display anzuschauen, genauso wie die jungen Frauen mit Kopftuch im Hauseingang (ihre Mütter ?).

Die Massai erinnern mich an Kuckucksuhren

18. Februar 2009

Sansibar, 28.1.2009

Insgesamt fünfmal bin ich mit dem Bus am späten Nachmittag und am Abend durch die Massai-Steppe an der kenianischen Grenze gefahren. Offensichtlich sind sowohl die Gegend als auch die Leute arm. Viel wächst hier nicht, wovon sollte das Vieh der Nomaden hier also fett werden. Aus der einsetzenden Dämmerung tauchen manchmal Menschen auf. Wenn sie in verschlissenen Hemden und Hosen auftauchen, werden sie wahrscheinlich von ihren Mitmenschen wie Landstreicher angesehen. Aber wenn sie die traditionellen Gewänder der Massai tragen, machen die Kleider aus ihnen Angehörige einer stolzen Kultur, die auch bei den anderen Tansaniern als „etwas Besonderes“ gelten. An der Grenze verkaufen Massai-Frauen Kettchen und Armbänder (siehe Foto oben). Sie sind sehr aufdringlich, ich vermute, dass das an ihrer Armut liegt.

Ganz andere Massai trifft man überall in der Altstadt von Sansibar. Zahlreiche Läden, die anscheinend von echten Massai betrieben werden oder zumindest mit ihnen kooperieren, bieten dort Massai-Kunst für Touristen an (siehe Foto unten, der Inhaber auf dem Bild hat es anscheinend nicht nötig, allzu aufdringlich zu sein). Die Massai sind ein Hirtenvolk, mit Sansibar haben sie überhaupt nichts zu tun. Ich denke an den „Cuckoo-Clock-Shop“, den ich an der Loreley gesehen habe. Ich fühlte mich in meiner Eigenschaft als Deutscher gekränkt, dass den Touristen ein so falsches Bild von Deutschland vermittelt wurde – am Mittelrhein Kuckucksuhren zu verkaufen ! Ein ähnlich falsches Bild von Tansania vermitteln also die Massai auf Sansibar. Mit den Verkäufern in der Alten Festung komme ich ins Gespräch. Ob ich nicht doch ein Massai-Bild kaufen wolle, fragt einer – kein Massai – mich. „Ich habe keinen Platz in meinem Gepäck. Und, mal ehrlich, würdest du ausgerechnet auf Sansibar Massai-Sachen kaufen ?“ Er lacht zustimmend.

Vom Betteln

13. Februar 2009

Sonntag, 25.1., Uwemba

Als ich spazierenging, begruessten mich diese Kinder gleich mit „Naomba hela – Ich bitte um Geld“ (Das Wort „hela“ stammt aus der deutschen Kolonialzeit, „Heller“). Meine Antwort: „Wenn du einen Erwachsenen begruesst, dann sagst du Shikamoo.“ (Das ist der respektvolle Gruss fuer Aeltere, woertlich „Ich kuesse deine Fuesse.“)

Es nervt, wenn man staendig angebettelt wird, von sehr vielen Kindern, und auch von manchen Erwachsenen. „Wenn wir Kindern das Gefühl geben, sie könnten davon leben, bei Touristen um Geld zu betteln, nehmen wir ihnen ihre Würde. Warum nicht etwas für ihre Bildung tun, damit sie später ihr Leben aus eigener Kraft bestreiten können ?“ Das hat John Wood gesagt, der Gruender von „Room to Read“, einer Organisation, die das Lesen bei Kindern in Entwicklungslaendern foerdert. Ich habe dieses Zitat auf die Peramiho-Homepage gestellt. Meine Uebersetzung ins Suaheli gab ich dann unserem Prior, P.Fidelis, zur Korrektur. Sie war leider so falsch, dass er ueberhaupt nicht verstanden hatte, was ich sagen wollte, aber als ich es ihm auf Englisch erklaerte, stimmte er sofort zu. Menschenwuerde ist immer wieder das Thema seiner Predigten, und er gab mir „utu“, „Mensch-Sein“ als Uebersetzung fuer „Wuerde“ an. Auch P.Fidelis stammt aus der Gegend von Uwemba, vielleicht hat er vor 30 Jahren an demselben Fluss gespielt.

