Archiv für die Kategorie ‘Kuba: Die Kirche’

„Glückliche Weihnachten !“

22. Dezember 2009

Gestern war ich mal wieder im Hauptpostamt. Dort gibt es keine langen Schlangen vor den Schaltern wie in dem kleinen Postamt in unserer Straße. Ich sah schnell den Schalter mit dem Schild „Briefmarken“. „Bitte Marken für Briefe nach Deutschland. Aber ich brauche 70.“ – „Siebzig ? Gehen Sie bitte zu Schalter 5 um die Ecke,“ sagt die freundliche Schalterbeamtin mit dem Kreuz um den Hals. Schalter 5 ist die Information. Die Beamtin dort geht mit mir zu einem unbesetzten Schalter und überreicht mir dort eine Briefmarke, auf der ich zu meinem Schrecken die Zahl 250 lese. In dem Hotel, wo ich schon einmal eine kleine Menge gekauft habe, kosteten die Marken nur 85 Centavos (70 Euro-Cent; sie zeigen übrigens die Schwebebahnen von Wuppertal und Brisbane). „Aber ich brauche 70.“ – „Siebzig ? Gehören Sie zu einem organismo ?“ – Ich erwarte, dass sie mich zum Postamt für Organisationen schicken wird, das sich vermutlich am anderen Ende der Stadt befindet, und muss daran denken, dass laut dem alten Missionars-Witz im Chinesischen die Wörter für „Postamt“ und „Hölle“ zum Verwechseln ähnlich sind.
„Ja, wir gehören zur Kirche.“ Sie geht mit mir zu dem Schalter, wo ich zuerst war, dort überreicht sie mir dann gemeinsam mit ihrer Kollegin 70 Marken zu je 75 Centavos. Die Zahl 250, die mich zuerst erschreckt hatte, bezieht sich zum Glück auf das Jubiläum „2006 – 250 Jahre kubanische Post“, an das die Marke erinnert. Ich schiebe also 50 CUC durch das Fensterchen und suche in meinem Portemonnaie nach dem Rest, da fragt sie, „Haben Sie denn kein kubanisches Geld ?“ Ach so, die Marken werden in nationaler Währung bezahlt, ich kann die 70 Briefe also für weniger als zwei Euro abschicken (zur Erinnerung: auf Kuba gibt es zwei Währungen, für einen Euro bekommt man ungefähr 30 nationale Pesos oder etwas mehr als einen CUC.) Angesichts dieses Preises nehme ich mir vor, dieses Postamt nie wieder mit der Hölle zu vergleichen.
„Feliz Navidad !“ (Übersetzung siehe Überschrift), wünscht sie mir noch, und mir fällt auf, dass ich diesen Wunsch auf Kuba zum ersten Mal höre. Der Weihnachtsbaum auf dem Foto ist auch der absolut einzige weihnachtliche oder adventliche Schmuck, den ich hier im staatlichen Bereich (Straßen, Geschäfte, Schulen, Gesundheitswesen usw.) gesehen habe; schließlich sind Kirche und Staat auf Kuba strengstens getrennt.

„Mariano hätte ihn getauft“

28. August 2009

Am letzten Wochenende trafen eine Menge Informationen über die Santeria rein zufällig zusammen. Unser derzeitiger Lehrer für kubanische Geschichte führte uns am Donnerstag in die Denkwelt dieser Religion ein, am Freitag war dann der Besuch bei der Virgen de la Caridad bzw. bei Ochún (voriger Artikel), am Samstag war der Pfarrer der Nachbarkirche, Padre Juan, zu Besuch bei uns. Er erzählte von einem jungen Erwachsenen, der getauft werden wollte. Padre Juan sagte ihm, dass er ihm erst Taufunterricht erteilen werde. Daraufhin sagte der Taufbewerber: „Ich gehöre nicht zu Ihrer Religion.“ Nein, der Mann wollte in die Santeria aufgenommen werden. Und zu den Voraussetzungen dafür gehört auch die katholische Taufe.

Die meisten Kubaner werden als Kleinkinder getauft, so dass das Problem dieses Mannes eher selten vorkommt. Padre Juan hat die Taufe verweigert, meinte aber, „Padre Mariano hätte ihn getauft.“ Auch unser Geschichts-Lehrer hatte diesen katholischen Spezialisten für die Santeria erwähnt. Er war Pfarrer der Regla-Kirche gewesen, einer großen Wallfahrtskirche der Santeria. Die beiden Pfarrer, Juan und Mariano, hatten oft über solche Probleme diskutiert. Kann man jemanden taufen, der ausdrücklich erklärt, dass er kein Christ ist ? Padre Mariano hatte gesagt, „Wenn ich ihn nicht taufe, dann kann er auf seinem Weg nicht weitergehen.“
Padre Mariano ist vor einem guten Monat einem Raubmord zum Opfer gefallen. Die Täter sind inzwischen gefasst, sie hatten nichts mit der Santeria zu tun, sondern waren nur geldgierig.

