Archiv für die Kategorie ‘Kuba: Die Menschen’

Der Kongo

13. Dezember 2009

„Wieso heißt du eigentlich ‘Der Kongo’ ?“, fragte Br.Jacques den 70-jährigen Herrn links im Bild (rechts ist Br.Martin zu sehen). „Eigentlich heiße ich José Antonio, aber mein Großvater hat mich El Congo genannt. Das ist eigentlich ein Fluss in Afrika, deshalb werden viele Schwarze so genannt, besonders Leute, die mit der Hexerei zu tun haben.“ Mit „Hexerei“ meint er offensichtlich die Santeria, jene schon öfter erwähnte afrikanisch-katholische Mischreligion. Mit der hat er aber offensichtlich nichts am Hut; auf dem Armaturenbrett seines Autos stehen ein kleiner Kruzifix und eine Marienstatue. So bleibt das Rätsel ungelöst, und seinen Großvater können wir nicht mehr fragen.
Wie werden wir in Jaruco, auf dem Grundstück, das die Regierung uns zugeteilt hat, wohl aufgenommen werden ? Als Ausbeuter aus dem kapitalistischen Ausland ? Als Vertreter einer seltsamen Religion ? Solche Sorgen hatte ich noch vor kurzem. Die Leute, die Jacques während der letzten Wochen dort kennen gelernt hat, haben diese Sorgen inzwischen völlig zerstreut: Freundliche Menschen, die sich anscheinend gar nicht groß wundern, dass wir ein Kloster bauen wollen. El Congo gehört zu den Leuten, die uns gut beraten, und auch für eine gute Athmosphäre sorgen.

Noch ein Vorurteil bestätigt

9. Dezember 2009

Das Foto (von Br.Jacques gemacht) zeigt P.Vianney bei der Arbeit auf dem Grundstück in Jaruco vor einigen Wochen. Die kurzen Hosen hatten leider ein Nachspiel: Verletzungen durch Dornen haben eine allergische Reaktion ausgelöst, und die hat sich am Sonntag so verschlimmert, dass ich ihn abends um 9 zum Arzt begleitet habe. „Wir kommen wahrscheinlich spät zurück,“ sagte ich zu Jacques und rechnete mit Mitternacht. Statt der erwarteten langen Menschenschlange stand aber nur eine rauchende Krankenschwester vor der Poliklinik. „Gehen Sie rein, links um die Ecke, erstes Zimmer rechts.“ Im Sprechzimmer saß eine junge Frau in Hemd und Jeans, nur durch den Kittel über der Stuhllehne als Ärztin zu erkennen. Das Zimmer war kärglich eingerichtet, an der Wand stand eine mit Pflaster geflickte Lampe. Auf das Pflaster hatte jemand groß „Made in Cuba“ geschrieben.
Sie trug den Namen ihres Patienten in eine Liste ein, damit waren die Formalitäten erledigt, dann stellte sie die (hoffentlich) richtigen Fragen, verschrieb die passende Salbe und Tabletten, und nach 10 Minuten waren wir fertig, ohne etwas zu bezahlen. Allerdings gab es die Medizin nicht in den kubanischen Apotheken, wo sie spottbillig gewesen wäre, sondern nur in einer Hotel-Apotheke, wo alles zusammen dann doch 30 Euro kostete. Also, nachdem ich im letzten Artikel das Vorurteil bestätigt habe, dass es mindestens einen Kubaner gibt, der so aussieht, wie man sich Kubaner vorstellt, bestätige ich jetzt, dass mich das Gesundheitssystem wirklich beeindruck hat.

Der erste Kubaner

7. Dezember 2009

Der vorige Artikel war der letzte über Kolumbien, denn – der aufmerksame Leser, die aufmerksame Leserin haben es bemerkt – wir sind schon seit einer Woche wieder auf Kuba. Und am Samstag habe ich auch den ersten Kubaner getroffen, der so aussieht, wie ich mir immer einen Kubaner vorgestellt habe. Toni trägt einen Anhänger der Virgen de la Caridad (das ist die Jungfrau Maria in kubanischer Ausführung), und – er hat tatsächlich eine Zigarre in der Hand, die auf dem Foto (rechts ist Br.Jacques zu sehen) leider nicht zu sehen ist.