„Kein Loewe, ein Hase“

30. Januar 2009

Das ist Arnold, den ich am Sonntag in Uwemba fotografiert habe. Er fiel mir auf, weil er viel kecker war als andere Kinder seines Alters (12 Jahre). Mit dem Stock verteidige er sich gegen Tiere, sagt er. „Hast du schon einmal einen Loewen damit getoetet ?“, frage ich. „Ja“. Ich wende mich an seinen etwas kleineren Freund, Augustin: „Ist dein Freund ein Luegner ?“ Daraufhin sagt Arnold schnell: „Keinen Loewen (Simba), sondern einen Hasen (Sungura).“

Ich staune nicht schlecht, als wir am Tor zum Klostergarten ankommen und Arnold mir die Tuer aufschliesst. Er hat naemlich die Aufgabe, den Wachhund von Br.Wendelin zu fuettern. Damit findet sowohl sein selbstbewusstes Auftreten gegenueber mir als fremdem Weissen, als auch sein Berufswunsch, Priester, seine Erklaerung.

Verstaendigungsprobleme

27. Januar 2009

Weil die Tansanier sehr gerne nette Dinge sagen, hoere ich oft, mein Suaheli waere ja richtig gut. Das stimmt so natuerlich nicht. Immerhin kann ich ausdruecken, was ich sagen will – meistens zumindest. Kurz vor meiner Abreise von Peramiho habe ich noch die Homepage www.peramiho.org ins Suaheli uebersetzt. Dann habe ich den Text den Bruedern, die wirklich Suaheli koennen, zur Korrektur gegeben. Da gab es natuerlich einige Verbesserungen, und bei manchen Seiten hatten sie auch gar nicht verstanden, was ich sagen wollte.

Schwieriger ist es oft fuer mich, zu verstehen, was andere sagen wollen. Je hoeher die Bildung, desto deutlicher sprechen die Menschen. Und wenn sie deutlich sprechen, verstehe ich sie normalerweise gut. Aber wehe, eine Schuelerin redet schnell auf mich ein. Dann kommt manchmal eine Freundin zu Hilfe: „Sie hat dies gesagt:…“ Und wiederholt dieselbe Sache etwas langsamer. Wenn Tansanier sich untereinander unterhalten, kann ich meistens grob folgen, sofern ich das Thema kenne. Dazu traegt bei, dass die Unterhaltungen oft recht lange um denselben Punkt kreisen, dann reicht es, wenn man jeden dritten oder vierten Satz versteht.

Zwei Situationen gibt es, in denen ich besonders schlecht verstehe: Wenn Schuelerinnen sich fuer irgendeinen Fehler rechtfertigen muessen, sprechen sie besonders undeutlich und auch mit unklaren Begriffen. Natuerlich wollen sie in dem Fall auch nicht, dass ich genau verstehe. Dieses Phaenomen kenne ich schon aus Deutschland, aber die folgende Geschichte konnte wohl nur hier in Tansania passieren: Ein paar Tage vor meiner Abreise schellt das Telefon. Ein Bruder, mit dem ich viel zu tun habe, der deutliches Suaheli spricht. Am Anfang verstehe ich ihn gut, aber ploetzlich komme ich nicht mehr mit. „Das habe ich jetzt nicht verstanden“, sage ich. Er: „Ist auch nicht so wichtig.“ Ich frage aber doch noch mal nach: „Du hast irgendwas ueber einen USB-Stick gesagt ?“ Schliesslich verstehe ich doch: Es war die Bitte, ihm in Dar es-Salaam einen USB-Stick fuer 20 000 Shilling (14 Euro) zu besorgen. Eine Situation aus dem letzten Mai folgt einem aehnlichen Muster: Damals war mein Suaheli noch deutlich schlechter als heute. Gemeinsam mit einem afrikanischen Bruder hatte ich eine Bitte an den Abt. Er erklaerte die Bitte auf Suaheli, dann entstand ein Schweigen. Ich erwartete eine Antwort vom Abt und fragte auf Deutsch, was denn jetzt sei. Seine Antwort: „Ich weiss noch gar nicht, worum es geht.“ Mein afrikanischer Bruder hatte naemlich erklaert, dass wir nach Dar fahren wuerden, was wir dort tun wuerden, und zu welchem Zwecke. Dann aber hatte er unmittelbar vor dem entscheidenden Punkt, naemlich dass wir nicht mit dem Linienbus, sondern mit einem Auto des Klosters fahren wollten, mit der Erklaerung aufgehoert.