Das mit den Religionen auf Kuba ist etwas verwirrend, deshalb hier eine kurze Übersicht: Die größte Religion scheint die Santeria zu sein. Die hat ihren Ursprung in Afrika und versteht sich nicht als christlich. Dennoch spielen katholische Kirchen, katholische Heiligenbilder, katholische Messe, Taufe und der Segen von katholischen Priestern eine große Rolle in dieser Religion. Die Kirchengebäude auf Kuba gehören praktisch alle zur katholischen Kirche, denn unter der spanischen Herrschaft (bis 1898) waren alle anderen Religionen verboten, die wenigen evangelischen Kirchen sind alle jüngeren Datums. Neuerdings gibt es amerikanisch-fundamentalistische Sekten, die stark wachsen. Es gibt eine jüdische Gemeide, wenige Muslime und natürlich viele Menschen, die keiner Religion angehören.

Und hier noch das Foto …

28. August 2009

… zum letzten Artikel. Die Frau links vor dem Altar gibt sich durch ihre weiße Kleidung eindeutig als jemand zu erkennen, der gerade in die Santeria-Religion eingeführt wird.

Aristoteles war nicht auf Kuba

25. August 2009

„Wollen wir uns eine Santeria-Kirche anschauen ?“ – „Ich dachte, die haben keine Kirchen.“ Mein Studienfreund, der neulich zu meiner großen Überraschung und ebenso großen Freude vor der Tür stand, hat natürlich Recht. Die Santeria, also die kubanische Religion mit den afrikanischen Wurzeln, hat keine Kirchen. Wir gehen zur Kirche der Virgen de la Caridad (ungefähr: Unsere Liebe Frau von der Liebe). Dort befindet sich die Kopie eines Marienbildes, das sich weit entfernt im Osten der Insel befindet und als kubanisches Nationalheiligtum gilt. Die Angehörigen der Santeria verehren dieses Bild unter dem Namen der Göttin Ochún. Neben dem Bild von Ochún befindet sich in derselben Kirche das Bild der Virgen de la Regla (Unsere Liebe Frau von der Augustinus-Regel; für die Santeria Yemayá), wiederum daneben die Virgen de Lourdes (ohne Entsprechung bei der Santeria), daneben das Jesuskind von Atocha (Santeria: Eleggua), gegenüber die Virgen de la Merced (ULF vom Loskauf der Gefangenen, bei der Santeria Obbatalá) und die Virgen del Carmelo (ULF vom Berg Karmel, keine Entsprechung) samt heiligem Lazarus (Babbalú Ayé, eine besonders mächtige Gottheit).
Die meisten der Genannten haben auch noch jeweils eine eigene Kirche in Havanna. An den entsprechenden Tagen des katholischen Heiligenkalenders (Lazarus z.B. wird am 17.12. gefeiert), sind diese Kirchen voll mit Pilgern, von denen die allermeisten nicht zur selben Religion gehören wie der Pfarrer.
Fazit: Die Santeria hat Kirchen. Da ich am Anfang das Gegenteil behauptet habe, verstoße ich hiermit gegen die Logik des Aristoteles. („Eine Aussage und ihr Gegenteil können nicht gleichzeitig wahr sein“) Aristoteles war nicht auf Kuba.

Göttinnen

6. Juni 2009


Am Ufer des Flüsschens Almendares befindet sich ein schöner Park. Am Montag Morgen beobachtete ich einen jungen Mann mit weißer Kleidung und dunkler Hautfarbe, der sich am Ufer erst eine Zigarre anzündete und dann mehrere Minuten lang ein kleines Glöckchen schwang.

Es klingelte in meinem Kopf: Weiße Kleidung ist doch das Zeichen der Santeros, der Anhänger der Santeria-Religion. Ich war also zum ersten Mal Zeuge eines Ritus einer traditionellen afrikanischen Religion geworden. Unser Spanisch-Lehrer erklärte, dass der Santero die Göttin des Wassers, Ochún, gerufen hatte. Weil die Santeria viele Elemente des spanischen Katholizismus aufgenommen hat (Kuba war eine spanische Kolonie), gibt es zu jeder Gottheit eine katholische Entsprechung. Ochún wird mit Nuestra Señora de la Caridad gleichgesetzt, der Heiligen Maria von der Liebe, bei den Katholiken die  Schutzpatronin Kubas. Ihr Bild im Wallfahrtsort Cobre wurde 1612 – passenderweise im Wasser treibend – aufgefunden, und schon heute ist die Vorbereitung des 400-jährigen Jubiläums ein großes Diskussionsthema.