Und plötzlich ist die Tasche weg

20. Oktober 2009

Gestern beim Einsteigen in den Bus: Vorne passte wirklich niemand mehr herein. Br.Jacques und ich gaben daher einem Passagier, der aus der Vordertür heraushing, das Fahrgeld, damit er es zum Fahrer weiterreichte. Der Fahrer öffnet die Hintertür, ich balanciere meine Baumwolltasche mit der linken Hand auf dem Kopf, während ich mich hinter Jacques ins Gedränge stürze, oder besser: drücke. Irgendwann gelingt es mir tatsächlich, einen Fuß auf die unterste Stufe zu stellen und mich mit der rechten Hand an der Haltestange der Tür festzuhalten (was etwas unpraktisch ist, da sich die Tür links von mir befindet). Jetzt versuche ich, mit der linken Hand die Haltestange zu erreichen, die sich – wie in jedem deutschen Linienbus auch – über den Köpfen der Passagiere befindet. Dafür stelle ich die Tasche erst einmal auf dem Kopf von Jacques ab. Praktischerweise drückt der Fahrgast, der hinter mir einsteigen will, mich kräftig die Treppe hoch. Mir ist nicht ganz klar, wo er eigentlich den Halt findet, den er dafür braucht. Aber egal, so lange er von hinten drückt, kann ich schlecht herausfallen (der Bus fährt jetzt langsam an, das tat auch der Bus vor meinem Fenster genau in dem Moment, wo ich das Foto oben gemacht habe). Während ich versuche, mit der einzigen freien Hand die Bänder meiner Tasche so zu ordnen, dass sie an meinem Handgelenkt bleibt, wird sie mir abgenommen und wandert von Hand zu Hand bis auf den Schoß einer Frau in der zweiten Reihe hinter der Tür. Sie lächelt mir freundlich zu, was besagen will, „Ich pass schon auf deine Tasche auf.“
Wenn wir ein Auto hätten, wäre das Leben natürlich bequemer, aber auch langweiliger.

Jagdglück

13. Oktober 2009

Gestern Morgen war ich mal wieder zur Apostolischen Nuntiatur unterwegs, unserer großen Helferin in allen Fragen von Ein-, Ausreise- und Aufenthaltsgenehmigungen. Ich hatte meine Kamera dabei, aber unterwegs fand ich kein lohnendes Fotoobjekt, schließlich hatte ich den kurzen Weg schon dutzende Male zurückgelegt und abfotografiert. Erst als ich auf dem Rückweg schon wieder in unsere Straße einbog, hatte ich endlich die Fotogelegenheit, auf die ich schon Monate gewartet hatte: Das Auto eines Nachbarn. Ich hatte es schon oft gesehen, aber nie die Kamera dabei gehabt. Und wenn ich die Kamera dabei hatte, war der Käfer gerade unterwegs. Die Form kommt einem doch irgendwie bekannt vor, und dann auch wieder fremd. Jedenfalls habe ich neulich in einem Buch gelesen, die kubanischen Automechaniker seien die besten der Welt.

Seuchengebiet

11. Oktober 2009

Seit vorgestern bin ich wieder in Havanna. Bei der Ankunft am Flughafen überraschten mich die Gesichtsmasken, mit denen das gesamte Flughafenpersonal ausgestattet war. Ach klar, dachte ich mir, ich komme ja aus dem Gebiet, das von der neuen H1N1-Grippe verseucht ist. Immerhin, ganz ernst nehmen Kubaner solche Vorsichtsmaßnahmen nicht. Als ich Schwierigkeiten hatte, die Zöllnerin zu verstehen, die für meinen Computerbildschirm 60 Peso Zoll forderte, nahm sie freundlicherweise ihren Gesichtsschutz ab. Leider sprechen Kubaner auch ohne Nase-Mund-Schutz undeutlich genug.
Außerhalb des Flughafens habe ich hier noch niemanden mit Maske gesehen, doch hat die Angst vor der neuen Grippe inzwischen auch Kuba erreicht. Gestern gab mir eine Bekannte die Hand mit der Bemerkung: „Wegen der Pandemie machen wir das jetzt ohne Küssen.“ Und nach der Messe heute gab P.Emmanuel extra den Hinweis der Gesundheitsbehörde an die versammelte Gemeinde weiter, man solle das Küssen zur Begrüßung unterlassen. Für Leser / innen, die mit der spanischen Tradition, die auch auf Kuba herrscht, nicht vertraut sind: Hiers geben sich auch gänzlich unbekannte Personen zur Begrüßung einen Wangenkuss, wenn mindestens eine der Beteiligten eine Frau ist.

Nach einiger Diskussion mit der maskenlosen Zöllnerin und ihrer Chefin konnte ich es übrigens vermeiden, die 60 Peso (knapp 50 Euro) für meinen vier Jahre alten Bildschirm zu bezahlen.