Bitten an Aeltere oder Hoehergestellte werden hier oft nur angedeutet oder sehr undeutlich ausgesprochen, anscheinend ist irgendeine Scham oder Furcht damit verbunden. Beide Brueder, die ich oben erwaehnt habe, sind intelligent und auch nicht uebermaessig schuechtern, es ist einfach eine Sache der Kultur des Landes.

Meine kleine Rache

26. Januar 2009

Nach einem Ruhetag gestern in Uwemba sind wir heute nach Dar es-Salaam weitergefahren. Ich sitze auf dem Beifahrersitz, und als wir einen Unfall sehen, mache ich (natuerlich) ein Foto. Erst danach merke ich, dass der Polizist (ganz links im Bild) uns anhaelt, und werde etwas unruhig, weil ich nicht weiss, ob Fotos von Polizisten vielleicht verboten sind. Doch der Polizist kommt ans Fahrerfenster und will etwas ganz anderes: „Naomba lifti – Ich bitte um einen Lift / eine Mitfahrgelegenheit.“ Ich frage, bis wo er mitfahren will. Waehrenddessen denke ich an all die unangenehmen Erlebnisse mit der Verkehrspolizei, fuer mich vor allem das lange Warten auf meinen Fuehrerschein. Ich denke auch daran, dass Herr Mkaranga, der Fahrer neben mir, vor kurzem eine voellig unberechtigte Strafe hat zahlen muessen, worueber er sich zurecht sehr geaergert hatte. Die Verkehrspolizei steht im Ruf, sehr korrupt zu sein.

Weil mir alle diese Gedanken durch den Kopf gehen, verstehe ich seine Antwort, „Bis zum Ruaha-Fluss“, zunaechst falsch, denke an eine viel weitere Strecke, gucke wohl ziemlich ratlos, und da sagt der Polizist auch schon, „Kein Problem, ich finde noch eine andere Gelegenheit.“ Und weg ist er. Einen so hoeflichen Menschen haette man ja eigentlich mitnehmen sollen, und es war eigentlich auch nicht meine Absicht, ihm den Gefallen zu verweigern (eine Fahrtstrecke von vielleicht 20 km). Aber irgendwo gefreut hat es mich doch, dass die Geschichte so ausgegangen ist.

Mangos

16. Januar 2009

Seit ungefähr anderthalb Monaten sind wieder die Mangos reif. Überall sieht man die Kinder, wie sie in diese Früchte beißen, und ihnen der Saft aus den Mundwinkeln läuft. Den Jungen, der oben im Mangobaum saß, habe ich neulich leider nicht fotografieren können. Aber dieses Foto, Montag in Hanga entstanden, finde ich auch nicht schlecht. Meine Meinung zu Mangos: Yananoooooooga. Die Übersetzung liefere ich diesmal gleich mit: Mmmmmmmh.

Ich lese gerade mal wieder so ein Reisebuch von Verrückten, neulich war das ein Südafrikaner, der mit dem Fahrrad um Afrika herum gefahren ist, jetzt ein französisches Ehepaar, das vom Kap der Guten Hoffnung bis zum See Genesareth gewandert ist. Die beiden beschreiben, wie sie in Tansania einem Jungen begegnet sind, der God heißt. Darüber, dass so ein kleiner Junge „Gott“ heißen kann, wundern sie sich einige Zeilen lang. Der Junge mit dem roten Hemd rechts im Bild antwortet auf die Frage nach seinem Namen auch „God“. Ein Mädchen setzt gleich etwas besserwisserisch hinzu: „Jina lake Godfrey. – Er heißt Gottfried.“