Die Fotos zeigen das Reich Ochúns (in der Nähe unseres Hauses), oben in eher aggressiver, unten in sehr friedlicher Stimmung.

Am Dienstag rief übrigens der Mann von der Garage meines Vertrauens an: Die Schläuche waren da. Und seitdem funktionieren unsere beiden Fahrräder ! Da die Räder keine Klingeln haben, nehme ich nicht an, dass dieses Wunder auf die Hilfe Ochúns zurückgeht.

Nächtlicher Besuch

14. Mai 2009

Vor ein paar Tagen hat jemand nachts vor unserer Haustür die Statue eines Flötenspielers abgestellt, siehe Foto. Ein paar Stunden später war sie wieder verschwunden. Heute morgen habe ich unseren Spanisch-Lehrer nach der seltsamen Erscheinung gefragt. Es handelt sich, so erklärte er, um eine Statue der Santeria-Religion. Sie wird vor einer Kirche abgestellt, um „gereinigt“ zu werden. Diese Religion hat eine etwas seltsame Beziehung zur katholischen Kirche: Um als Santeria-Anhänger akzeptiert zu werden, muss man nämlich katholisch getauft sein. Das hält er für „in sich widersprüchlich.“ Auch verströmen katholische Kirchen im Weltbild der Santeria magisch-reinigende Kräfte.

Es gebe auch Menschenopfer in den afrikanisch-katholischen Mischreligionen Kubas, sagt er. Letztes Jahr habe man zwei Kinder gefunden, die offensichtlich geopfert wurden. Ich habe schon über Santeria gelesen, allerdings stand nirgendwo etwas von Menschenopfern. Unser Spanisch-Lehrer macht allerdings nicht den Eindruck, auf dummes Gerede zu hören, und ich weiß auch, dass es in einigen Teilen Tansanias „Hexer“ gibt, die Albinos ermorden, um die Körperteile für magische Praktiken zu verwenden. Dass einige der afrikanischen Kulte in Kuba also alles andere als harmlos sind, mag sein. Dass die Hauptströmung der Santeria irgendetwas mit Menschenopfern zu tun hätte, ist aber ausgeschlossen.

Ostern

16. April 2009

Weihnachten ist auf Kuba seit einigen Jahren wieder staatlicher Feiertag, Karfreitag und Ostermontag aber sind ganz normale Arbeitstage, daher fällt das Osterfest im Alltag nicht besonders auf. Für uns aber waren es natürlich schon besondere Tage. Am Samstag vor Palmsonntag war ich zur Ölweihmesse in der Kathedrale. War es wirklich erst ein Jahr her, dass ich dasselbe Ereignis in Songea in Tansania erlebt hatte ? Hier lief alles pompöser und routinierter (fast hätte ich gesagt: langweiliger) ab als dort. Wo Erzbischof Norbert das Anrühren des Chrisams fast wie ein Hexenmeister zelebrierte, vor dem Altar, damit alle gut sehen konnten, schüttete Kardinal Ortega (das Foto oben zeigt ihn beim Einzug) einfach ein paar Flüssigkeiten zusammen (nächstes Foto).

Palmsonntag ist für viele Menschen hier der wichtigste Tag der Kar- und Osterfeiern, und besonders wichtig ist es für viele, ein Palmblatt aus der Kirche mit nach Hause zu nehmen. „Die steinigen mich, wenn ich keine Palmblätter habe,“ meinte P.Emmanuel. Ein paar Tage vorher sollten freiwillige Helfer des Bischofs die Blätter vorbeibringen. Doch sie kamen nicht. „Die nutzen die Tour durch alle Pfarreien, um sich gehörig zu betrinken. Deshalb sind sie unterwegs steckengeblieben. Das geht jedes Jahr so,“ meinte ein Insider. Am nächsten Tag kamen die Palmblätter wieder nicht, diesmal lautete die Erklärung, „Wegen des Windes kann niemand auf die Palmen steigen, um die Blätter zu holen.“ Schließlich kamen sie aber doch, und in unserer Kirche reichten zwar die Sitzplätze nicht aus, wohl aber die Palmblätter. Die Leute steckten die Blätter zu einer Schlinge zusammen, das Ergebnis erinnerte mich an einen Notenschlüssel (siehe Foto unten). Warum aber sind die Blätter so wichtig ? Ein Kubaner erklärte uns, dass manche einen Teil davon verbrennen, um die bösen Geister zu vertreiben. Am Nachmittag sah ich auf der Straße noch eine andere Verwendung: Ein junger Mann schwarzer Hautfarbe trug die Schlinge des Palmblattes um seinen Hals, offensichtlich eine andere Methode zur Abwehr böser Geister.
Die vier großen Gottesdienste vom Gründonnerstag bis zum Ostersonntag waren dann zwar nicht so gedrängt voll, aber doch gut besucht.