„Sie sind der erste Radfahrer hier.“

7. September 2009

Das nächste Kloster unserer Kongregation liegt in Kolumbien. Unsere Brüder aus Togo brauchen ein Visum, um dorthin reisen zu können. Die Botschaften befinden sich in einem Villenviertel, nur eine Viertelstunde Fußweg von unserem Haus entfernt. Doch ich dachte, mit dem Rad ginge es noch schneller …

Als ich ankomme, hat die Botschaftsangestellte gerade einige Personen in die Botschaft gelassen und ist dabei, das Gittertor wieder abzuschließen. „Sie müssen erst Ihr Fahrrad abstellen. Sie können dann mit der nächsten Gruppe hereinkommen,“ sagt sie mir. Der Wachmann sagt mir, „Hier können Sie das Rad nicht abstellen. Sie der erste, der je mit einem Fahrrad gekommen ist.“ Er erweist sich aber als sehr hilfsbereit: Das Tor zur Einfahrt der Nachbarvilla steht auf, er geht mit mir dahin, pfeift auf seiner Wachmannstrillerpfeife, damit der Wächter der Nachbarvilla kommt und ich mein Rad dort abstellen kann. Als nach einigen Minuten immer noch niemand gekommen ist, bedanke ich mich freundlich und sage ihm, dass ich das Rad bei der Apostolischen Nuntiatur abstellen werde. Diese Botschaft des Vatikans befindet sich zum Glück gleich in der nächsten Straße.

Trotz ihres Furcht einflößenden Namens arbeiten in der Nuntiatur  freundliche und hilfsbereite Leute. Der Pförtner kennt mich, weil ich ständig in irgendwelchen Visaangelegenheiten komme (das Foto zeigt den Warteraum für Besucher), und so ist es auch kein Problem, mein Fahrrad dort zu parken. Die Frau an der kolumbianischen Botschaft ist zwar auch freundlich, aber nicht besonders hilfsbereit. Und so fahre ich nach stundenlangem Warten mit nichts weiter zurück als dem Wissen, dass die Einreise nach Kolumbien noch komplizierter ist als gedacht.

Was ist das Geld hier eigentlich wert ?

3. September 2009

Ich sitze gerade in der Lobby des Hotels Melia Cohiba, wie jedes Mal, wenn ich eine Internetverbindung benötige. Mein Fahrrad habe ich draußen dem wachsamen Auge des Parkwächters anempfohlen. Gleich werde ich ihm 5 Peso (15 Euro-Cent) Trinkgeld geben, den Betrag hat mir ein kubanischer Freund empfohlen.

Viele Kubaner verdienen 300 Peso im Monat, das wären also 10 Euro. Ein gut ausgebildeter Chirurg kommt auf 800 Peso. Man muss allerdings wissen, dass viele Dinge spottbillig sind (Medikamente kosten um die 2 Peso, wir haben jeden Monat eine Gasrechnung von 4 Peso), und dass die Kubaner jeden Monat eine Lebensmittelkarte erhalten, auf die es einen Teil der Grundnahrungsmittel kostenlos gibt.

Neulich verließ ich das Hotel, gab dem Parkwächter 5 Peso und kaufte mir gleich gegenüber ein Eis für 38 Peso (1,30 Euro, dasselbe Eis desselben internationalen Konzerns kostet in Deutschland 2 Euro). Mein schlechtes Gewissen verflog schnell, als derselbe Parkwächter kam und sich dasselbe Eis kaufte. Ich vermute, dass der durchschnittliche Tourist ihm einen Dollar an Trinkgeld gibt. Wenn er von den Trinkgeldern jeden Tag ein Eis kauft, bringt er wohl immer noch mehr Geld nach Hause als der Chirurg.

„Die Pfote, die Pfote !“

2. September 2009

Immer wieder rufen mir Leute zu, „La pata – Die Pfote !“, wenn ich mit dem Rad durch die Stadt fahre. Die begleitende Geste ist so eindeutig, dass ich schon beim ersten Mal gemerkt habe, was mit „Pfote“ gemeint ist: Die Feder, die meinen Fahrradständer festhalten soll, ist altersschwach (immerhin ist das Rad der chinesischen „Shanghai Bicycle Factory“ fast ein halbes Jahr alt), und der Ständer ist mal wieder heruntergefallen. Natürlich kann einem das auch in Deutschland passieren, dass man freundlich auf so ein Problem hingewiesen wird. Aber hier passiert es viel häufiger.

Überhaupt scheinen mir die Kubaner sehr fürsorglich zu sein. Die folgende Geschichte ist mir so ähnlich mehrmals passiert: Ich sehe durch das große Schaufenster die Badelatschen, nach denen ich suche. Ich stelle das Rad vor dem Schaufenster ab. Eine junge, schwarze Frau sagt mir: „Sei vorsichtig, das wird hier gestohlen.“ Ich sage: „Ach, ich kann es doch durch das Schaufenster sehen.“ Während des kurzen Einkaufs behalte ich das Rad im Blick, die Frau steht immer noch daneben und zeigt auf das Fahrrad, dann auf ihr Auge. Ich bedanke mich freundlich für ihre Aufpasserdienste, sie fordert kein Geld dafür.

Es geht voran

25. August 2009

 Gestern habe ich dieses Foto gemacht. Wie man sieht, geht die Reparatur (siehe vorigen Artikel) voran.