Die Übersetzung

14. Januar 2009

Für die Leute, die keinen so strengen Lateinlehrer hatten wie P.Gregory, hier die Übersetzung: „Die Philosophie ist die Wissenschaft von allen Dingen in Hinsicht auf ihre tiefsten Gründe, so wie sie von der menschlichen Vernunft erfasst wird.“ Solche Definitionen lernten die Theologen seit dem Hochmittelalter. Sie vermitteln ein Gefühl der Sicherheit, das Gefühl, alle „tiefsten Gründe“ im Griff zu haben. Spätestens seit Kant (vor 200 Jahren) aber lachen die Philosophen über diese Arten von Definitionen. Dennoch vermittelte die mittelalterliche („scholastische“) Philosophie bis weit ins 20.Jahrhundert hinein den Katholiken trügerische Sicherheit. Ich selbst habe zum Glück eine modernere Philosophie im Studium gelernt.

Per aspera ad astra, durch die harten Dinge hindurch zu den Sternen, also zu den höchsten Höhen !

„Mein Alter ? Als die Straße gebaut wurde, habe ich Ziegen gehütet.“

14. Januar 2009

Als ich vorgestern in Hanga einen Hügel hinaufstieg, schob dieser Junge sein Fahrrad neben mir her. „In welche Klasse gehst du ?“ – „Form 1″. Also Sekundarschule, wir würden sagen, 8.Klasse Gymnasium. Weil das Schuljahr im Januar beginnt, frage ich weiter: „Dann ist heute dein erster Schultag auf der Sekundarschule ?“ – „Ja, ich bin auf dem Weg zur Schule.“

In meinem Beitrag von gestern war wohl schon zu merken, dass ich die Begegnung mit P.Gregory ziemlich faszinierend fand. Er hat mir auch erzählt, wie das damals mit der Schule war. Als er mit seinen Freunden zum ersten Mal P.Joseph Damm ankommen sah, haben sie nach einem Versteck gesucht. P.Joseph war nämlich weiß und Weiße waren dafür bekannt, dass sie bei der geringsten Verfehlung gleich „Fünfundzwanzig“ befahlen. Das altmodische Suaheli-Wort dafür, „Hamsa-ishirini“ wiederholt er mehrmals, es muss ihm als Kind wirklich Furcht eingeflößt haben. Ich denke zuerst an eine Geldstrafe, dann fällt mir ein, dass ich davon schon gelesen habe: 25 Hiebe mit der Nilpferdpeitsche. Der Busch war zu dicht, es gab kein Versteck, sie konnten dem Weißen nicht entkommen. P.Joseph hat die verschreckten Kinder nur freundlich angeschaut und „Jambo, watoto“ gesagt, „Hallo, Kinder.“ Von so viel unerwarteter Freundlichkeit waren alle beeindruckt, und 1934 ließ P.Gregory sich von P.Joseph taufen. Wie alt er damals war, frage ich. „Das weiß ich nicht. Als die Straße gebaut wurde, das war 1925, da habe ich schon Ziegen gehütet, ich muss also 1925 ungefähr fünf gewesen sein.“

Später schickte P.Joseph ihn zur Schule nach Peramiho. Einmal im Jahr gab es Ferien, dann ging es nach Hause. Sechs Tage Fußmarsch, natürlich barfuß, das Essen im Gepäck. Ich rechne nach: Er stammt aus der Gegend von Uwemba. Das sind 300 km bis Peramiho. „Und der Raimund ist auch mitgegangen. Da haben viele gesagt, der ist doch viel zu klein. Vielleicht war er zehn, er konnte gar nichts tragen. Aber er hat sich nie beklagt.“ Immerhin: P.Gregory läuft heute noch ohne Stock, weiß auch noch die nützlichen Dinge, die er in der Schule gelernt hat: „Philosophia est scientia omnium rerum per altissimas causas humana ratione acquisita.“ Ihr Lehrer, der spätere Abt Eberhard, war sehr streng, man durfte keinen noch so kleinen Fehler bei der Betonung der lateinischen Wörter machen. Per aspera ad astra, der kleine Raimund wurde später Bischof in Njombe.

Verglichen damit, hat es der Junge auf dem Foto doch besser. Wenn er nicht in der Schule ist, wird er aber vermutlich auch Ziegen hüten müssen.

Einkaufen in Songea

9. Januar 2009

Wenn man hier sagt, „Ich fahre in die Stadt“, dann ist klar, dass Songea gemeint ist. Kleidung, Lebensmittel, Küchengeschirr kann man zwar auch in Peramiho kaufen, aber in Songea sind diese Dinge billiger und anderes gibt es überhaupt nur dort. Also war ich vorgestern mit Br.Wolfram dort, um zwei verschiedene USB-Kabel zu besorgen, eine Dreifach-Steckdose für deutsche Schuko-Stecker und eine Spezialzange für Netzwerkkabel. Wolfram ist ein junger tansanischer Bruder, er ist ausgebildeter Elektriker und wird gerade von mir in die Geheimnisse der Computerwelt eingeführt.

In Songea gibt es unendlich viele kleine Geschäfte, die alle auf ein oder zwei Warengruppen spezialisiert sind (siehe Foto). Die Inhaber geben meist sehr freundlich Auskunft, wo man noch fragen könnte. Immer wieder hören wir, „Versucht es bei Abbas, oben an der Straßenecke.“ Wir danken mit dem Hinweis, dass wir schon bei Abbas waren, er aber geschlossen hat. „Ja, das ist wegen des islamischen Aschura-Festes.“ Br.Wolfram fragt nach: „Aber du hast dein Geschäft heute doch auch geöffnet.“ – „Ja, das Aschura-Fest ist kein vorgeschriebenes Fest.“ Deshalb ist es auch kein staatlicher Feiertag, aber Abbas scheint es mit der Religion genauer zu nehmen als seine Konkurrenten. Er kann es sich wohl auch leisten, denn viele Elektro- und Computerartikel gibt es nur bei ihm. So fahren wir schließlich mit nur einem von den beiden USB-Kabeln zurück.

Immerhin gab es noch einen netten Einblick für mich: Wir gehen zu einer Elektrowerkstatt, wo Wolfram Stammkunde ist. Die Kunden sprechen durch ein Gitter mit den Angestellten, die an mehreren Tischen sitzen und Elektrogeräte reparieren. Wir werden gleich in das Hinterzimmer gebeten. Da verrichten der Chef und ein weiterer Angestellter ziemlich beengt zwischen Regalen und Tischen, die mit Fernseh-Elektronik und Bildschirmen vollgepackt sind, ihre Arbeit. Fenster gibt es nicht, nur eine Neon-Röhre erhellt den Raum. Abgesehen von der Wellblech-Decke erinnert mich das ganze an Radio- und Fernsehwerkstätten, die ich in Dortmund vor 25 Jahren gesehen habe. Unsere Spezialzange haben sie auch nicht, aber der Angestellte geht gleich zu den Nachbarwerkstätten, um dort für uns eine auszuleihen. In der Zwischenzeit unterhält der Chef sich mit uns, er ist Mitte Fünfzig, stammt aus einem Dorf in der Nähe von Uwemba (siehe den Artikel von gestern), aus derselben Gegend wie Wolfram. Dort hat er sein Handwerk in der Fabrik einer großen Gerberakazien-Plantage gelernt, aber als sein Chef nach England zurückgekehrt ist, „war es nicht mehr wie vorher“, und er hat sich in Songea selbständig gemacht. Er bietet uns etwas zu trinken an, Wolfram lehnt aber ab (ich vermute, dass das den afrikanischen Höflichkeitsregeln entspricht). Wolfram hat nach einiger Zeit das Gefühl, wir hätten ihn jetzt wohl lange genug aufgehalten, wir gehen, und erfahren später über Handy, dass es dem Mitarbeiter nicht gelungen ist, die Zange auszuleihen. Er will sie aber über einen Geschäftsfreund in Dar es-Salaam für uns bestellen. Als wir gestern nochmal bei ihm anrufen, hat er noch keine Nachricht aus Dar, jetzt warten wir darauf, dass er sich wieder meldet.